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Zwei Phänomene: Nigel Kennedy und Paul Potts im Kulturpalast

Zwei Phänomene: Nigel Kennedy und Paul Potts im Kulturpalast

Wer an Nigel Kennedy denkt, denkt an Antonio Vivaldis "Le quattro Stagioni" ("Vier Jahreszeiten"). So aufregend und kreativ, so phantasievoll und individuell, so fetzig und mitreißend hatte bis dato kaum jemand das berühmte Werk Vivaldis dargeboten.

Hinzu kam das Punk-Outfit. Nicht wenige ließen sich einreden, der Brite sei Fiedler wie Flegel, bloß weil bei dem Revoluzzer im Image-Geschäft das Hemd aus der Hose hängt und das Haar zum Hahnenkamm frisiert ist.

Nun gastierte das Enfant Terrible der Klassik-Szene im Kulturpalast. Mit von der Partie: das Orchestra of Life, dessen Mitglieder größtenteils aus Polen stammen. Dort wird die Tradition noch in Ehren gehalten - und Kennedy hat sich infiziert, wie schnell deutlich wird. Der Künstler grüßt mit dobry wieczór (Guten Abend), bedenkt ein ums andere Mal die Damen, allen voran eine Cellistin, mit einem Handkuss. Auch in Nietenhose und Springerstiefeln werden Etikette und Höflichkeitsformeln bewahrt. Wenn sich Kennedy artig gegenüber dem Publikum verbeugt, dann wirkt das allerdings mitunter auch wie eine Parodie auf ein Relikt aus der Welt der Klassik. Gebrochen wird das Ritual ohnehin durch gelegentliches Aufstampfen mit dem Stiefel oder - soviel Rebellion im Gestus muss sein - Begrüßungsgesten mit der Hand im Stil eines Ghetto-Gangsters. Die Mitglieder des Orchesters lächeln. Sind es Profis, die gute Miene zu Kennedys Mätzchen machen, oder sind sie selbst amused? Manches spontane Auflachen deutet auf Letzteres.

Das Haar des Punkgeigers mag dünner und grauer geworden sein, für einen Hahnenkamm reicht's allemal. Dass der Saal im Vergleich zu früheren Auftritten nur noch mäßig gefüllt ist, tut der Stimmung keinen Abbruch, auch nicht bei den Zuhörern. Die kriegen zunächst mal, womit Kennedy durchstartete: "Vier Jahreszeiten". Allerdings hat Kennedy sein Paradestück neu arrangiert. Neben der Streicherbesetzung spielt nun auch eine kleine Band mit Perkussion, E-Gitarre, Keyboards und Trompete mit.

"Autumn?" fragt Kennedy - und schießt hinterher: "Yes, why not!" Und verleiht mit E-Geige dem Herbst, bei dem der Wind wild durch die Saiten der Streicher fegt, eine ganz eigene zusätzliche Wucht. Aber nur kurz, denn bald darauf herrscht genau die Erstarrung, die einst der Venezianer Vivaldi komponierte. Die helle Melodie aus dem "Winter"-Part bleibt fast unangetastet, erhält jedoch ein hübsches Vorspiel, aus dem sie dann durchbricht wie die Sonne aus einem morgendlichen Nebelmeer über der Elbe. Kennedy hat dem Werk des Barockers Vivaldi eigene Stücke von deutlich schlichterer Faktur beigefügt. Eingestreut werden - von dem Revoluzzer im Imagegeschäft wie einem stimmlich guten Gesangsquartett - zudem Vokalisen, wobei ein "O, yes" wie ein "O, shit" wohl demonstrieren sollen, dass Punk not dead ist.

