Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 18 ° Gewitter

Navigation:
Google+
Zwischen Poesie und Kraft: Mauricio Pollini, Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden mit Brahms

Zwischen Poesie und Kraft: Mauricio Pollini, Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden mit Brahms

das Publikum in der bis auf den letzten Platz besetzten Semperoper wartete gespannt auf Mauricio Pollini und Brahms. Doch vor die Fortsetzung des Brahms-Zyklus im 6. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle hatte Dirigent Christian Thielemann ein kurzes, witziges Werk gesetzt, das eigentlich gar nicht vor Brahms zu passen schien.

Die "Lustspiel-Ouvertüre" op. 38 von Ferruccio Busoni sprang einen launig an, Thielemann ließ sie luftig und lustig sprudeln, fügte den Mittelteil mit schon zur Parodie neigendem "Ernst" ein und endete in großer Pracht. Keine Frage, dass auch Busoni es nicht recht ernst gemeint hat. Ein musikalisches Schelmenstück, das Bilder evoziert und weit vom bemühten Humor manches Zeitgenossen des Komponisten entfernt ist.

So etwas passt vor Brahms? Der inhaltliche Sprung zum ersten Satz von Brahms' Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur war dann allerdings nicht klein. Große Orchestermassen und wuchtige Akkordfolgen, die dem herzlich begrüßten Mauricio Pollini nicht so zu liegen schienen und gelegentlich an die dynamische Oberkante gerieten. Doch es folgte ein völliges Aufklaren im zweiten Satz. Die Bestimmtheit und selbstbewusste Haltung, mit der Pollini hier spielte, war fesselnd. Der Klang durfte sich weiten und vertiefen, Christian Thielemann begleitete hoch aufmerksam und mit federnder Beweglichkeit. Beglückend wirkte das Andante, dessen Tempo und damit der Charakter nie in Richtung eines die Seele massierenden Adagio verbogen wurde. Damit entfaltete sich die Poesie dieses gar nicht so langsamen Satzes Moment um Moment, das Cellosolo (vorzüglich: Simon Kalbhenn) durfte frei singen und der Solist in allen Nuancen des Spiels den Ausdruck wirken lassen. Der Witz des Finales mit einem wiederkehrenden elegischen Anflug, den der Humor doch immer wieder mit Kraft zurücknahm, schloss genau an.

Das Klavier ließ Mauricio Pollini frisch und unbeschwert, aber auch energisch klingen, und die Holzbläser mischten sich stimmig hinein. Im Humor dieses Schlusses steckte auch die Brücke zum Beginn des Abends. Pollini wurde bejubelt, aber der Altmeister wies immer wieder auf seine Kollegen im Orchester. Eine rare Geste bei Solisten.

Wer gemeint hatte, die zweite Sinfonie D-Dur von Brahms schon oft genug gehört zu haben, erfuhr von Christian Thielemann, dass man sie nicht gut genug kennt. Das Missverständnis der Romantik als Gefühligkeit bediente der Dirigent schon am Beginn nicht. Stattdessen waren Klarheit und feinsinnige Gestaltung des Klanges bis hin zum tiefen Durchatmen am Ende des ersten Satzes im Vordergrund. Das Adagio war nicht nur im ruhigen Tempo wirkungsvoll, sondern in seiner ganzen Charakterisierung. Die gehaltene Spannung und der dunkle Tonfall kontrastierten die übrigen Sätze. Eine bemerkenswerte Zurücknahme der Stärke im dritten Satz, das zarte Spiel der Streicher oft mit wenig Vibrato bewirkte eine ungewöhnliche Stimmung, die wieder die poetische Seite von Brahms' Musik betonte und der Dynamik des Finales eine Größe gab, in der Thielemann den Klang immer durchhörbar halten konnte. Stimmen wurden vernehmbar, die sonst gern vorbeihuschen. Die am Schluss entfesselte Stretta samt dem Blechbläserakkord hatte so ihren Überraschungseffekt, selbst wenn man die Sinfonie schon oft gehört hatte.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.01.2013

Hartmut Schütz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr