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"meso production" plant Produktion im Societaetstheater Dresden

"meso production" plant Produktion im Societaetstheater Dresden

Zwei Schauspieler gründen eine eigene Produktionsfirma und werden mit ihrem ersten Stück "Peepshow" gleich zum Hamburger Nachwuchs-Theaterfestival eingeladen. Juliane Hanka sprach für DNN mit dem Dresdner Dominik Schiefner und der Kölnerin Anna Möbus.

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Die Kölnerin Anna Möbus und der Dresdner Dominik Schiefner.

Quelle: Ronald Bonß

Frage: Ihr Stück "Peepshow" wurde 2014 als freie Produktion zum Theaterfestival "Kaltstart" in Hamburg eingeladen. Wer darf zu so einem Nachwuchsfestival?

Dominik Schiefner: Es werden herausragende Produktionen von Nachwuchs-Regisseuren eingeladen. Wir fanden uns neben Produktionen vom Thalia Theater Hamburg, der Volksbühne Berlin und dem Burgtheater Wien wieder. Eine besondere Ehre und Auszeichnung.

Worum geht es in Ihrer "Peepshow"?

D.S.: Es geht um eine junge Frau, die, symbolisch für viele unserer Generation, auf der Suche nach einem Platz im Leben ist, nach Bindung, gegen die Vereinzelung. Ein wichtiges Thema unserer Zeit, wie wir durch die stückbegleitenden Workshops mit Jugendlichen gemerkt haben. Die Autorin Marie Brassard hat ein Stück geschrieben, das nicht im klassischen Sinn eine Dramaturgie hat, sondern 19 einzelne Geschichten erzählt. Wie in der Kabine einer Peepshow, die es dem Kunden erlaubt, nur durch ein kleines Fenster eine Szene in einem benachbarten Raum zu betrachten, bekommen wir einen Einblick in die Gedankengänge einer jungen Frau.

Was glauben Sie, warum hat man sich für Ihr Stück entschieden?

D.S.: Eine Besonderheit dieser Inszenierung ist sicher das Team. Wir haben eine freie Künstlerin, einen Architekten, eine studierte Malerin, eine Soziologin - einen Genremix aus Schauspiel, Hörspielelementen, Musik, Video und Raum, der aber dem Inhalt des Stückes dient. Wie uns beschrieben wurde, ist uns das wohl sehr gut gelungen.

Hat Ihnen die Teilnahme mehr Aufträge gebracht?

Anna Möbus: Direkte Aufträge nicht. Ich denke aber auch nicht, dass das unbedingt der Ort dafür ist. Wir haben in jedem Fall spannende Menschen kennengelernt und Kontakte geknüpft. Das ist viel wert.

Herr Schiefner, Sie sind Schauspieler, Komponist, Dozent und nun auch Regisseur? Machen Sie am liebsten alles selber?

D.S.: Nein, für mich ist bei einem künstlerischen Schaffensprozess die Teamarbeit und der Austausch das Wichtigste. Ich bin und bleibe Schauspieler, also Geschichtenerzähler. Für mich sind meine verschiedenen Tätigkeiten keine unterschiedlichen Berufe, sondern andere Sichtweisen auf die gleiche Sache: den Stoff, den ich erzählen möchte. Leider kommen wir davon im zunehmend kommerzialisierten Theaterbetrieb immer weiter weg. Deshalb ist die Arbeit mit einem Team, das selber zusammenfindet und sich die Zeit zum Nachdenken nimmt, um nicht nur die nächste Premiere "erfüllen" zu müssen, ein Geschenk.

Frau Möbus, Sie Schauspielerin, haben auch schon als Regieassistentin gearbeitet und aktuell ein Stück mitentwickelt. Ist Ihnen "nur" schauspielern zu wenig?

A.M.: Nein, auf gar keinen Fall! Ich könnte auch nur auf der Bühne stehen. Aber für mich gehört das alles zusammen. Ich bin sehr froh, dass ich vor Beginn meines Schauspielstudiums zwei Jahre lang den Theateralltag mit all seinen Facetten erlebt habe. Als ich dann das erste Mal auf der großen Bühnen stand, wusste ich, was alles dahintersteckt; ein Kostüm, Requisiten, Maske etc. Es ist so wichtig, den Horizont zu erweitern und zu wissen, wie das System funktioniert oder was es für Alternativen gibt. Ich bin kein Fan davon, naiv unter einer "Schauspielerglocke" auf der Bühne zu stehen und die Gesamtheit meines Berufs nicht zu verstehen.

Was heißt für Sie Theatermachen?

D.S.: Ich finde Produktionen aus den Niederlanden sehr spannend, die seit langer Zeit den Genremix praktizieren. Die Inspiration von anderen Kunstformen wie Tanz, Musik oder Bildender Kunst. Wir stellen die Geschichte in den Mittelpunkt unserer Arbeit - die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Theater heißt im Altgriechischen ja u.a. "anschauen". Der erste Schritt, um was erzählen zu können, ist hinzuschauen und sich mit dem aus- einanderzusetzen, was man gesehen hat. Ein weiterer Punkt ist, dass wir nicht irgend jemandem unterstellt sind, der vorgibt, was angeblich "Einschaltquote" bringt. Wir stellen uns direkt unserem Publikum, und das ist emanzipiert genug, selber zu entscheiden, was es sehen möchte.

A.M.: Da schließe ich mich an. Wer auf die Bühne geht, muss etwas zu erzählen haben, in welcher Form auch immer. Ansonsten sehe ich keine Berechtigung.