Nach der Pause brachte Kennedy dann die vier Sätze seiner selbst komponierten "Four Elements"-Suite zu Gehör, die von einer Ouvertüre und einem Finale (von Kennedy augenzwinkernd selbst als "motherfucking long" bezeichnet) flankiert werden. (Art-)Rock meets Jazz, Pop trifft Film- und Weltmusik. "Air" etwa klingt mehr als nur ansatzweise nach asiatischer Meditationsmusik für den Wellnessbereich, "Earth" und "Fire" hingegen fallen exaltiert rockig aus. Mal lassen The Doors grüßen, mal liegt ein Hauch von Earth, Wind and Fire in der Luft, mal wird John Coltrane oder auch Edward Elgar Reverenz erwiesen. Es lounged und soult ein bisschen, hendrixt brachial und barockt zuckersüß. Mal ist mal als Zuhörer fasziniert, mal kämpft man gegen den Fluchtreflex an. Fossil wirkt das Cross- over-Gebräu nicht, wirklich revolutionär aber auch nicht. Die Fangemeinde im Saal war hingerissen, der Jubel am Ende der fast dreieinhalb Stunden frenetisch.

Ein anderes Phänomen ist Paul Potts. Auch er wird immer noch von seinen Fans verehrt, entgegen dem allgemeinen Geunke, sein Stern würde in der sauerstoffarmen Atmosphäre öffentlichen Desinteresses bald wieder verglühen. Auch wenn der Kulturpalast, wo der Brite mit der Neuen Philharmonie Frankfurt auftrat, nur zur Hälfte gefüllt war.

Aber noch kann dieses Phänomen - zumindest ein Teil der präzise mahlenden Medienmaschinerie trägt dazu bei - seinen Traum weiter leben. Das dritte Album "Cinema Paradiso", ein ordentliches Mainstream-Pop-Klassik-Album, verkauft sich nicht schlecht. Eine wohlklingende Stimme lässt sich dem Laientenor Potts nicht absprechen. Was fehlt - der Eindruck stellt sich jedenfalls ein - scheint die Kraft zu sein, stimmlich über längere Strecken durchzuhalten. Mitunter muss er drücken, manchmal räumt er auch die Bühne und macht mal der durch die RTL-Castingshow Das Supertalent bekannt gewordenen Sängerin Vanessa Calcagno Platz, mal der 16-jährigen Trompeterin Melissa Venema aus den Niederlanden. Beide lassen nachhaltig aufhorchen.

Potts' Problem: Er wird in der Regel nicht nur als singender Underdog, sondern nicht zuletzt auch als Opernsänger beworben. Würde er auf Popmusiker machen, würde sich kaum einer stören, dass er gesangstechnisch kein Überflieger ist, denn im Pop-Genre wird einem kaum einmal angekreidet, wenn er nicht gut singen kann: weder Grönemeyer noch Lindenberg, weder Dylan noch Jagger oder wie die Nichtsänger alle heißen.

Der Abend erweist sich als Abfolge von gefälligen Standards, die den Massen gefallen sollen - und auch tun. Potts' Interpretationen von "Il Mio Cuore Va (My Heart Will Go On)", "Love Story" oder auch "What A Wonderful World", bekannt geworden durch den Film "Good Morning Vietnam", rühren durchaus an. Erfreulicherweise ist auch das deutlich weniger strapazierte "Forbidden Colours" aus dem Film "Furyo - Merry Christmas, Mr. Lawrence" mal wieder zu hören.

Potts, der übrigens einen Doktortitel in Philosophie besitzt, intellektuell also entgegen landläufigen Klischees durchaus eine Nummer ist, schmettert quarten- und quintenselige Hits in den Saal. Vor den meisten Nummern gibt er preis, was sie ihm persönlich bedeuten. Das macht Sinn, denn schließlich ist es indirekt immer auch sein Leben, die Geschichte seines Aufstiegs vom Handyverkäufer zum Star, weshalb viele von ihm fasziniert sind. Natürlich kommen auch die Freunde der italienischen Oper auf ihre Kosten. In punkto Ausstrahlung hat sich Potts gemausert, ausbaufähig ist sie aber noch immer. Man sieht ihm die Anstrengung beim Singen mitunter an, aber die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ist auch im hehren Opernbetrieb nicht jedem gegeben. Erst als Zugabe ist Potts' Paradenummer Nessun dorma aus Giacomo Puccinis Oper Turandot zu hören: klar, nuanciert, anrührend. Schon klar, weshalb er einst die Herzen im Sturm eroberte. Christian Ruf

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.11.2011

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