Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 11 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
"-doch so geht es auch": Lessings "Miß Sara Sampson" am Staatsschauspiel Dresden

"-doch so geht es auch": Lessings "Miß Sara Sampson" am Staatsschauspiel Dresden

Es lebe Lessing! Ist er doch dicht dran am Ewigmenschlichen, und das mit all seinen Überlegungen vor gut einem Vierteljahrtausend. Womit hätte sich der kluge, sprachgewandte Menschenkenner wohl in der Gegenwart befasst? Mit Falschheit, Selbstsucht, Dogmatismus, Oberflächlichkeit, Demütigung, Bequemlichkeit, Dummheit, Lug und Trug? Lessing und wir mit ihm sind doch stets auf der Suche nach Wahrheit und Toleranz.

Voriger Artikel
Oscar Wildes "Das Gespenst von Canterville" im Dresdner Schauspielhaus
Nächster Artikel
Mit einem Überraschungssieg sind die Poetry Slam Meisterschaften in Dresden zu Ende gegangen

Matthias Buss und Cathleen Baumann als Marwood, Mellefonts ehemalige Geliebte.

Quelle: Matthias Horn

Lessing ist tot. Und wenn Friedrich Schorlemmer unlängst in seiner Kamenzer Kanzel-Rede von der Enge des Geistes, der Verquickung von Wahrheit und Interesse gesprochen hat, so ist das ein Nach-Denken passend für die Gegenwart.

Keine Frage, die auf zwei Stunden komprimierte Aufführung von "Miß Sara Sampson" des erstmals am Staatsschauspiel Dresden inszenierenden Regisseurs Sebastian Kreyer bringt eine gewaltige Portion Irritation ins Premieren-Publikum. Das sich doch weitgehend an Lessing orientieren möchte. Und nun vom Stück Rudimente und diverse heutige Sprachvariationen erhält. Schlussendlich aber, das lässt der markante Beifall im Kleinen Haus immerhin vermuten, ahnen die Zuschauer, dass Lessing dabei nicht aufgeopfert wird. Die Zeiten haben sich geändert, und der Impuls, das "Trauerspiel" derart auf die Bühne zu bringen, wie es nun zu erleben ist, macht einfach Sinn. Zumal im Rückwärtslauf der rote Faden des Geschehens auch die Eigenarten und Verletzungen derer entwirrt, die sich da so überaus merkwürdig aufgeführt haben.

Auch dem mehrfachen Einwurf vom Diener Waitwell, gespielt von Matthias Buss, der so ganz nebenbei meint, er liebe Lessing, kann man getrost vertrauen. Kreyer umkreist, durchdringt, hinterfragt das Überlieferte auf seine Weise. Und das macht uns, selbst wenn manche Szene gnadenlos überzogen ist, gewiss nicht dümmer. Sicher: "Es geht auch anders, doch so geht es auch."

Die Bühne von Thomas Dreißigacker ist kompromisslos sortiert: drei hohe Nadelbäume und drei Campingwagen. Deutlich aus bekannter DDR-Produktion, doch das sollte man in der zeitlichen Zuordnung nicht so einengend sehen. Die wackligen "Boxen" auf Rädern beherbergen kleine Gruppierungen jener, die sich da etwas erhoffen vom Gang der Dinge. Es sind Wartende, Verlassene, Getröstete und Trost Suchende. Der Gastregisseur und das Haus haben für die Inszenierung ein wahrhaft bemerkenswertes Ensemble zusammengebracht, und dieser Fünferbande gelingt es (Buss spielt auch noch Arabella, Marwoods Tochter) bei den zunächst verunsicherten Zuschauern mit kurios-nuanciertem Spiel auch die Lust am Denken zu forcieren. Frei von billigen Gags, obgleich manche Besucher diese als solche zu entdecken meinen. Mitnichten! Die Inszenierung überzeichnet, aber das mit Geschick und Maß, formt ein reichlich zugespitztes Zeitbild mit Plattitüden, Verlierern und "neuen" Herausforderungen, wo wir uns deutlich wiedererkennen können.

Jene, die da campieren, assoziieren ein endloses Warten auf Veränderung. Der stets aufs Fortlaufen trainierte Mellefont (Christian Clauß) wartet auf eine offenbar beliebig aufrufbare Erbschaft mit Ehe-Klausel. Und etwas genervt hofft Miß Sara (Ines Marie Westernströer) auf überhaupt irgendeine Entscheidung. Der verlassene Vater Sir William Sampson (Ben Daniel Jöhnk) sucht die Komplettierung seines durcheinander gekommenen Hausstandes zu bewirken, derweil Mellefonts ehemalige Geliebte Marwood (mit der großartigen Cathleen Baumann) auf die scheinbar erstrebenswerte Rückeroberung gefallener Bastionen zielt. Jeder hat so seine eigenen Vorstellungen von einer glücklichen Existenz. Sie sind aber kaum miteinander vereinbar.

Letztlich bricht das Warten auf, um in eine neue Stagnation zu verfallen. Marwood nutzt die Chance, Miß Sara auszuschalten, und sucht "couragiert" mit Kind und Wagen im Schlepptau das Weite. Mellefont macht sich gekonnt fit für das, was er am besten kann, seinen (wo auch immer hinführenden) Abgang. Und der Vater mit der dahinschwindenden Sara im Arm kann die nun kraftlose Tochter so ganz nach seinem Willen bewegen. Die Schluss-Metapher braucht keine Erklärung. Sir William spielt Tennis mit der schwarzen "Rückschlag"-Wand und ermutigt dabei immer wieder mit Worten seine Tochter als imaginäre Gegenspielerin zum beherzten Aufschlag. Der Hausfrieden ist wieder hergestellt, die Verblichene quasi "zurückgekehrt" und somit auch die althergebrachte Ordnung nicht mehr in Gefahr.

Das treibt dem Zuschauer gewiss keine Träne ins Auge und offeriert "Miß Sara Sampson" auch kaum als "Rührstück", aber das Publikum ist deutlich gefangen angesichts solcher Entfremdung und von derartigem Eigennutz. Und ein Trauerspiel ist das nun wahrhaft - wer wollte das bestreiten? Wo sich die einen der Verantwortung entziehen und die anderen so oder so schuldig werden. Die "Haut der Zivilisation" ist dünn geworden- Und Nachdenken kann von Nutzen sein. Speziell auch im Theater.

Aufführungen: 9. und 15.11.; 5. und 26.12.; 4.1., Kleines Haus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.11.2014

Gabriele Gorgas

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr