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Zwei Premieren am Bautzener Volkstheater

Verblühte und verblutende Jugendträume Zwei Premieren am Bautzener Volkstheater

Das Bautzener Volkstheater kümmert sich mit dänischen und holländischen Gegenwartsstücken um die verwahrloste Mittelschicht.

A und B sind Frau und Mann (Szene mit Fiona Piekarek-Jung und Diego Carlos Seyfarth), die ihre weichgespülten Märchenträume durchspielen.

Quelle: PR/ Theater

Bautzen. Das Deutsch-Sorbische Volkstheater hatte ein heißes Februarende. Einerseits feierte Max Frischs „Herr Biedermann und die Brandstifter“, hier angeboten als Riesenpuppenstück für Erwachsene, recht unfröhlich Urständ. Und dann gab es noch innerhalb von fünf Tagen zwei Premieren von Gegenwartsstücken – von der Art her Kammerstücke mit innewohnenden Jugenddramen der europäischen Jetztzeit. Zuerst „Träume werden Wirklichkeit“ des Dänen Christian Lollike – am Burgtheater ergänzt um den Zusatz „ein Disneydrama über Depression und Märchen“. Kurz darauf folgte Hermann Kochs „Angerichtet“ – der niederländische Bestseller „Het Diner“ in der Schauspielfassung von Lene Grösch als Hardcoreversion von Rezas Gemetzelgott.

Doch zuerst kamen Lollikes Disneyalbträume – der es als Leiter des Cafeteatret in Kopenhagen dort vor zweieinhalb Jahren uraufführen ließ. Die deutschsprachige Erstaufführung sicherte sich – wie schon zwei Jahre zuvor dessen „Das normale Leben oder Körper und Kampfplatz“ – das Dresdner Staatsschauspiel fürs Kleine Haus. Nun, knapp zwei Jahre darauf, schwappt das hollywütige Disneydrama herüber, das mit einigen kindheitsprägenden Figuren der westabendländlischen Filmgeschichte spielt, die allerdings als Vorbilder nachhaltig schädigend wirken.

So treffen sich auf dem Dachboden – übrigens bei der Premiere unter Beobachtung des Dresdner Schauspielduos – zwei mental abgefuckte Frühzwanziger namens A und B, die aufgrund mangelnder Chancen wie Verantwortung immer noch spätpubertieren und für die auch der Strick eine Lösung wäre. Dort findet sich, ein wenig wie bei Hauptmanns „Ratten“, ein riesiger Fundus, nur das alle Kostüme – von Arielle bis Schneewittchen, von Dagobert bis Aladin – aus Disneyfilmen stammen. Grund für A und B, einige der jugend-, also sex- wie gewaltfreien Szenchen, die generell ein miefig-heiles Weltbild vermitteln, neu zu interpretieren.

Olaf Hais, eigentlich als Schauspieler am Haus, stellte schon mehrfach seine Regieambitionen unter Beweis, sein Bautzener „Tschick“ wanderte jüngst des Zuspruchs wegen sogar vom Burgtheater ins große Haus. Hier hat er mit Fiona Piekarek-Jung und Diego Carlos Seyfarth auch optisch die passende Besetzung. Anders als in Dresden unterstellt er hier keine vorherige Paarkonstellation und setzt nicht so sehr auf Tempo wie Athletik. Ausstatterin Katharina Lorenz hat einen Schrank (statt Vorhang) zur Verwandlung erfunden, auf dem dann auch Aladins Teppich fliegt – mit Schneewittchen als Co-Pilotin –, um zu bemerken, dass dies auch nicht als Therapie taugt. So stört nur die pseudo-erotische Tanznummer (Choreographie: Frank Schilcher) kurz vor Schluss und konterkariert das Geschehen zuvor.

