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...aber kein Straßentheater: "Der Provocateur" von Christian Lollike am Dresdner Külz-Ring

...aber kein Straßentheater: "Der Provocateur" von Christian Lollike am Dresdner Külz-Ring

Gibt's nicht schon genug Theater auf den Straßen von Dresden? Das wird derzeit schließlich mit lautstarkem Gebrüll zelebriert, was durchaus putzige Pointen beinhaltet, wenn etwa von scheinbaren Analphabeten Choräle wie "Lügenpresse" in den Abendhimmel geblökt werden.

Dresden.

Als wäre all das nicht mehr als genug, zieht es nun auch noch das echte Theater ganz ohne Not auf die Straße. Ganz ohne Not? Nun, das sicherlich nicht. Wo die Politik häufig hilflos bleibt, ist das Theater umso mehr als moralische Anstalt gefragt.

Für die nächste Neuproduktion kommt erneut der dänische Erfolgsautor und Künstlerische Leiter des Kopenhagener Theaters Sort/Hvid nach Dresden. Nach Inszenierungen seiner Stücke "Das normale Leben oder Körper und Kampfplatz" (2012, deutsche Erstaufführung) und "Träume werden Wirklichkeit! Ein Disneydrama" (2014) erarbeitet er nun eine "Passantenbeschimpfung" mit dem Titel "Der Provocateur". Im DNN-Gespräch erläutert der 1973 in Kopenhagen geborene Theatermann, dass mit diesem Projekt auch ganz aktuell auf das Geschehen in der Stadt reagiert werden solle.

Er habe natürlich von Pegida gehört, sei aber erstaunt gewesen, wie viele Menschen da unter teils kruden Slogans über die Straße gezogen seien. "Manche haben sogar Putin-Rufe skandiert", wundert sich der dänische Gast, freut sich aber, dass er erneut nach Dresden eingeladen worden ist.

"Der Provocateur" ist eine Koproduktion mit Aarhus, Bergen, Kopenhagen und Stockholm, wo dieses Stück bereits gezeigt wurde. "Das Grundkonzept ist überall dasselbe", beschreibt Lollike, "aber die Abläufe wechseln von Stadt zu Stadt und sind abhängig davon, worüber vor Ort gerade gesprochen wird."

Dresden darf auf eine Performance gespannt sein, die an drei Nachmittagen bei freiem Eintritt am Dr.-Külz-Ring (Platz vor der Altmarktgalerie) gezeigt wird. Lollike, Autor und Regisseur in Personalunion, hat dieser Tage nochmal recherchiert und wird seinen Text nun einem Feinschliff unterziehen. "Wir verwenden auch Material von Bono, Gandhi, Marx und anderen, manches wird improvisiert, in freier Rede wiederholt - ich bin gespannt auf die Reaktionen." Seine bisherigen Erfahrungen seien durchaus vielfältig gewesen: "Skandinavien hatte lange eine ähnliche Mentalität, aber da gibt es einen Wechsel. Schweden will politisch absolut korrekt sein, in Dänemark ist die Freiheit der Rede ein hohes Gut, man kann alles sagen, was man will. Auch das kann aber ein Problem sein. Und in Norwegen war es verrückt, da haben wir sogar Polizeischutz gebraucht."

Es gebe überall Menschen, die missverstehen wollen, sagt Lollike und betont den großen Unterschied zwischen Bühne und öffentlichem Raum. Hier werde "Der Provocateur", gespielt von drei sich abwechselnden Schauspielern (Ben Daniel Jöhnk, Benjamin Pauquet, Matthias Luckey), in einem großen Käfig auf das Publikum, die Passanten, einreden und es zum Dialog einladen. Schon die äußere Situation dürfte irritieren: "Wer da vorbeigeht, weiß ja nicht, was das soll und woher der Käfig kommt." Der Clou aber ist, dass man den Akteur gegen Entrichtung eines von ihm bestimmten Obolus' "abwerfen" kann. Mit Ballwürfen. Er fällt dann in seinem Käfig in eine Schaumstoffmenge.

Auf die Reaktionen in Dresden sei er äußerst gespannt. In der norwegischen Stadt Bergen habe es viel Pro und Kontra gegeben, erinnert sich Christian Lollike. "Dort sind viele Flüchtlinge, die Menschen sind sensibilisiert. Anderswo ist das Problem größer, dass die Leute nur ans Einkaufen denken und bloß mit halbem Ohr zuhören."

Dennoch hoffe er natürlich, dass Theater gesellschaftliche Diskussionen beeinflussen kann. "Wenn ich diese Hoffnung aufgeben würde, wäre das zynisch. Wenn alles klappt, reist "Der Provocateur" nach seiner Dresden-Visite nach Belgrad und Kopenhagen.

Lollike selbst wird in der eben begonnenen Spielzeit noch ein weiteres Mal am Staatsschauspiel präsent sein, im Frühjahr kommt hier sein Stück "Die lebenden Toten" als Uraufführung heraus. Auch dies ist aktuelle Zeitgeschichte: "Was denken wir wirklich, wenn wir von den Bootsflüchtlingen im Mittelmeer hören? Ich will dieses Thema mit einem Zombie-Film kombinieren. All diese Menschen wollen nach Europa, und wir verschließen die Augen vor ihrer Not."

"Der Provocateur" 24., 25.9. je 17 bis 18.30 Uhr, 26.9. 14 bis 15.30 Uhr, Dr.-Külz-Ring (Altmarktgalerie), Eintritt frei

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.09.2015

Michael Ernst

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