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Zwischen Weihnachtsoratorium und Operette: Christian Thielemann im DNN-Interview

Zwischen Weihnachtsoratorium und Operette: Christian Thielemann im DNN-Interview

Am 8./9. und 15./16. Dezember dirigiert Christian Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden in der Dresdner Frauenkirche erstmals das "Weihnachtsoratorium" von Johann Sebastian Bach.

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Von Bach zu Lehár: Christian Thielemann steht zum Jahresende mit der Staatskapelle vor recht verschiedenen Herausforderungen.

Quelle: Matthias Creutziger

Bereits zum zweiten Mal wird er das Silvesterkonzert der Staatskapelle in der Semperoper leiten, das auch vom ZDF übertragen wird. Alexander Keuk sprach mit dem designierten Chefdirigenten der Staatskapelle über die musikalischen Höhepunkte zum Jahresausklang.

Frage: Sie haben oft geäußert, Bach sei Ihre "große Liebe"...

Christian Thielemann: Immer gewesen!

Wie hat sich das in Ihrem Wirken als Dirigent bisher niedergeschlagen?

Leider viel zu wenig, ich habe einzelne Bach-Werke in Konzerten dirigiert, aber meine Laufbahn hat sich so entwickelt, dass es oft nicht passte. In der Oper dirigiert man ja keinen Bach. Das Weihnachtsoratorium wollte ich eigentlich noch in München machen, aber dann kam Dresden. Es gab freie Termine, und mein Vorschlag stieß hier auf große Zustimmung.

Es war also keine bewusste Zurückhaltung, erst jetzt mit Bach-Aufführungen zu beginnen?

Nein, gar nicht. Der Wunsch, ein großes Werk von Bach zu dirigieren, war schon lange da.

Das Bachsche Oratorium dürfte Ihnen ja gar nicht so fremd sein, wenn man die Bildkraft der Ereignisse bedenkt. Liegt das dem Theatermann Thielemann?

Ich glaube, man muss sich davor hüten, dass es allzu theatralisch wird - man muss schauen, dass man es nicht überinterpretiert. Meine Beobachtung bei einigen Interpretationen war, dass manche gar nichts machen oder manche sehr viel machen. Beide Seiten können nicht die Lösung sein. Es gibt eine gewisse "heilige Einfachheit", eine Art von heiliger Naivität, die diesem Stück innewohnt. Und da ist allzu viel Phrasierungskunst, allzu viel Spezielles auch nicht richtig. Das wiederum macht die Interpretation auch delikat. Man ist ja fast ein bisschen enttäuscht darüber, dass Bach überhaupt keine Vortragsbezeichnungen schreibt. In den Arien kommt forte und piano vor, und ansonsten lässt uns Bach da völlig allein. Das bedeutet aber auf der anderen Seite, dass für eine gewisse Subjektivität Platz ist, Platz sein muss. Und deswegen denke ich mir, die Interpretation, die ich eigentlich vorhabe, ist schon gespeist aus dem, was manche Kollegen bereits erwirtschaftet haben, aber auf der anderen Seite überhaupt nicht allzu sehr bezugnehmend. Es kann ja nicht eine alleinseligmachende Art geben, diese Musik zu spielen.

Sie spielen auf die historische Aufführungspraxis an?

Sie werden mir sicher entgegnen, man hat doch herausgefunden, wie man es damals gespielt hat. - Weiß man das genau? Darüber gehen die Diskussionen ja auch auseinander. Ich empfinde es als besondere Aufgabe, verschiedene Dinge zu interpretieren, aber sie wohl zu dosieren, auf keinen Fall nach einem Lehrbuch. Eine Interpretation sollte liberal und frei sein - den Stein der Weisen findet man eh nicht. Erkenntnisse der Forschung zu berücksichtigen ist eine Sache, aber das Musizieren ist eine andere. Zum Musizieren gehört Subjektivität. Ich habe das schon im Adventskonzert umgesetzt - es reicht manchmal schon, wenn man beim Dirigat einige Dinge hervorholt und die Musik dann ruhig fließen lässt. Das mache ich ganz bewusst so.

Sicherlich ist Ihnen durch die Staatskapelle ja auch eine bestimmte Form von Instrumentarium vorgegeben, das bestimmte Grenzen setzt, aber auch Möglichkeiten bietet...

Eine Grenze besteht insofern, als dass die Akustik der Frauenkirche manches, was man womöglich sehr viel pointierter machen möchte, einfach vermildert, abmildert. Vielmehr kommt es auf eine innere Schlüssigkeit der Interpretation an.

...die im Weihnachtsoratorium sehr stark mit dem Text verbunden ist?

Ich sehe, was der Text hergibt. Es ist ja gar kein dramatischer Text, das sieht bei der Matthäuspassion schon ein wenig anders aus. Aber auch da befinden wir uns in einer Zeit, die eben nicht die Romantik ist. Ich bin davon überzeugt, dass manche sehr pointierte Spielweisen bei Bach, wenn er es hören würde, Kopfschütteln provozieren würde, etwa, dass jeder lange Ton nun ohne Vibrato angesetzt wird. Das Vibrato ist immer auch eine Frage des Angemessenen.

Sie suchen also eine individuelle Spielweise für die modernen Orchester?