Doppelmord dank Elternrückhalt

Einen ganzen Zacken schärfer geht es bei „Angerichtet“ zu: Hier verblüht die Jugend nicht nur, sie lässt auch verbluten – dabei sind keinerlei Problemzone (jenseits des eigenen Kopfes) und kein Elend weit und breit, nur überforderte Mittelschicht. Ex-Oberspielleiter Michael Funke, der in seiner Bautzener Ära immer gern wie gut für die brisanten wie modernen Stoffe zuständig war, setzt das nun bei seinen alljährlichen Bautzener Regiegastspielen fort: Auf Fallada folgt Kochs Thriller, als Roman seit 2009 auch international ein Renner und mittlerweile in 21 Sprachen übersetzt. Für den hat er zwar sein Traumensemble fast komplett beieinander, aber auch eine recht komplizierte Fassung, jene der Ingolstädter Erstaufführung, die mit viel epischer Erzählung, aber dafür karger Handlung aufwartet.

Genauer gesagt geht es nur um ein Dinner, bei dem die unterschiedlichen Brüder und deren Frauen über ihre gleichaltrigen Söhne sprechen wollen oder müssen: Paul, ein psychisch arg angeschossener arbeitsloser Ex-Lehrer (Ralph Hensel als echter Fiesling) zeigt sich dabei echt überrascht, dass ihn sein 15-jähriger Sohn Michel (Anthony Mrosek), der ab und auftaucht, im Ernstfall in der kaltblütigen Brutalität noch zu toppen vermag. Verlassen können sich beide auf Claire (Lilli Jung), die sie als Frau und Mutter in fataler Liebe deckt – und dafür sogar selbst zum abgebrochenen Weinglas greift, als der Mann kneift.

Doppelopfer von Bruder und Schwägerin ist Serge (Rainer Gruß als zweifelnder Politiker), dessen Frau Babette (Katja Reimann) ihn unbedingt an der Landesspitze sehen will und dafür auch ein familiäres 3:1-Komplott mitträgt. Er will aufgrund des gemeinsamen Familiengeheimnisses am nächsten Morgen von seiner Kandidatur als niederländischer Ministerpräsident zurücktreten, denn die Söhne der beiden – so ist bislang nur für deren Eltern erkennbar – haben eine „stinkende“ Obdachlose in einem Geldautomatenhäuschen erst zusammengetreten, später angezündet und gefilmt.

Per Netzvideo werden die Eleven nun erpresst. Mittäter Rick und dessen schwarzer Adoptivbruder Beau treten nur als Stimme in Erscheinung – der eine droht, an der Schuld zu zerbrechen, der andere zahlt seine Erpressung mit dem Leben, wobei vier der fünf gruseligen Gewalttaten nicht zu sehen sind, aber per Erzählung in jedem Kopf exklusiv abgespeichert werden. Vermutlich, so Kochs gemeine Pointe, je nach Vorprägung.

Trotz des erzählerisch verwobenen Plots gelingt Funke – auch dank eines wunderbar funktionierenden Bühnenbilds, das er selbst und eigens für die Doppeldrehbühne entwickelte – ein solider Theaterabend mit viel nachhaltiger Denkarbeit, bei der alle Spieler überzeugen und Rainer Gruß und Ralph Hensel in ihrer dargestellten charakterlichen Ambivalenz herausragen.

Das Original des Mordfalles gab es übrigens 2006 in Barcelona – und zwar fast genauso, wie es hier erzählt wird: Mitten im Villenviertel, einzig erkennbares Motiv des sinnlosen Tötens: Empathielosigkeit. Wer will, findet in Bautzen also auch komplexere Erklärmodelle für eigentlich unerklärbare Taten. Das Theater überlegt derweil, Frischs biedermännliche Brandstifter von der Burg auf die große Bühne in die Stadt umzusetzen. Auch das eine gute Idee im Vorfeld des sächsischen Theatertreffens vom 18. bis 22. Mai, das um regionale Identitäten nicht herumkommen wird.

nächste Vorstellungen: „Angerichtet“ am 17. März; „Träume werden Wirklichkeit“ am 18. März, 9. April und 29. April (je 19.30 Uhr im Burgtheater);

www.theater-bautzen.de

Von Andreas Herrmann

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