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"... in einem sehr guten Zustand": Interview mit dem Dirigenten Ingo Metzmacher

"... in einem sehr guten Zustand": Interview mit dem Dirigenten Ingo Metzmacher

Die Dresdner Philharmonie hat eine lange Tradition, was das sinfonische Schaffen von Anton Bruckner betrifft. Es gab wiederholt zyklische Aufführungen aller Sinfonien - "als Erinnerung an den Meister" steht am Sonnabend einmal mehr die 8. Sinfonie c-Moll auf dem Programm.

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Ingo Metzmacher

Quelle: Harald Hoffmann

Die wurde von diesem Orchester zuletzt vor knapp zehn Jahren unter ihrem damaligen Chef Marek Janowski aufgeführt. Jetzt dirigiert Ingo Metzmacher das gigantische Werk. DNN sprach mit ihm.

Frage: Wissen Sie, dass Bruckners 8. in Dresden als Synonym für "Brautschau" steht? Nachdem Christian Thielemann dieses Werk dirigiert hatte, wurde er Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle...

Ingo Metzmacher: Ich weiß. Aber ich habe überhaupt kein Problem damit, zumal wir die andere Fassung dieser Sinfonie spielen, die von 1887. Bruckner hatte sie ja nach der Kritik von Hermann Levi nochmal umgeschrieben, beide Fassungen haben meiner Meinung nach Vor- und Nachteile. Man kann darüber diskutieren, kann die Unterschiede gründlich studieren, aber wirklich kennenlernen kann man ein Werk sowieso nur, wenn man es aufführt. Diese Erfahrung möchte ich machen. Ich hatte immer schon ein Faible für Stücke, die nicht ganz auf der Hauptstraße liegen.

Mit Wiener Klassik und Romantik sind Sie großgeworden. Sehen Sie sich als Sachwalter?

Mein Vater war ja Cellist, der hat in den 1920er Jahren noch bei Julius Klengel in Leipzig studiert. Durch ihn bin ich mit der großen deutschen Musiktradition von Kindheit an in Berührung gekommen. Zu Hause habe ich ständig Musik gehört, Kammermusik vor allem, und wahnsinnig viel gelernt, was ich zum Teil erst später verstanden habe. Diese Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin, lässt sich weitergeben.

Sie werden oft in die Schublade für Neue Musik gesteckt, dabei ist Ihr Spektrum viel breiter. Wie gelingt dieser Spagat?

Irgendwann kam die Zeit, da wollte ich einfach nur raus aus der Welt meines Vaters. Auch, um mich abzusetzen. So habe ich die Moderne für mich entdeckt. Aber ich betrachte das nicht als verschieden, ob ein Stück aus dem 20., dem 19. oder dem 18. Jahrhundert stammt. Ich glaube, dass alle großen Komponisten dasselbe wollten, nur mit unterschiedlichem Vokabular. Der Antrieb, Musik zu schreiben, hat sich nicht geändert. Wenn die heute alle zusammensitzen würden, Bruckner, Messiaen, Mozart, Stockhausen, Henze, Nono - die würden sich ganz gut verstehen. Meine Aufgabe als Dirigent ist es, diese Musik am Leben zu erhalten.

Gerade Luigi Nono und Anton Bruckner sind gar nicht so weit auseinander, da gibt es bei beiden diese horizontalen Entwicklungen und gewaltigen Klangkumulationen. An Bruckner interessiert mich die mutige Modernität mit ihren ungeheuren Behauptungen, mit ihren Längen, den Riesen-Crescendi, den katastrophischen Momenten, den Abbrüchen und dem Neubeginn - Das ist eine große Herausforderung, diese vielen disparaten Momente so geschehen zu lassen, dass am Schluss etwas Ganzes zustande kommt. Hier liegt ja der Zwiespalt bei Bruckner, zwischen der Idee, etwas ganz Großes zu schaffen und inhaltlich dafür mit ganz vielen Widersprüchen zu arbeiten. Mit Kräften, die gegeneinander arbeiten. Da hat mich Bruckner in den letzten Jahren am meisten interessiert, was Sinfonien betrifft.

Die Philharmonie ist wegen des geplanten Umbaus des Kulturpalastes "unterwegs" - in welchem Zustand erleben Sie das Orchester?

Es ist ein sehr gutes Orchester, das seinen neuen Saal unbedingt braucht. Der Kulturpalast war akustisch wirklich nicht ideal. Es ist der Philharmonie nur zu wünschen, dass der Bau glückt und sie ihre ausgezeichnete Arbeit unter besseren Bedingungen fortsetzen kann.

Was denken Sie, wie lang so ein Zustand des Unterwegsseins tragbar ist?

Wenn die Perspektive klar ist, wenn sie verlässlich ist und am Ende eine Verbesserung dabei herauskommt, kann man so eine Zeit gut überstehen. Das muss kein Schaden sein, sondern kann im Gegenteil auch eine Chance bieten. Die steckt in jeder schwierigen Situation. Ich habe in der Zusammenarbeit ein gutes Gefühl gehabt, die Musiker sind sehr konzentriert, sehr engagiert - die Philharmonie ist in einem sehr guten Zustand.

Hatten Sie am Rande der Proben Gelegenheit, Eindrücke von der momentanen Situation in Dresden wahrzunehmen?

Ich gehe jeden Tag auf die Brücke und schau mir das an. Für die Betroffenen muss es unsagbar schwierig sein, das, was 2002 gewesen ist, heute wieder zu erleben. Die Natur ist eben viel größer als wir - womit wir wieder bei Bruckner sind: Musik setzt sich diesen großen Kräften aus. Apokalyptische Züge und Offenbarung, beides ist nah beieinander.

Konzert Sonnabend, 20 Uhr, Frauenkirche

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.06.2013

Michael Ernst

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