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Zwischen Wahn und Wahrheit: Christian Friedel als "Hamlet" im Dresdner Schauspielhaus

Zwischen Wahn und Wahrheit: Christian Friedel als "Hamlet" im Dresdner Schauspielhaus

In leichter Irritation blickt der Zuschauer scheinbar rückwärts auf im Original nicht vorhandene Randlogen des Schauspielhauses, die Bühnenbildnerin Claudia Rohner in treuen Details nachbilden ließ, und mancher erhebt sich dann auch brav, um König Claudius und dessen Gemahlin Gertrud eine fast schon realsatirische Reverenz zu erweisen.

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Der singende Hamlet (Christian Friedel), begleitet an der Gitarre von Philipp Makolies. Mit angestrengtem Blick in die Ferne: Claudius, König von Dänemark (Torsten Ranft).

Quelle: Matthias Horn

Roger Vontobels Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" spielt auf historisierendem Boden und korrespondiert ersichtlich mit dem anstehenden 100. Jubiläum des Hauses und seiner einst revolutionären Maschinerie, aber sie bricht dabei mit nahezu allen tradierten Sichten und Wertungen.

Dabei lässt sich die dramaturgische Grundidee (Robert Koall) durchaus als Variation auf Shakespeare verstehen, der dem Prinzen von Dänemark den Zufall einer durchreisenden Schauspieltruppe in die Hände spielt, um den mörderischen König durch Bloßstellung zu entlarven. Hier aber ist der (auf ein Minimum an Personen reduzierte) dänische Hof gleich anfangs zur Vorführung geladen, zu einem Rockkonzert, als dessen Star Horatio den Prinzen höchstpersönlich, respektive Sebastian Wendelin Christian Friedel und dessen Band Woods of Birnam ankündigt. In nobel unauffälligstem Schwarz, (Kostüme Ellen Hofmann) tritt er auf, hohlwangig, verstört, dabei äußerst distinguiert. Was ihn nicht hindert, aufmüpfig und provokant eine Reihe von Songs vorzutragen, deren Texte wohl von Shakespeare, aber nicht sämtlich aus dem "Hamlet" stammen, beginnend mit dem Lob auf den vermeintlich ermordeten Vater, auf übergroße Konterfeis verweisend, die jedoch etwas plakativ die allzu hohe Ehrerbietung konterkarieren.

Wahnwitziges Duell-Finale

Mag der Inhalt des Vortrags sein, wie er will, die Mutter (Hannelore Koch) ist stolz auf und beglückt durch die Künste ihres Sohnes, der damit nicht nur das jüngste Publikum hinreißt. Der Onkel und Stiefvater (Torsten Ranft) verharrt daneben zwischen mildem Interesse und kultivierter Langeweile, lässt kaum Anflüge nur zu plausiblen Ärgers erkennen. Das geht schon mal bis an die Grenze der Glaubwürdigkeit, denn einerseits zieht es sich bis zur berühmten "Mausefalle" beträchtlich hin mit dem Spiel im Spiel - andererseits hat es dahinter auch längst begonnen, in und zwischen den Logen, deren seitliche von der Familie des Polonius (Ahmad Mesgarha) bzw. den Höflingen Rosenkranz (Jonas Friedrich Leonhardi) und Güldenstern (Benedikt Kauff) besetzt sind. Während die beiden dümmlich gutmütigen Gesellen hier gar nicht viel zu sagen haben, geht es auf der anderen Seite heftig, nachvollziehbar heutig und privat zu zwischen Polonius, Laertes (Matthias Reichwald) und Ophelia (Annika Schilling). Und während diese der plötzlichen Verachtung durch Hamlet mit innerer Festigkeit trotzt (und die mutwillig verstreuten Briefe vom Publikum zurückfordert), kann der cool vernünftige Horatio längst nur noch den Kopf schütteln. Freilich ist es hier nicht allein der Schwadronierer Polonius, der die berühmte Replik der Gertrud provoziert: "Mehr Inhalt, weniger Kunst!"

