Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 18 ° Gewitter

Navigation:
Google+
Zweisprachig: Shakespeares Rachestück "Titus Andronicus" in Breslau

Zweisprachig: Shakespeares Rachestück "Titus Andronicus" in Breslau

"Wenn die Figuren des Stückes nicht gerade Rache üben oder vergewaltigen, verbringen sie ihre Zeit mit Lesen", meinte einmal onathan Bate, der als einer der führenden Forscher und Experten zu Leben und Werk von William Shakespeare gilt.

Voriger Artikel
Soundtrackeines Theaterlebens: die Philharmonie im Schauspielhaus
Nächster Artikel
"Momentum": Grimme-Preistäger Roger Willemsen stellte im Wechselbad sein neues Buch vor

Auch sie endet blutig: Paulina Chapko als Titus' Tochter Lavinia. Im Hintergrund der polnische Text zur Szene.

Quelle: Natalia Kabanow

Und in der Tat: So wie sich in der Bibel ganze Passagen finden, in der einer diesen zeugt und dieser dann jenen, so lässt sich zum Ende in William Shakespeares Stück "Titus Andronicus" sagen: Saturnius, Tamora, Lucius und Marcus kommen zum Goten-Bezwinger Titus, um während eines Essens zu verhandeln. Titus tötet seine Tochter Lavinia, die von den beiden Goten Chiron und Demetrius vergewaltigt und verstümmelt worden war. Dann eröffnet Titus, er habe Chiron und Demetrius getötet und aus Tamoras Söhnen die Pastete bereitet, die Tamora gerade gegessen habe. Darauf tötet der "Pionier der neuen Kochkunst" Titus auch Tamora. Saturninus tötet Titus. Lucius tötet Saturninus...

Nun wird auch in Dramen Shakespeares wie "Richard III." und "Heinrich IV." gemeuchelt, was das Zeug hält, aber trotzdem befand der englische Schriftsteller T.S. Eliot 1927 nicht zuletzt der Gräuel wegen, "Titus Andronicus" sei "eines der dümmsten und uninspiriertesten Stücke, die je geschrieben wurden, und es ist unglaublich, dass Shakespeare seine Finger dabei im Spiel gehabt haben soll". Ein dummes Stück? Auf alle Fälle ein unter die Haut gehendes.

"Rache nicht zentraler Punkt"

Als Lavinia in Gestalt von Paulina Chapko vergewaltigt wird, die einst bildschöne Maid als blutendes Stück Fleisch - die Arme nur noch Stümpfe, aus der zungenlosen Kehle nur noch tierische Laute ausstoßend könnend - von ihrem Onkel Marcus gefunden wird, ist endgültig Schluss mit dem anfänglichen Kichern von einigen im Theatersaal, auch wenn das Blut nicht echt ist. Am Sonnabend hatte in Breslau eine ganz besondere Inszenierung von "Titus Andronicus" Premiere: Eine "Fifty-Fifty"-Gemeinschaftsproduktion des Teatr Polski Wrocław und des Staatsschauspiels Dresden. Das Breslauer Teatr Polski war zuletzt "Theater des Jahres" in Polen, ist "wie unser Haus international gut vernetzt", erklärte Wilfried Schultz, der Intendant des Staatsschauspiels Dresden gegenüber den DNN. Das Teatr Polski ist die größte Bühne Niederschlesiens, feierte am 6. Januar 2011 das Jubiläum seines sechzigjährigen Bestehens. Aber die (Vorkriegs-)Historie des (deutschen) Schauspielhauses, welches das Gebäude an der heutigen Zapolska-Straße beherbergt, schwingt mit, wird von dem einen Dramaturgen Piotr Rudzi (der andere ist Ole Georg Graf) im üppigen, zweisprachigen Programmheft zu dieser Koproduktion nicht unterschlagen. Schade, dass die Premiere nicht auf dieser Traditionsbühne erfolgen konnte, denn sie wird gerade umfassend saniert. Es gibt diverse Ausweichbühnen, "Titus Andronicus" hatte in einem Fernsehstudio Premiere.

Regie führte Jan Klata, geboren 1973 in Warschau. Er ist einer der umtriebigsten, renommiertesten polnischen Regisseure, mal auch in Bochum, mal in Krakau (wo er im nächsten Jahr das Stary Teatr übernehmen wird) arbeitend. Schulz schätzt Klata, er sei ein "sensibler Regisseur", der immer versuche, "den Schmerzpunkt zu finden". Klata setzte sich bei der Stückauswahl - es standen diverse Stücke zur Wahl, die in zwei Welten spielen, in der zwei Gesellschaften aufeinanderprallen - durch.