Ich bin sehr auf der Suche nach so etwas - wie kann ich eigentlich versu- chen, den Bach wieder für die Dirigentenkollegen zu retten? Viele meiner Kollegen haben sich ja seit 20, 30 Jah- ren nicht mehr an diese Stücke getraut, weil sie glauben, diese Stücke seien mehr für die Ensembles, die sich mit der Musik dieser Zeit explizit beschäftigen. Ich will das gar nicht schmälern, ganz im Gegenteil. Die Kollegen dieser Ensembles haben uns erst die Ohren geöffnet für manche Schluderei und für manche satte Sämigkeit, die früher im Bach-Klang war. Aber eigentlich gehö- ren die Stücke in das Repertoire jedes Dirigenten, auch aus handwerklichen Gründen. Schauen Sie, auch Karl Böhm, Fritz Busch und Joseph Keil- berth haben das Weihnachtsoratorium dirigiert, und das soll auch wiederkommen. Was nicht bedeutet, dass es die Spezialensembles nicht geben darf, die Bach mit vier Geigen spielen. Ich fin- de das eine Farbigkeit, die sehr bereichernd ist.

Wie wichtig ist für Sie die geistliche Dimension des Werkes?

Mit diesem Text ist man natürlich seit Kindertagen groß geworden. Ich muss es nochmal erwähnen, es hat sehr viel mit einer heiligen Einfachheit zu tun, mit einer fast kindlichen Bejahung dieser Tatsachen, Zweifel sind da nicht angebracht. Ich könnte das Stück nicht dirigieren, wenn ich da Zweifel hätte. Wenn ich da nicht mitdenken, mitfühlen kann, dann sollte ich das Stück nicht dirigieren.

Sie kommen nach Dresden und bieten den Dresdnern nunmehr ein Werk dar, das in dieser Region sehr gepflegt und gehegt wird...

Ich bin mir dessen sehr bewusst. Aber es kann ja auch ein Ansatz sein, dass ich mich gar nicht um diese Tradition kümmere. Das ist in Bayreuth auch nicht anders, wenn sie mich da so etwas fragen, ja, einerseits Tradition, andererseits muss ich meinen eigenen Weg finden. Sachs sagt in den Meistersingern: "Ihr stellt die Regel selbst und folgt ihr dann." Und man hält sie ein. Man versucht, einen eigenen Stil zu finden. Denn das heißt auch Tradition: die Leute, die Tradition begründen, haben ja auch irgendwo angefangen, konnten sich nicht auf anderes berufen. Man ist tolerant, nimmt alles im Kopf mit, was man weiß, und trifft dann eigene Entscheidungen.

Das heißt, der "Geschmack" ist bei der Konzeption gar nicht so wichtig?

Doch. Mein persönlicher, der ist wichtig (lacht). Mit dem können dann manche Leute mitgehen und manche nicht. Als Künstler dürfen sie nicht sagen "Oh Gott, ob das dem und dem denn gefällt?". Ich muss es bieten, so wie ich es biete - und auch ein Risiko eingehen. Kunst ist Risiko, es macht Spaß und ist auch eine Entdeckungsreise.

Kommen wir von der Besinnung zur Besinnungslosigkeit... Silvester liegt eigentlich genau in der Mitte der Kantaten des Weihnachtsoratoriums, die bis zum Dreikönigstag konzipiert wurden. Sie dirigieren das Silvesterkonzert der Staatskapelle erneut mit Lehár und einem Operettenprogramm...

Das war mein Beginn als Dirigent, und es ist eine sehr gute Schule. Übrigens sind Bach und Lehár gar nicht so unterschiedlich. Sie müssen auch Lehár mit einem Glauben an die Einfachheit spielen, ganz klar, bejahend, ohne aufgemotzte Gefühle. Wie so oft bei so großer Kunst liegt eine gewisse Genugtuung in der Einfachheit oder einer Nichtüberzeichnung.

Bei Lehár stellt man oft eine feine Ironie fest, die christliche Grundordnung wird ja da mehr als einmal in Frage gestellt...

Lehár lullt Sie ja ein mit seinen wundervollen Melodien und dieser genialen Orchestrationskunst - er kann den Hörer ganz schön aufs Glatteis führen und das auf einem hochkarätigen Niveau. Es geht uns ja nicht darum, dass wir Filmschlager oder seichte Unterhaltung spielen, sondern wir spielen Musik von höchster Qualität.

Trotzdem interessiert Operette ja wohl eher die ältere Generation?

Das ist falsch, nein. Da kommen alle. Natürlich nähert man sich manchen Werken erst später, auch ein spätes Beethovenquartett hören und verstehen Sie nicht mit Anfang 20. Bei manchen Dingen muss man auch erstmal dahinter kommen. Leider hat die Operette einen vermufften Ruch, und es liegt ja auch an uns, das aufzuklären: Wenn ein Orchester wie die Staatskapelle Dresden sich dieser Musik annimmt, dann muss was dahinter sein. Offenkundig sind wir der Auffassung, dass wir den Zuschauern bei diesem Spektakel große Kunst bieten. Und wir haben diesmal tolle, unbekannte Stücke ausgewählt, die sich blendend zusammenfügen.

Das für den 19.12., 20 Uhr in der Villa Teresa geplante "Musikalische Portrait" mit Dirigent Christian Thielemann findet aus organisatorischen Gründen bereits am Sonnabend, den 17.12., 20 Uhr (Einlass 19 Uhr) statt. Die bereits erworbenen Karten behalten ihre Gültigkeit oder können an den jeweiligen Vorverkaufsstellen wieder zurückgegeben werden.

8./9. Dezember, jeweils 20 Uhr Frauenkirche: Kantaten 1-3

15./16. Dezember, jeweils 20 Uhr Frauenkirche: Kantaten 4-6

Christian Thielemann, Dirigent, Staatskapelle Dresden, Solisten: Sibylla Rubens, Sopran, Christa Mayer, Alt, Daniel Behle, Evangelist, Tenor, Florian Boesch, Bariton (8./9. Dezember), Hanno Müller-Brachmann, Bariton (15./16. Dezember)

Kammerchor der Frauenkirche Dresden (Einstudierung: Frauenkirchenkantor Matthias Grünert)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.12.2011

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