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Zwei Wahldresdner und ihr Museum in Poschiavo, 820 Kilometer von hier

Zwei Wahldresdner und ihr Museum in Poschiavo, 820 Kilometer von hier

Tag vieles gleichztg., museumsleiter, arch., graphiker, schreiner, handwerker, aber gut gelaufen. Werden täglich arbeiten, bis ausstlg.steht. Essen köstlich. Gute tage! Hj.

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Die Asparas aus Westindien schmückten einst als Musikantinnen, Tänzerinnen und Wächterinnen die Kuppel eines Tempels.

Quelle: Adina Rieckmann

Ro.

Ich bin inzwischen süchtig auf diese Mails. So groß ist meine Neugierde. Seit Monaten reden Roland Steffan und Hans-Jörg Schwabl immer wieder davon - von diesem kleinen, aber feinen Museum in Poschiavo, 820 Kilometer von Dresden entfernt. Seit Wochen arbeiten beide Herren ununterbrochen dafür, ehrenamtlich selbstverständlich. Roland Steffan schreibt per Hand alle Texte, sei es für die Faltblätter, sei es für die Ausstellung, Hans-Jörg Schwabl tippt sie sorgfältig ab und liest Korrektur. Immer wieder haben sich die Wahldresdner auf den Weg in die Schweiz gemacht, hin zum Gebirgsstädtchen, das rund 15 Kilometer südlich des Berninapasses liegt, der das Engadin mit dem Veltlin in Italien verbindet. Sie haben in den letzten drei Jahren mit der Gemeinde gerungen, um den Umbau des Palazzo de Bassus-Mengotti voranzutreiben, sie haben Schenkungsverträge unterzeichnet, mit den Architekten und Bauherren gesprochen, ihnen detaillierte Vorschläge vorgelegt, sie haben die Vitrinen bestimmt, sich um die Beleuchtung gekümmert, das Ausstellungskonzept gemacht, die Sammlungen wissenschaftlich vor- und bearbeitet. Man könnte vereinfacht auch sagen, sie haben Poschiavo ein neues Museum geschenkt. Das würden die beiden nie so unterschreiben, aber sie würden es auch nicht in die Öffentlichkeit hinaus posaunen, dass sie maßgeblich daran beteiligt sind, dass die Träume dreier anderer Menschen wahr werden, nämlich die von Gertrud Rennhard sowie Irma und Roland Christen-Dorizzi. Diesen Part übernehme ich - und ich tue dies sehr gern.

Seit Anfang August sind die beiden Herren vor Ort, kümmern sie sich um die letzten Arbeiten im Palazzo de Bassus-Mengotti. Seitdem erreicht mich fast jeden Tag eine neue SMS, so auch diese: Heureka! Alle 17 wandvitrinen sind eingerichtet. Mlg. Hj. Ro. Was aber richten die beiden in Poschiavo ein? Gertrud Rennhard (1916-2010) arbeitete viele Jahre lang als Botschaftssekretärin, ob in São Paulo, Rom oder Teheran. Mit großem Geschick trug sie in der Ewigen Stadt - oft mit kleinem Geld - eine erlesene Sammlung etruskischer Keramik und hellenistischer Kleinkunst zusammen. Später konzentrierte sie sich auf islamische Kunst, archäologische Objekte und Porzellan. "Gertrud Rennhard sammelte nicht irgendwas", erklärt Roland Steffan, der 1991 als damaliger Museumsdirektor im Völkerkundemuseum St. Gallen die Bekanntschaft mit der Sammlerin schloss. "Ihre Sammlung besticht durch ein untrügliches Auge. Gertrud Rennhard griff zielsicher nach museumsreifen Stücken. Ihre kleinen, feinen Objekte geben einen hervorragenden Einblick in die etruskische Kultur."

Diese erlesenen Stücke sind viel gereist - als Leihgaben für das Völkerkundemuseum in St. Gallen und für das Antikenmuseum in Basel. Die Sekretärin sammelte klassische Terrakotten, vor allem Vasen, Schalen und kleine Figuren bis zum Bucchero, dünnwandige schwarze oberflächenpolierte Gefäße. Die zweihenkelige Schale aus dem südlichen Etrurien ist solch ein Bucchero sottile. Sie stammt aus dem letzten Viertel des 7. Jahrhundert vor Christi Geburt. Diese schlichte, edle Form war einst das beliebteste Trinkgefäß in der Antike.

"Diese Arbeiten sind alle zauberhaft" sagt Hans-Jörg Schwabl und fügt hinzu: "Sie geben einen hervorragenden Einblick in die Kultur der Etrusker. Sie belegen deren hohes handwerkliches Können. Das ist es auch, was Frau Rennhard so begeistert hat." Der einstige Lehrer erzählt noch etwas. Die Freundin habe ihn und Steffan im Testament als Erben eingesetzt. "Ihr Vertrauen hat uns sehr berührt. Diese Hausaufgabe ehrt uns", sagt er noch. Roland Steffan fügt hinzu; "Wir sind gern ihre Vermächtnisvollstrecker. Sie wollte immer, dass ein Teil dieser Sammlung nach Poschiavo kommt. Jetzt wird ihr Traum wahr. Das ist es, was uns antreibt und auch glücklich macht."

