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Zwischenbilanz und Ausblick: Felicitas Loewe, Intendantin des TJG Dresden im Interview

Zwischenbilanz und Ausblick: Felicitas Loewe, Intendantin des TJG Dresden im Interview

Zwischenbilanz und Ausblick - so könnte das Interview mit Felicitas Loewe, der Intendantin des Theaters Junge Generation (tjg), auch umschrieben werden. Doch es geht natürlich um mehr: um Baustellen, bildende Kunst, Konkurrenz, Geld - und um den Umzug in die Stadtmitte.

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Felicitas Loewe

Quelle: Klaus Gigga

Frage: Nach fast sechs Jahren als tjg-Intendantin ist es an der Zeit für eine Zwischenbilanz. Was lief gut, was hat nicht so funktioniert?

Felicitas Loewe: Wir schauen aus mehreren Gründen auf erfolgreiche Jahre zurück, ein wichtiger ist die Kontinuität - auch mit Blick auf den baldigen 65. Geburtstag des Hauses. Unsere Zuschauerzahlen haben wir immer wieder steigern können, vergangenes Jahr waren es 86 000 Zuschauer in den Vorstellungen, dazu kamen weitere 5000 Besucher bei Extra-Veranstaltungen. Wir geben 650 Vorstellungen im Jahr - mehr Wochentage, mehr Vormittage gibt es nicht, an denen wir noch spielen könnten. Mein Interesse gilt besonders dem Weg in die Familien hinein, über die Kinder kann dort dann eine andere Akzeptanz für Kunst und Kultur generell erreicht werden. Das ist unser Auftrag, unsere Baustelle. Es gibt viele Programme zur Kooperation von Kultureinrichtungen, Schule, Kita auf dem Gebiet der kulturellen Bildung. Bei uns rückt darüber hinaus die Familie in den Fokus.

Wie sieht das aus?

Ich genieße es, an den Wochenenden hier zu sein und zu schauen, wie Familien diesen Ort annehmen. Diese "FamilienSonntage" gestalten meine Kollegen mit viel Hingabe: Theater, Begegnungen, Essen und Trinken, Basteln. Aber auch dort haben wir Grenzen: Wenn 120 Leute auf dem Gelände sind, ist unsere Kapazität eigentlich erschöpft. "Die kleine Hexe" und "Karlsson vom Dach" sind Angebote ausschließlich für Familien, außerhalb des Anrechts - und da rennt man uns die Bude ein.

Das geht ja seit Jahren schon mit dem Eintrittsalter von zwei Jahren los...

Ja, mit dem "Theater für die Allerkleinsten", das seit 2008 läuft und einen Schneeballeffekt hat. Anfangs bin ich dafür ausgelacht worden, aber es hat sich durchgesetzt und sorgt auch bundesweit für Impulse. Die Frage, ob die Kleinen "richtige Zuschauer" sind, ist jedenfalls geklärt. Diese Kinder wachsen dann hier rein - und damit auch die Eltern. Es passiert sogar, dass die Eltern der Zweijährigen darüber zum ersten Mal ins Theater kommen. Sie fühlen sich aufgehoben, weil hier etwas Gutes für ihre Kinder stattfindet. Manchmal sage ich scherzhaft, dass ich auf dem Parkplatz Theater für die Väter machen möchte, die in den Autos draußen auf ihre Kleinen warten.

Diese Saison hat den Schwerpunkt bildende Kunst: eine Kooperation mit dem Künstler Martin Mannig gab es, die Premiere "Nach Guernica" steht an, im September folgt "Caspar David Friedrich. in betrachtung des mondes". Wird es eine Fortsetzung geben?

Ich bin ganz sicher, dass es weitergeht, wenn auch nicht in so einem eindeutigen Sinn. Ich würde zum Beispiel gern mit Martin Mannig weiterarbeiten. Die ästhetische Auseinandersetzung werden wir auf jeden Fall weiter ausbauen.

Apropos: Welche ästhetischen Veränderungen müssen Sie im Vergleich zu früher vornehmen, um heute Kinder und Jugendliche ansprechen zu können?

Ich würde es so beschreiben: Der Kartenkäufer ist erwachsen und hat ein bestimmtes romantisches Kindheitsbild, geprägt davon, was man selbst als Kind gesehen hat. Damit ist eine ästhetische Erfahrung verknüpft, die in die Vergangenheit reicht. Da nehme ich mich selbst nicht aus, das ist einfach menschlich, diese Verklärung. Die Erfahrungswelt der Kinder ist in Zeiten des Internet eine ganz andere als Holzbausteine und Gummihopse. Und das ist unsere tägliche Baustelle. Den Weg zu gehen, einerseits die Erwachsenen in ihren Erwartungen nicht zu brüskieren und andererseits eine zeitgemäße Ästhetik für die Kinder auf die Bühne zu bringen, zu sagen, dass sie nicht unentwegt beschützt werden müssen, das ist das eigentliche Zentrum unserer Arbeit. Das ist aber eine ziemliche Gratwanderung, denn eigentlich machen wir hier als Erwachsene Theater für eine Gruppe, die Erwachsene gar nicht kennen.

