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"...das getan, was mir am Herzen lag"

"...das getan, was mir am Herzen lag"

Es lag ein Schatten über dem gestrigen Abschlusskonzert der 2. Schostakowitsch Tage Gohrisch. Unmittelbar zuvor wurde bekannt, dass der Dirigent Kurt Sanderling verstorben ist.

Der letzte große Meister jenes berühmten Dirigenten-Jahrgangs 1912, dem neben ihm Sergiu Celebidache, Erich Leinsdorf, Igor Markewitsch, Georg Solti und Günter Wand angehörten. Er war dem Schaffen Dmitri Schostakowitschs in besonderer Weise verbunden und bekam aus eben diesem Grunde im Frühjahr den diesjährigen Schostakowitsch-Preis Gohrisch verliehen. Spontan wurde das Abschlusskonzert dem Gedenken an den Maestro gewidmet. Für eine Schweigeminute erhob sich das sichtlich ergriffene Publikum von den Plätzen. Über das Festival werden wir in der morgigen Ausgabe berichten.

Als der körperlich zwar schon geschwächte, aber geistig hell wache Künstler die Ehrung in seinem Haus in Berlin-Pankow entgegennahm, bekannte er in seiner allzu bekannten Bescheidenheit: "Ich will nicht sagen, dass ich diesen Preis nicht verdient habe. Ich habe ihn wohl verdient für meinen unbeirrten Einsatz für Schostakowitsch nach meiner Rückkehr in die DDR. Deshalb nehme ich den Preis nicht ohne Rührung an. Aber ich bin mir klar, dass meine Verdienste eher objektiver Natur waren, nicht subjektiver. Ich habe das getan, was mir am Herzen lag, und das darf man doch nicht als Verdienst bezeichnen."

Die tatsächlichen Verdienste des aus Ostpreußen stammenden Sanderling sind nicht annähernd aufzulisten. Durch seine Erlebnisse solch legendärer Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer oder Bruno Walter dürfte er beizeiten seine Arbeit als im Dienste der Musik stehend betrachtet und sich als Sachwalter derselben verstanden haben. Dabei sind ihm die Musen weder in die Wiege gelegt worden, noch hat er je ein musikalisches Studium absolviert. Seine erste Klavierlehrerin soll nach wenigen Jahren resigniert haben, weil sie ihm nichts Neues mehr beibringen konnte. Via Königsberg zog die jüdische Familie nach Berlin, wo Kurt Sanderling zur Schule ging und sich am Konzert- und Opernangebot der Stadt delektierte. Besonders das Dreigestirn Beethoven, Brahms, Bruckner hatte es ihm angetan. 1931 wurde er Korrepetitor an der Charlottenburger Oper, vier Jahre später jedoch von den Nazis ausgebürgert. Zwar engagierte er sich für den Jüdischen Kulturbund, empfand sich aber selbst als unpolitisch. Von einem Italien-Urlaub konnte er nicht in die Heimat zurückkehren, suchte einen ihm ungefährlichen Ort und fand ihn bei einem Onkel, der als Ingenieur in Moskau tätig war. Aus der ihm auferzwungenen Emigration wurde beinahe ein Vierteljahrhundert, in dem Sanderling zunächst als Dirigent beim Moskauer Rundfunk, später in Charkow tätig war. 1942 berief man ihn zum Chefdirigenten der Leningrader Philharmonie. Dieses Amt teilte er sich mit Jewgeni Mrawinski, der es selbst bis zu seinem Tod 1988 ausübte. Knapp zwei Jahrzehnte lang engagierte sich der Deutsche mit sowjetischer Staatsbürgerschaft außerordentlich stark für die Werke von Gustav Mahler und Dmitri Schostakowitsch, dem er freundschaftlich verbunden war und über dessen persönliche Schwierigkeiten im Sowjetregime er sich mit dem Komponisten sehr vertrauensvoll - ein letztes Mal 1972 in Gohrisch - ausgetauscht hat.

Kurt Sanderling zog 1960 zurück nach Berlin, wo er bis 1977 das Sinfonie-Orchester (BSO) als Chefdirigent leitete. Zudem war er von 1964 an für drei Spielzeiten Chef der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Feste Engagements an der Berliner Staatsoper hatte er abgelehnt. Gewiss werden beim Lesen der Todesnachricht hier wie da vielen Menschen unvergessliche Erinnerungen an diesen Künstler wach, der nichts mehr hasste als die Berühmtheit oder gar ein kultisches Gehabe darum. Was aus dieser enorm fruchtbaren Zeit bleibt, sind wertvolle Rundfunkeinspielungen und Schallplattenaufnahmen.

Zahlreiche Ehrungen waren die Folge für den wohl letzten Vertreter der Romantischen Schule. Den Taktstock hatte Kurt Sanderling bereits 2002 aus den Händen gelegt, Robert Schumanns 4. Sinfonie als Schlusspunkt einer Laufbahn gesetzt, die den Maestro nach dem Abschied vom BSO als Gast an so ziemlich alle international renommierten Orchester führte. In den USA feierte man ihn ebenso wie bei den Londoner Philharmonikern, die ihn zum Ehrendirigenten ernannten. Aufgrund seiner Leistungen und wohl auch wegen seiner einzigartigen Vita wurde er 1990 gebeten, das Konzert zur deutschen Einheit zu leiten.

Nicht nur die Musikwelt trauert um Kurt Sanderling. Am heutigen 99. Geburtstag des Meisters wird auch eine bedeutende Musikfamilie seiner gedenken. Die Söhne Michael, Stefan und Thomas sind allesamt in die großen Fußstapfen des Vaters getreten und arbeiten als Dirigenten. Der 1967 geborene Michael Sanderling begann als Cellist und leitet ab dieser Saison die Dresdner Philharmonie. Michael Ernst

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.09.2011

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