"Mehr Wahrheit, weniger Wahn", wäre eine Devise, die man der gleichwohl mehrdeutigen Sicht von Vontobel unterstellen könnte. Bei aller Radikalität, mit der der Regisseur die spekulative, fantastische Ebene von einer gewissermaßen nüchtern realpolitischen trennt, in der es außer einer flüchtigen Erwähnung des Fortinbras weder große Intrigen noch außenpolitische Verwicklungen gibt, selbst wenn er sich noch weit mehr Freiheiten nimmt als beim "Don Carlos" oder dem "Zerbrochenen Krug", agiert er doch auch hier nicht vordergründig als Stück-Zertrümmerer. Nachdem er die realen und fiktiven Geschehnisse neu ordnet, sucht er aus sehr heutiger Sicht zum Kern des Konflikts vorzudringen. Keine vordergründige Sympathie, aber nahezu unbegrenzten Spielraum gewährt er der Leidenschaft des Hamlet und lässt ihn damit umso unfehlbarer an der Untauglichkeit seiner Mittel und seiner Introvertiertheit zugrunde gehen - aber erst, nachdem er offenbar erkannt hat, dass er, den eigentlichen Feind verfehlend, mit Polonius und Ophelia sein Liebstes unbedacht aufgeopfert hat. Am Ende spielt Friedel das wahnwitzige Duell-Finale mit dem mehrfachen Meuchelmord ganz allein, in einer hinreißend aufreibenden, weitgehend pantomimischen One-Man-Show. Großes kleines Kino wie auch Annika Schilling in ihrem Ophelia-Wahnsinn, aber das Wasser ist bekanntlich viel zu tief.

Und es geht vorbei an der hier behaupteten Schein-Realität, insbesondere der eines Laertes, der beinahe als moderner Ritter ohne Furcht und Tadel erschiene, wäre er am Ende nicht doch korrumpierbar, denn da sitzt er in der Königsloge, im feinen Zwirn, wie ihn gerade noch sein Vater an dieser Stelle trug, während der König (und nicht Fortinbras) die letzten Worte über Hamlet spricht: Er hätte, wäre er hinaufgelangt auf diese Ebene, "unfehlbar sich höchst königlich bewährt". Die Tücke dieses Satzes steckt freilich in den fehlenden Voraussetzungen.

Im Programmheft findet sich u.a. ein Aufsatz mit dem Titel "Transparenzgesellschaft" von Byung-Chul Han. Die Sucht nach Transparenz verflache die Realität, so der koreanische Philosophieprofessor. Simpel gesagt: Unter der Allgegenwart der Kameras bewegt sich am Ende nichts mehr, regiert allein der inszenierte Schein. Keine Ahnung, ob Ranft-Claudius zu viel oder zu wenig Reaktion auf Hamlets Anschuldigungen zeigt, aber auch aufs Nüchternste ausgedörrt bleiben genügend Indizien gegen ihn bestehen. Hamlets Spiel dagegen und damit seine ganze Fantasie, sein Scharfsinn und Erfindungsreichtum bleiben gefangen in dem von ihm selbst gezeichneten Gefängnis, werden produktiv nur in der Selbstzerstörung. So fatal die Trennung von Geist und Macht, wird sie doch befördert durch die Unfähigkeit des begabten Individualisten, sich auf gleichberechtigte Dialoge einzulassen, geschweige gesellschaftlichen Zielen oder gar einer Staatsräson unterzuordnen.

Shakespeare in der Übersetzung von Schlegel hat einen Schein von Biederkeit und vorgegebener Moral, der hier vielfach aufgebrochen wird, auch mit neu gemischten Gefühlen, gespaltenen Sympathien. Die Inszenierung entwickelt Witz und Biss dennoch nicht auf Kosten der Figuren, bleibt unausrechenbar bis zum Schluss, verfängt sich nicht im Psychologisieren, verflacht weder in Desillusionierung noch in Mitleid.

Am Ende viel enthusiastischer Beifall, zumal für Friedel, Schilling, Ranft. Dennoch war wohl nicht jedermann vollauf zufrieden mit dieser Art Deutung der scheinbar so vertrauten Tragödie. Tomas Petzold

nächste Aufführungen: heute und am 6.12 (beide ausverkauft, Restkarten an der Abendkasse), 12., 26., 30.12.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.11.2012

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