Ab heute sind die 8 hochvitrinen dran, handwerker um uns herum und wenn alle objekte am platz sind, beginnen feinarbeiten z.b.beleuchtung usw. Mlg. Hj. Ro. Die Sammlung von Irma und Roland Christen-Dorizzi ist nicht minder erlesen. Sie umfasst Zeugnisse des alten Indiens. Ein stehender Buddha aus Schiefer stammt aus Gandhara im heutigen Pakistan, 2./3. Jahrhundert nach Christus. Wie er da steht - mit seinem gesenkten Blick, mit seinem milden Lächeln -, rührt er den Betrachter an. Oder die großen, mehrfach übermalten Holzschnitzereien gleich neben der Fassade eines Hausschreines der Jaina aus dem 17. Jahrhundert. Wie der Schrein stammen die acht Asparas aus Gujarat in Westindien. Diese himmlischen Schönheiten schmückten einst als Musikantinnen, Tänzerinnen und Wächterinnen die Kuppel eines Jain-Tempels, heute bilden sie den Auftakt in eine spannende Reise in eine fremde Götterwelt, eine Welt, die Roland Christen-Dorizzi (1913-1995) folgenreich in den Bann gezogen hat.

Ähnlich wie Gertrud Rennhard verschlug es auch den Chemiker beruflich in aller Herren Länder - nach Ägypten, nach Palästina und eben auch nach Indien. Die Geschichte, Religion und Lebensphilosophie dieses riesigen Landes hinterließen bei ihm tiefe Spuren. "Es ist faszinierend" sagt Steffan, der einst einige Jahre in Indien studierte. "Beide Sammler haben sich nie kennengelernt, und doch scheinen sie Seelenverwandte zu sein. Sie haben nicht nur kenntnisreich diese einzigartigen Zeugnisse alter Geschichte gesammelt, sie haben sie auch geradezu verinnerlicht." Auch die indischen Götter von Roland Christen-Dorizzi brauchen den Vergleich mit Stücken in bedeutenden Museen nicht zu scheuen. Pendants finden sich im Museum für Indische Kunst in Berlin oder im Museum Rietberg in Zürich.

Guten Sonntag, heute die beiden letzten hochvitrinen im indiensaal. Die scheiben innen und außen putzen ist sisyphosarbeit! Irgendwo ist immer noch was... Mlg. Hj. Ro. Joh.

Poschiavo, mitten im Valposchiavo, ist wirklich ein hübscher Ort. Es gibt dort alles, was es für Einheimische und Touristen braucht: Atemberaubende Landschaften, Weltkulturerbe Berninaexpress, architektonisch wertvolle Stadtpaläste aus dem 17. Jahrhundert, ausgezeichnete, familiengeführte Hotels, gute Restaurants und Läden, die mit exquisiten Produkten aus der Region auf sich aufmerksam machen. Es gibt schöne Kirchen dort, sogar Museen - für Kunstliebhaber, für Interessenten für Handweberei, Heimatkunde, für kulinarische Entdeckungen.

Beide Sammler waren diesem Ort im Kanton Graubünden sehr verbunden, die eine durch Erinnerungen an unbeschwerte Ferien in der Kindheit, der andere durch die Ehe mit der aus Poschiavo stammenden Irma Dorizzi. Für beide Sammlerpersönlichkeiten war es ein Herzenswunsch, einen Teil ihres Lebenswerkes in Poschiavo zu wissen.

Entstanden ist nun eine Museumsabteilung, die jeglichem Vergleich mit renommierten Museen standhält. Was die beiden Wahldresdner in Zusammenarbeit mit ihrem langjährigen Freund und Ausstellungsgestalter Johannes Schlatter präsentieren, ist sehr überzeugend: Hochmodern und außerordentlich sinnlich zugleich. Karl Heiz, stellvertretender Bürgermeister von Poschiavo, ist voller Lob für die Arbeit der drei Männer: "Das übersteigt all unsere Erwartungen," sagt er freudestrahlend und gibt unumwunden zu: "Ich bin aufrichtig, damit hat niemand von uns gerechnet. Ihnen ist es gelungen, die große Welt in unser kleines Tal zu holen." Gustavo Lardi, der Museumsdirektor, schwärmt ebenfalls: "Wer hätte das vor neun Jahren geglaubt", sagt er. "Roland Steffan und Hans-Jörg Schwabl waren oft entmutigt, ob der bürokratischen Hindernisse. Jetzt aber ist es so, wie wir es uns alle gewünscht haben: Die Götter, die alten Etrusker und Griechen sind zu Hause in Poschiavo. Was für ein Glück für uns!"

Guten morgen, koffer gefüllt? wetteraussichten positiv... heute kommen wandtexte. echo bis jetzt positiv. bis bald. Mlg Hj. Ro. Joh. In der Tat, die Koffer sind gepackt. Mein Mann und ich machen uns auf den Weg nach Poschiavo. Es ist mit der Bahn eine lange Reise, dreimal umsteigen, in Chur Zwischenstopp - wir brauchen anderthalb Tage. Auch daran muss ich denken, als ich die vielen Reden zur inoffiziellen Eröffnung im Palazzo de Bassus-Mengotti höre. Diese lange Reise haben Steffan und Schwabl in den letzten drei Jahren viele Male unternommen - und ähnlich wie ihre Arbeit auch ohne Kosten für das Museum. Jetzt stehen sie da, zwischen all den Honorationen des Kantons - und stehen doch abseits. Die vielen Reden sind ihnen sichtlich peinlich.

Um 15:40 wirklich arbeit beendet... letzte Beschriftungen an wände geklebt. jetzt umziehen und "gäste" der 1. eröffnung sein. Mlg Hj. Ro. Joh.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.09.2013

Adina Rieckmann

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