Auch in Dresden gibt es Kinder, die an Kultur keinen Anteil haben, sei es aus finanziellen und/oder familiären Gründen. Inwiefern muss ein Haus wie das tjg da ausgleichen? Wie kommen solche Kinder ins Theater? Über die Schulen?

Oft genug wird über die Interessenlosigkeit der Kinder heute geschimpft. Aber ich kann mich dieser Schelte nicht anschließen. Die Entscheidung, zu uns zu kommen, trifft ja der Lehrer. Und der kommt dann mit der Klasse, egal ob aus Gorbitz, Prohlis oder vom Weißen Hirsch. Dann kommen auch alle mit. Ich sage klar: Ich finde dieses System gut, auch wenn ich dafür manchmal angegriffen werde, das schon als altmodisch abgetan worden ist. Diese Kontinuität, mehr als die Hälfte der Karten über Schulklassen zu verkaufen, finde ich sehr wichtig. Was mir nicht gefällt, ist das ständige Rumhacken auf den Kindern und Jugendlichen wegen besagter Interessenlosigkeit. Es gibt einfach viele Angebote, die nicht niedrigschwellig, nicht zugeneigt genug sind. Man muss genau sehen, was die Kinder brauchen. Darüber denken wir immer wieder nach. Und eine sogenannte bildungsferne Familie geht auch nicht freudestrahlend in die Oper, einfach weil ihr das ganze System fremd ist. Dort hinein muss man nämlich erst mal Zugänge schaffen.

Auch andere Theater wie Landesbühnen oder Staatsschauspiel setzen vermehrt auf junges Publikum. Harte Konkurrenz?

Die beiden Intendanten-Kollegen Manuel Schöbel und Wilfried Schulz machen das genauso wie wir: mit Zugeneigtheit. Trotzdem ist da natürlich eine Konkurrenz, klar. Damit haben wir aber kein Problem. Wenn wir uns beispielsweise die vergangene Weihnachtssaison anschauen, war jeder Dresdner doch gefühlt zehn Mal im Theater. Das Staatsschauspiel ließ mitteilen, dass 25 000 Karten für "Klaus im Schrank" verkauft wurden - und wir hatten hier trotzdem die beste Weihnachtssaison, solange ich denken kann. Und wenn anderswo spezielle Theaterangebote für Acht- oder Zehnjährige angeboten werden, dann gehen wir hier eben auf andere Altersgruppen zu. Da lässt es sich ja gut nachjustieren. Das alles funktioniert in dieser Stadt und mit diesen Zuschauern.

Wird von politischer Seite der Erfolg des tjg goutiert?

(Pause, lange Pause). Ja und nein. Weil schwer auseinanderzuhalten ist, ob es die Zustimmung zu unserem Umzug in die Stadtmitte oder Interesse an unserer inhaltlichen Arbeit ist. Es gibt aber in der Politik eine positive Grundhaltung uns gegenüber. Und ich glaube nicht, dass es bundesweit ein Kinder- und Jugendtheater gibt, das in seiner Heimatstadt so in aller Munde ist wie das tjg in Dresden. Auf einem anderen Blatt steht, dass ich schon gern mehr Geld für das tjg haben würde. Manchmal leide ich, weil es da verschiedene Maßstäbe gibt. Und bin da ab und an richtig wütend.

Wie sieht es mit den nächsten Tarif-erhöhungen aus? Die Verhandlungen im öffentlichen Dienst sind ja beendet...

Die Erhöhungen sind bisher von der Stadt immer ausgeglichen worden. Unser Etat liegt bei rund 6 Millionen Euro und ist seit zehn Jahren in etwa konstant. Es ist aber knapp, wir schieben das Geld hin und her. Wir werden jedoch unsere Einnahmen nicht aufbessern, indem wir die Preise erhöhen, die übrigens im Bundesdurchschnitt liegen. Leipzig und Berlin machen da nichts anderes.

Wird alles gut mit dem Umzug ins Kraftwerk?

Ich hoffe doch, bin da ganz optimistisch. Was gut ist, dass dann endlich Schauspiel und Puppentheater des tjg zusammen sind. Diese Vorfreude teilt auch das Ensemble. Die Zentrumsnähe wird am Wochenende die Chancen auf Laufpublikum erhöhen. Wenn ich meiner Fantasie folge, wird das ein interessanter Ort, an dem der eine oder andere mal vorbeischaut, vielleicht sogar der Operettenbesucher. Der Ort hat Charme, aber es gibt auch viele Fragezeichen.

Welche sind das?

Zum Beispiel das gemeinsame Foyer mit der Staatsoperette, eine riesige Halle. Wenn Sie dann an Zweijährige denken... Doch wir sind Improvisieren gewohnt und werden Lösungen finden.

Premiere "Nach Guernica", Sonnabend, 19.30 Uhr

www.tjg-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.04.2014

Kerstin Leiße/Torsten Klaus

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