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„clean me“ als tragikomische Science-Fiction-Fantasie in Hellerau

Tanzen hilft, auch beim Blick in die Zukunft „clean me“ als tragikomische Science-Fiction-Fantasie in Hellerau

Die Dresdner Tänzerin und Choreografin Cindy Hammer hat es mit ihrer freien Tanzcompany go plastic inzwischen auf eine beträchtliche Anzahl von Kreationen unterschiedlicher Genres in immer wieder neu ausgewählten Besetzungen gebracht.

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Quelle: Stephan Böhlig

Dresden. Die Dresdner Tänzerin und Choreografin Cindy Hammer hat es mit ihrer freien Tanzcompany go plastic inzwischen auf eine beträchtliche Anzahl von Kreationen unterschiedlicher Genres in immer wieder neu ausgewählten Besetzungen gebracht.

Neben Kurzstücken hat sie auf ihrem immer unverkennbarer werdenden künstlerischen Weg etliche abendfüllende Choreografien herausgebracht. Sie setzte sich mit einem Klassiker wie „Schwanensee“ auseinander und überzeugte mit dem Soloabend „Schwarze Tage, weiße Nächte“. Sie war „Mit Alice in den Städten“ erfolgreich unterwegs und widmete sich zuletzt in einer nun abgeschlossenen Trilogie Filmgenres. Auf den Krimi folgte der Western. Jetzt unternahm sie mit der jüngsten Premiere im großen Saal des Festspielhauses in Hellerau, dem Europäischen Zentrum der Künste, im Rahmen des Formates „LINIE 08 – special“, mit „clean me“ eine so eigenwillige wie ungewöhnliche Annäherung an die Ästhetik der Science-Fiction-Filme.

Dabei nutzt sie für die tänzerischen Ausflüge ihrer Zukunftsfantasien gemeinsam mit ihrer Dramaturgin Susan Schubert die Weite des Raumes in kühl grundierten Sets mit kunstvollem Lichtdesign und sich in keinem Moment verselbstständigenden Videoinstallationen, wofür Nora Weihmann, Benjamin Schindler, Christian Dahley, Johannes Petzold, Johannes Zink, Nico Schalling und Roman Keilhofer verantwortlich zeichnen.

Weil sie kein Zuhause haben, schickt sie ihre tanzenden und spielenden, mitunter sich auch zu Wortakrobaten aufschwingenden Protagonisten auf eine Reise in die Vorhallen des Nichts.

Zunächst Rituale der Reinigung. Dann ab durch die Wolken in kühle, kosmische Welten, dabei aber mit leicht nostalgischen Befindlichkeiten ausgestattet, kann die Badewanne zum Raumschiff werden und sie in Gefilde unter kaltem Sternenglanz führen, in denen die Planeten Augen haben, womit sich der Horror zu den Fiktionen der Zukunft gesellt.

Caroline Beach, Rudi Goblen, Jared Marks, Christian Novopavlowski, Sarah E. Lewis Paulke, Johannes Schmidt, Judith State und Chiara Detscher als Frau im Halbmond präsentieren diesen wohl nicht immer gänzlich ernst gemeinten Zukunftshorror, dem es dennoch an verunsichernden und rätselhaften Momenten nicht mangelt.

Da legt sich eine Tänzerin in das Eisfach der Getränkebar, aus der das Publikum mit reinigendem Mineralwasser versorgt wird. Will sie überwintern, bis der Zukunftsspuk vorbei ist und die Gegenwart wieder eine Zukunft hat?

Da werden die Arme zweier Tänzer zu Propellern und sie heben doch nicht ab. Tanz als Schleudertrauma? Da gibt es spannende, sehr intensiv gestaltete Passagen minimalistischer Bewegungskunst mit vergeblichen Versuchen des expressiven Ausbruchs. Und immer wieder werden Menschen zu Robotern, wie ferngesteuert, gleich fremdbestimmten Wesen, Mutanten der Spielästhetik auf dem Tablet.

Sie sind Heldinnen und Helden, so im Programmzettel, sie sind aber auch zugleich Verlierer oder Amazonen, die keinen Sieg davontragen. Mitunter bekommt der Tanz geradezu autistische Züge, sie benötigen den Computer als Gegenstand gar nicht mehr, diese „Nerds“, jene der Informations- und Hackertechnik verfallenen Wesen, diese ganz und gar nicht unsympathischen Freaks, sie haben den Bildschirm vor Augen, die Tastatur im Kopf und die Wischtechnik bestimmt ihr Gefühlsleben.

Denn dieses kann man doch immer wieder in tänzerischen Momenten wahrnehmen. Da gibt es sie schon, Momente der Annäherung, Relikte des protestierenden und widerständigen Rap, Zitate des vom Protest auf den Straßen in den heiligen Hallen der Tanztheater gefügig gemachten Breakdance oder mit Elementen des Moonwalking Erinnerungen an das Kind in einem Manne namens Jackson, der sich kraft chirurgischer Künste der Zukunft entziehen wollte.

Und dann kommen uns diese getanzten Fiktionen immer näher, diese kosmischen Welten drehen sich längst und wir drehen uns mit und sind knapp vorm Durchdrehen. Es gibt keine Fiktionen, die nicht ihren Ursprung in Geschichte und Gegenwart hätten.

Und so, wie es Cindy Hammer zum einen versteht, den weiten Raum des Festspielhauses mit ihren choreografischen Kreationen verblüffend geschickt und kunstvoll zu nutzen, so kann sie auch immer wieder in geradezu kammerspielartigen Momenten ihre Figuren der Zukunft ganz gegenwärtig als einsame Menschen agieren lassen, denen wir gerne unsere Sympathien schenken. Bei den mitunter schon ein wenig ausufernden Monologen sind es aber vor allem Stichworte, die dann doch eher die eigene Fantasie und die eigenen Reisen in die erträumte oder gefürchtete Zukunft in Gang setzen, wie überhaupt ein großer Hauch der Freiheit über dieser Produktion der go plastic-Company schwebt. In dieser Freiheit ist dann auch Platz für Absurditäten wie die der exaltierten Frau und ihrer Macht über die Verteilung des reinigenden Mineralwassers. Oder jener Frau, die sich am Ende in das Kühlfach legt, um sich mit dem Proviant frischer, aufgeschlagener Eier auf ihre Reise in die Vorhalle des Nichts zu begeben, was ja dann doch, wegen der Eier als Symbol des Lebens, sofern man sie nicht brät, in tieferem Sinn ein Ausdruck der Hoffnung wäre. Mit Augenzwinkern, versteht sich, sonst wäre es kein Stück von Cindy Hammer.

Von Boris Gruhl

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