Also "Titus Andronicus", dieses laut Schulz "zutiefst geschichtspessimistische Stück", bezeugt es doch die "Unmöglichkeit, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen". Für Schulz ist dieses Stück Shakespeares "eine Vorform des psychologischen Theaters", wobei die Rache "nicht wirklich psychologisch begründet wird". Es geht um den Umgang mit Geschichte und Gewalt, mit Verlusten und Rache. Wobei der bullige, ursprünglich aus Wien stammende Wolfgang Michalek vom Staatsschauspiel Dresden in einem im Programmheft abgedruckten Interview erklärt: "Die Rache ist nicht der zentrale Punkt. Sondern für alle Figuren die Annahme dessen, dass da die eine Gesellschaft zugrunde geht und eine neue wieder erwächst. Dass die alte Gesellschaft zugrunde geht, weil sie bis zum Hals im Blut steckt. Und zwar jeder einzelne in dieser Gesellschaft."

Vier Wochen lang wurde in Dresden geprobt, vier Wochen in Breslau. Paritätisch auch die Besetzung: Sechs Polen und sechs Deutsche stehen gemeinsam auf der Bühne. "Wir haben versucht, den Schauspielern zu erklären, was auf sie zukommt. Es war viel schlimmer als erwartet. Aber auch viel schöner", ließ Schulz in seiner kurzen Ansprache bei der Premierenfeier durchblicken. Michalek, der den Titus Andronicus spielt, der im Dienst fürs Vaterland ("Heil Dir, o Rom!") fast die gesamte Familie verliert, lernte für eine Szene, in der er mit der Königin der Goten Tamora verhandelt, Polnisch. Es ist ein Genuss, ihm zuzusehen, wie er erst mit den Zischlauten kämpft, sie regelrecht aus der Kehle presst - und dann parliert, als wär's die größte Selbstverständlichkeit der Welt. "Er hat mir verraten, den Text für diese Szene zu lernen, sei das sprachlich Komplizierteste gewesen, was er in seiner Bühnenkarriere bislang machen musste", erzählt Schulz. Auch Torsten Ranft, geboren 1961 in Leipzig, ist des Polnischen nicht mächtig. Und da es auch mit dem Englischen nicht wirklich weit her ist, hatte er so seine Mühen, bei den Proben den Anweisungen Klatas zu folgen. Aber als man dem "Instinktschauspieler" (Schulz) die Freiräume ließ, die er offenkundig brauchte, lief es wie am Schnürchen. "Jetzt ist er ein Riesenfan der Produktion", freut sich Schulz.

Polnische Goten, deutsche Römer

Die Theaterbus war jedenfalls im Dauereinsatz, trotzdem mussten natürlich zwei Bühnenbilder sowie für Dresden wie Breslau jeweils ein Satz von Kostümen gefertigt werden. Die Produktion hätte ohne die Unterstützung seitens der Bundeskulturstiftung, "die aus dem Fonds für Projektförderung eine erhebliche sechsstellige Summe mit einer 1 vorne zuschoss", nicht gestemmt werden können, wie Schulz einräumt.

Die Polen sind - auf eigenen Wunsch - die Goten, die Deutschen die Römer. Ausnahme von der Regel: die wie gesagt bildschöne Chapko. Eine Frau war acht Wochen damit beschäftigt, die jeweilige Untertitelung zu erstellen. Sprechen die Goten, also die Polen, wird im Hintergrund die deutsche Übersetzung eingeblendet - und umgekehrt. Schulz ist gespannt, wie die Dresdner die Produktion annehmen werden. In der Tat, wie wird es aufgenommen, dass die deutschen Schauspieler T-Shirts tragen, auf denen einschlägige Motive zu sehen sind: Krad fahrende Wehrmachtsoldaten, eine zum Sturzflug ansetzende Ju 87, der brennende Turm des Warschauer Schlosses...? Ein T-Shirt der Marke Thor Steinar scheint geradezu harmlos dagegen. Und da wäre die (Slapstick-)Szene, als es vom römischen ("Ave") zum deutschen Gruß mit ausgestrecktem Arm nur ein kleiner Schritt ist. Oder dass "Die Wacht am Rhein" erklingt und "Bomben auf Engeland", wo es heißt: "Wir fliegen zur Weichsel und Warthe/ Wir fliegen ins polnische Land / Wir trafen es schwer / Das feindliche Heer"? Was viele Theaterinszenierungen heute Besuchern abverlangen, die Differenz zu den eigenen Erwartungen auszuhalten, das dürfte auch auf diese "durch die beharrliche Kraft der Behauptung zustande gekommene Produktion" (Schulz), diesen "großen und gewaltigen Wurf" Klatas zutreffen.

Christian Ruf

Dresdner Premiere am 28.9. im Kleinen Haus 1

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.09.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr