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Ab Dienstag sucht das 24. Filmfest Dresden auch nach kleinen Freiheiten im ehemaligen Ostblock

Ab Dienstag sucht das 24. Filmfest Dresden auch nach kleinen Freiheiten im ehemaligen Ostblock

Übers "International Short Film Festival" zu schreiben, ist wie ein kleines Lexikon verfassen. Die Themen lassen sich nicht mit drei, vier Sätzen zusammenfassen und wer nur die Höhepunkte aufzählt, hat schnell das Gefühl, Wichtiges zu unterschlagen.

Eine Matroschka ist deshalb zu Recht das diesjährige Veranstaltungssymbol, denn in ihrem Bauch trägt sie neben den beiden großen Filmwettbewerben national und international (DNN werden ausführlich berichten) wahnsinnige 29 Sonderprogramme. Ihr eines, weit aufgerissenes Auge richtet sie retrospektiv in den europäischen Osten der 1960er Jahre, in die politische eingezäunte Zeit zwischen Aufbruch und Scheitern, Utopie und Realität.

Es sei ein Festival der Jubiläen, richtet die Festivalleitung aus. 40 Jahre Filmschule Tel Aviv, 20 Jahre Kooperation mit dem Institut français, zehn Mal KlangMusikPreis in Kooperation mit dem Europäischen Zentrum der Künste Dresden Hellerau (allerdings in diesem Jahr zum letzten Mal). Das Festival feiert auch den 100. Geburtstag des deutschen Animationsfilmemachers Peter Sachs und den 110. Geburtstag des Dresdner Autors und Regisseurs Curt Siodmak, der mit Filmen über Zombis und Wolfsmenschen die Science Fiction- und Horrorfilmentwicklung in Deutschland und später in Amerika vorantrieb und mit dem eher unbekannten Langfilm "FP1 antwortet nicht" aus dem Jahr 1932 posthum geehrt wird. Dies ist zugleich der älteste und längste Film des Festivals, läuft allerdings außer Konkurrenz, denn die maximale Wettbewerbslänge beträgt 30 Minuten. Eine Vorgabe "die öfter ausgereizt wurde", wie Katrin Küchler durchblicken lässt. Sie ist eine der drei Festivalleiterinnen, die 2010 die Veranstaltung übernahmen und 2011 erstmals ausrichteten. Neben ihr sorgen Karolin Kramheller und Alexandra Schmidt sowie ein neunköpfiges Team (und eine zehnköpfige Auswahlkommission) dafür, dass aus 71 Wettbewerbsbeiträgen neun Goldene Reiter davon galoppieren. 2012 gibt es mit 64 250 Euro nochmal über 1000 Euro mehr Preisgeld als im Vorjahr.

Kramheller betont, dass der Rückzug in die Neustadt vor zwei Jahren ein Erfolg für die Veranstaltung gewesen sei, da viele der cineastisch Aktiven nun mal zwischen Schauburg und Thalia-Kino lebten. Aber auch das Programmkino Ost wird in diesem Jahr zum Wettbewerbskino für die nationalen Beiträge - auch auf der anderen Elbseite werden Filme abseits des Mainstream geschaut. Mit der AOK als neuem Hauptpartner ging schließlich auch der letztjährige Wunsch Kramhellers nach mehr Sponsoring in Erfüllung. Sie erklärte, dass sich eine Veranstaltung dieser Größe und Bedeutung nicht allein mit öffentlichen Fördermitteln durchführen ließe.

Die ersten gezeigten Kurzfilme lassen vermuten, dass es, besonders im Bereich der Animation, einigermaßen abwechslungsreich wird: am Computer inszeniert, aus Knete geformt oder mit Kohle gezeichnet und in Stop-Motion übersetzt. Der Stil sei häufig betont surreal, "weg von Wallace & Gromit", fasst André Eckhardt, Geschäftsführer am Deutschen Institut für Animationsfilm e.V. (DIAF), die Auswahl zusammen, die von der Ausstellung "Wandellust - Die Kunst der Knetanimation" begleitet wird. Neben Izabela Plucinska, die in diesem Jahr mit ihrem Knetfilm "Afternoon" eine Weltpremiere auf dem Filmfest feiert, wird dort auch Bruce Bickford anwesend sein, der jahrelang für Frank Zappas Musikvideos Figuren aus Lehm geformt hat.

Anja Ellenberger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des DIAF und Kuratorin des Schwerpunkthemas "Ostwind", das sich osteuropäischen Kurzfilme der 1960er Jahre widmet: Schwarzweißfilme und Zeichentrick aus Polen, Tschechien, Ungarn, der UdSSR und auch aus der DDR. Die Filme sind mal märchenhaft entrückt und mal explizit und politisch anklagend.

Ellenberger sieht in dem Genre eine politische Experimentierfläche: "Die staatlichen Gremien haben bei Kurzfilmen nicht so genau hingesehen, so konnte man sich darin ausprobieren. Manche wurden aber auch zerhackt." Das heißt sie wurden beschnitten oder ganz verboten. Der im "Ostwind" vertretene jugoslawische Film "Gratinated Brain" von Pupilia Ferkeverk wurde beispielsweise 1969 für "dekadent" erklärt. Die Tatsache, dass auch solche Filme gezeigt werden, zeichnet einen schönen Kreis zum Ursprung des Dresdner Filmfests, das im Frühjahr 1989 gegründet wurde und anfänglich vor allem verbotene oder selten gezeigte Spielfilme einer filminteressierten Öffentlichkeit vermittelte.

Auch noch erwähnt seien das Musikvideoprojekt "Collapse Into Now" der 2011 aufgelösten Band R.E.M. mit einer anknüpfenden Fotoausstellung Anton Corbijns, das gewachsene Kinder- und Jugendprogramm sowie die Mitteldeutsche Filmnacht und Beiträgen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Am Ende wird im Kleinen Haus gefeiert und zwar ein hoffentlich vielfältiges und spannendes Filmfest. Juliane Hanka

Das "24. Filmfest Dresden - International Short Film Festival" findet vom 17.-22. April in der Schauburg, im Thalia, im Kleinen Haus des Staatsschauspiels und im Programmkino Ost statt. Alle weiteren Informationen unter www.filmfest-dresden.de.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.04.2012

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