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Alles gut, alles schlecht? - Der nationale Wettbewerb beim Dresdner Kurzfilmfestival

Alles gut, alles schlecht? - Der nationale Wettbewerb beim Dresdner Kurzfilmfestival

Normalerweise kann man die Qualitätskurve beim Programm eines Filmfestivals ganz gut mit der Kurve eines Herzschlags auf einem EKG-Monitor vergleichen - mal rauf, mal runter und das Ganze relativ gleichmäßig verteilt.

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"Däwit" ist ein stilistisch herausragender Animationsfilm.

Quelle: Filmfest

Beim Nationalen Wettbewerb des Dresdner Filmfests im vergangenen Jahr traf das durchaus zu, wobei dort die Herzensangelegenheit der Veranstalter für einen entsprechend schnellen Rhythmus mit zahlreichen Höhepunkten gesorgt hatte. Bei der diesjährigen Instanz hat es der kreative Filmrezensent hingegen äußerst schwer, seine Besprechung an einer Metapher wie der obigen aufzureihen - denn irgendwie scheinen es Jury und Programmverantwortliche beim 27. Filmfest darauf angelegt zu haben, gleich selbst klare Grenzlinien zu ziehen.

Was das bedeutet, kann man nun nur ganz unsubtil anhand von harten Fakten erklären: Während das zuerst gesehene, zweite Segment des Nationalen Wettbewerbs im Vergleich zum Vorjahr einen unerklärlichen Qualitätsverlust anzudeuten schien und für einiges Kopfschütteln im Publikum sorgte, wartete der dritte Programmteil im krassen Gegensatz mit der besten Auswahl an hochwertigen Beiträgen auf, die dieser Betrachter je bei der traditionsreichen Dresdner Kulturveranstaltung gesehen hat. Ob nun Zufall oder bewusste Entscheidung, auf jeden Fall schien die Spreu bereits vom Weizen getrennt, weshalb eine nüchterne Abhandlung nach den vorgelieferten Blöcken - wenngleich schreiberisch einigermaßen unelegant - die naheliegendste Lösung scheint.

Der beste Film im zweiten Segment war klar "Ein Tag am Meer" - eine sensible Mutter-Tochter-Geschichte, in schönen Bildern erzählt, nur in ihrer Auflösung etwas vorhersehbar und abrupt, daher ohne wirklich starken Nachhall. Die zwei Animationsbeiträge "Bär" und "Opossum" warten nur scheinbar mit tierischen Protagonisten auf - im ersteren Fall ist Meister Petz ein Stand-in in der Lebensgeschichte eines Großvaters, das Nagetier im zweiten Szenario der geheime Grundbaustein einer Kaffeemaschine. Beides originelle Ideen, gut gemacht und unterhaltsam, aber kaum mit einer nachhaltigen Wirkung oder Aussage.

Über den Rest von Segment Zwei gibt es indes nichts Gutes mehr zu sagen. In "Asche" erhält der Protagonist von seiner Ex-Freundin eine Erklärung für ihre Trennung, läuft in der Folge ein bisschen die Straße entlang und dann über ein Feld. Das war's. In "Sophie Charlotte Baujahr 2013" werden Zeitraffer-Impressionen von Berliner Bauarbeiten in Flacker-Collagen arrangiert und ab und zu mit dem Gesicht einer jungen Frau gegengeblendet - ein Warum erschließt sich nicht. Und schließlich muss der Zuschauer "Das satanische Dickicht" über sich ergehen lassen, eine fast halbstündige, dramaturgielose Aneinanderreihung von Momentaufnahmen einer Spießbürgertristesse, die wohl meint, die Darstellung von Langeweile müsste mit der Erzeugung derselben Hand in Hand gehen. Der unendlich prätentiöse Einsatz einer minutenlangen Arie gegen Ende macht das Ganze nicht zu Kunst, sondern unfreiwillig komisch.

Was für ein Quantensprung dagegen Segment Drei! Dieses beginnt am obersten Ende der Skala mit "Däwit", einem stilistisch herausragenden Animationsfilm, der die ebenso menschliche wie allegorische Lebensgeschichte seines Protagonisten enorm dicht erzählt und dabei intelligent Elemente verschiedener Mythologien miteinander verwebt. Das auf wahren Begebenheiten beruhende Drama "Chain" bietet neben hochklassigen Bildern und Darstellerleistungen eine überraschende, schockierende Wendung - die im Titel angedeutete Kausalität in voller Konsequenz. "Eat My Dream" ist eine poetische Einzelbild-Collage über das Leben und Sterben in einer Fischfabrik - ein schweres Thema elegant und vielsagend aufbereitet. Der perfekte Kontrast dazu ist gleich darauf "Sonntag", die menschlich anrührende Geschichte eines kleinen Mädchens, das seine geschiedenen Eltern wieder zusammenführen möchte.

Und zum Schluss darf dann noch ordentlich gelacht werden, bei "Herman the German" von Michael Binz. Der gebürtige Kölner hat für seinen aufwendigen Abschlussfilm zahlreiche namhafte Darsteller gewinnen können - angesichts der Fülle an visuellen und erzählerischen Ideen, mit denen die Geschichte eines erfahrenen Bombenentschärfers auf einer Entdeckungsreise durch alle denkbaren Phobien erzählt wird, kein Wunder. Zudem füllt Binz seinen Film mit zahllosen verspielten Details sowie satirischen Reminiszenzen ans Hollywood-Kino und legt dabei ein Erzähltempo hin, das sich stellenweise mit "Fight Club" messen kann. Eine mehr als beachtenswerte Leistung.

Kurzum, es gibt viel Gutes zu sehen beim diesjährigen Nationalen Wettbewerb - und der Zuschauer muss es sich nicht tröpfchenweise zusammensuchen, sondern kann gleich ganz gezielt Tickets für das dritte Segment der Programmsparte buchen. Hier ist ein filmisches Highlight (oder gleich deren fünf) garantiert.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.04.2015

Rafael Kühn

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