Sie kommen aus Köln und Dresden. Ist das eine Kreativehe, die als Fernbeziehung funktioniert, oder sind Sie meistens am selben Ort?

D.S.: Kreativehe ist ein sehr schöner Begriff. Wir arbeiten auch immer wieder getrennt in anderen Produktionen - ein wichtiger Punkt, um nicht nur aus sich selber zu schöpfen. Aber über die Hälfte des Jahres sind wir schon zusammen. Von Vorteil ist, dass ich gerade viel an der Alanus Hochschule, einer Hochschule für Kunst und Gesellschaft, arbeite und die ist fast neben Köln.

Die 5000 Euro für die Produktion haben Sie über Startnext gesammelt. Wie schwierig ist es, eine Idee ohne festes Haus umzusetzen?

D.S.: Natürlich ist es schwieriger. Wir haben in Deutschland noch die Tradition des subventionierten Theaters. Wie lange wir diesen Luxus noch haben, wird sich zeigen. Ich glaube, es wird auf Dauer wichtig sein, dass das Bewusstsein geschärft wird, dass Kunst auch privat finanziert sein muss. Das war lange Zeit so und ist in anderen Ländern üblich. Deshalb müssen wir als Künstler dafür sorgen, eine unabdingbare Berechtigung zu haben. Kunst und Kultur sind wichtige Güter einer Gesellschaft. Wenn wir nur noch schauen, was Geld bringt, schneiden wir uns ins eigene Fleisch.

A.M.: Bei "Peepshow" war diese Überzeugungsarbeit wichtig, um Geld zu sammeln, ohne betteln zu gehen. Wir haben uns als Maxime gesetzt, alle Beteiligten anständig bezahlen zu können. Wir hatten keine Unterstützung aus Steuertöpfen. Nicht der einfachste Weg, aber eine gute Erfahrung, um den Wert schätzen zu lernen. Am Ende kannten wir jede Schraube des Bühnenbildes und waren stolz, dass wir keine großen Abstriche machen mussten.

Sie haben 2014 dafür die Produktionsfirma "meso-production" gegründet. Hilft das?

D.S.: Wir haben uns für unsere Arbeit einen Namen gegeben und gemeinsam mit Nils Brabandt, der für Organisation und PR-Arbeit zuständig ist, beschlossen, weitere Produktionen zu realisieren. Neben "Peepshow" entstand eine Inszenierung für den "Greizer Theaterherbst" und die künstlerische Ausgestaltung der Verleihung des "Deutschen Rheumapreises" beim Tagesspiegel in Berlin. Für uns ist es wichtig zu zeigen, dass wir nicht irgendwelche Spinner sind, die Kohle für irgendeine abgefahrene Idee haben wollen, sondern, dass wir langfristig planen.

A.M.: Einen "klaren" Arbeitsraum wie in diesem Fall eine Produktionsfirma und einen Namen zu haben, ist generell sehr hilfreich. In diesem Beruf sind die Grenzen zwischen Privatheit und Beruf fließend. Überall steht man mit seinem eigenen Namen. Auch für den Kopf ist diese Art von Struktur nicht schlecht.

Wann spielen Sie wieder in Dresden?

D.S.: "Peepshow" ist zunächst in Dresden abgespielt und tourt jetzt bei Festivals und als Gastspiel im Westen und Süden des Landes. Wir planen für Dresden im Societaetstheater eine Produktion, die sich mit dem Begriff "Freiheit" auseinandersetzt. Eine Kooperation mit einer Autorin, einem bildenden Künstler, einem Musiker und einem Team von Medienkünstlern. Vorausgesetzt, es kann finanziert werden, was nicht absehbar ist, solange der städtische Zuschuss fürs Theater nicht endgültig geklärt ist.

A.M.: Ich werde als nächstes eine Produktion mit dem Theater "La Lune" in Dresden machen. Es ist der zweite Teil der Trilogie "Drei Farben: schwarz-rot-gold". Eine Stückentwicklung mit dem Arbeitstitel "Revolte in Arbeit". Das Stück werden wir auch im Societaetstheater spielen. Diese Sache ist für mich eine der "Peepshow"-Früchte, denn die Regisseurin Veronika Steinböck kennt mich aus einer unserer Vorstellungen.

"Peepshow" spielten sie im Wechselbad, das jetzt zum Boulevardtheater wurde. Werden Sie auch dort auftreten?

Die Kooperation mit dem Wechselbad war an Gerd Schlesselmann gebunden, einen wunderbar verrückten Theatermacher, der Sachen unterstützt hat, die nicht in erster Linie Gewinn versprachen. Als gebürtiger Dresdner verwundert mich sehr, dass wir in der so genannten freien Szene einen Zuwachs an Komödien-, Mundart- und Dinner-Produktionen haben. Das Societaetstheater ist die einzige ernstzunehmende Produktionsstätte für so wunderbare Gruppen wie Cie. Freaks und Fremde und Theater La Lune. Momentan langen, nach Aussagen des Theaters, die Subventionen gerade noch für die Betriebskosten des Hauses. Somit bleibt nichts für die Künstler. Selbstredend keine Perspektive, um in Dresden arbeiten zu können. Ich möchte und werde nicht um Geld betteln. Jeder muss selber wissen, ob und welches kulturelle Angebot er in seiner Stadt haben möchte.

Premiere: 30. Januar, 20 Uhr, Societaetstheater: "Revolte in Arbeit", Tickets: 14 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.01.2015

Juliane Hanka

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