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Zwischen Entdeckung und Inszenierung: Fotos von Werner Lieberknecht in der Galerie Himmel

Zwischen Entdeckung und Inszenierung: Fotos von Werner Lieberknecht in der Galerie Himmel

Die Galerie Himmel, eigentlich spezialisiert auf die klassischen Genres der bildenden Kunst, wagt derzeit einen "Bruch" im Ausstellungsprogramm, indem sie Arbeiten des Dresdner Fotografen Werner Lieberknecht vorstellt.

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Werner Lieberknecht. Ingrid Wenzkat, 2014, Pigmentdruck auf Barytpapier, Auflage 1/6.

Quelle: Werner Lieberknecht

Allerdings relativiert sich dieser Bruch durch die Themen bzw. Gegenstände, mit denen sich Lieberknecht in Kontinuität beschäftigt. Mit seinen jüngsten Versuchen widmet er sich auch dem Milieu, in dem der Diskurs darüber stattfindet.

Lieberknechts künstlerische Laufbahn begann 1987 gewissermaßen im Atelier Hermann Glöckners, als er dessen Hinterlassenschaft dokumentierte und dabei wohl auch das vom Patriarchen der Moderne entwickelte Formverständnis als Impuls aufnahm. Die Aufnahmen von damals zeigen Patina und Ehrfurcht, aber auch ein analytisches Interesse, das später bestimmend werden sollte. Die Ausstellung ermöglicht diesen Rückblick, der besonders im Vergleich zu den gut 20 Jahre später im Atelier von Eberhard Göschel aufgenommenen Fotografien interessant ist. Das Interieur, das Lieberknecht als Thema immer wieder beschäftigt, erweist sich hier als archäologische Fundgrube, als Ort der Sedimentation, an dem sich die Spuren jahrzehntelangen Schaffens strukturbildend ablagern.

In kargen Grautönen - Göschels Monochromie nochmals reduzierend - und zumeist stark verknappten Ausschnitten vermittelt sich ein ästhetischer Kontrapunkt zu Hochglanz und perfektem Design moderner Zeiten. Diese Ambivalenz bringt Lieberknecht nahezu auf den Punkt mit der Aufnahme einer Baustelle in Antwerpen - eine Fassade, brachial verhängt mit Foliebahnen, die zur Befestigung dienenden Holzlatten als graphisches Muster. Diese Arbeit aus dem Jahr 2012 bietet Lieberknecht im Format 40 mal 60 Zentimeter als Diasec, versiegelt hinter Acrylglas an. Neuerdings druckt er kleine Auflagen mit Pigmenttinte auf Barytpapier und nutzt damit die aktuellen Möglichkeiten der digitalen Technik, die nicht zuletzt eine Begriffe mit der anderer Kunstwerke vergleichbare Haltbarkeit versprechen.

Was darunter eigentlich zu verstehen ist, scheinen Lieberknechts allerneueste Arbeiten zu hinterfragen, die während der Räumung der zur Sanierung vorgesehenen Säle der Sempergalerie entstanden sind. Eine Sitzbank mit allerdings arg verschlissenem Polster, eigentlich anheimelnde, weil individualisierende Spuren von Leben und Gebrauch, die bald getilgt sein werden, ersetzt durch ein strahlende Frisch und ausgeklügeltes Design, das sicherlich auch seine verführerischen Reize hat. Lieberknecht entdeckt solche selbst an einer simplen Fliesenwand (immerhin im New-Yorker Whitney Museum of American Art) aber auch an einem gewöhnlichen Straßenrand, in diesem Fall der Dresdner Schillerstraße: perfekt gesetztes, aber doch lebendig wirkendes, von einer Mischung aus warmem und kaltem Licht überspültes Pflaster im Rinnstein zwischen Granitbord und Asphalt.

Lieberknecht beschränkt sich jedoch nicht auf dieses Entdecken und in (subjektiv) optimalem Blickwinkel und Ausschnitt Wiedergeben, es verbindet sich fast immer mit dem Gedanken einer mehr oder weniger zufälligen Inszenierung, und vielleicht war ja für ihn der Schritt vom Interieur zu Porträt gerade in diesem Sinne folgerichtig. In der Serie über den Schriftsteller Marcel Beyer verband er beides miteinander, und damit begann zugleich eine Reihe von Porträts Dresdner Persönlichkeiten, die prägend sind für das Kunst- und Kulturleben der Stadt und gerade auch den Lesern dieser Zeitung bestens bekannt sein dürften. Mit dem unglaublich vitalen, von warm entgegenkommendem Interesse geradezu strahlenden Bildnis der Kunstkritikerin Ingrid Wenzkat ist Lieberknecht sicherlich ein Meisterstück gelungen. In anderen Fällen bringt er wohl vor allem auf den Punkt, wie die Abgelichteten gern gesehen werden möchten. Lieberknechts Blicke in gereifte Gesichter zeigen umgesetzt im noblen Schwarz-Weiß-Druck trotz feinster Details eher vornehme Zurückhaltung als investigative Neugier. Das kommt ihm auch zugute bei der Serie "Herr Stefan und Herr Schwabel" (2014), mit der er Einblicke in die häusliche Welt eines äußerst kulturinteressierten, dabei sympathisch skurrilen älteren Paars gewährt. Nebenbei zeigt sich auch hier, wie der Fotograf stets abwägt, ob die Farbe als Gestaltungsmittel notwendig ist oder nicht. Fast objektivistisch akzeptiert Lieberknecht die Selbstdarstellung von Jugendlichen, die in den 2013/14 entstandenen Porträts nur mit ihren Vornamen genannt auftreten. Der Habitus spielt für sie offenbar eine vordergründig identitätsstiftende Rolle, während sich die Persönlichkeit weitgehend hinter offenkundiger Skepsis verschanzt.

Bis 11. April, Galerie Himmel, Obergraben 8. Mo-Fr 10-19 Uhr, Sa 10-16 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.03.2015

Tomas Petzold

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