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Zur Jubiläumsschau "500 Jahre Sixtinische Madonna" präsenteirt die DNN in einer Reihe weitere Meisterwerke - heute: Jan van Eycks Flügelaltar aus d...

Zur Jubiläumsschau "500 Jahre Sixtinische Madonna" präsenteirt die DNN in einer Reihe weitere Meisterwerke - heute: Jan van Eycks Flügelaltar aus dem Jahr 1437

"Die Sixtinische Madonna - Raffaels Kultbild wird 500!": Die DNN - Partner der großen Jubiläumsausstellung vom 26. Mai bis 26. August 2012 in der Gemäldegalerie Alte Meister, Semperbau am Zwinger - begleiten dieses Ereignis mit einer Artikelserie aus der Feder von Direktor Bernhard Maaz, in der er Meisterwerke seiner Galerie vorstellt.

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Jan van Eyck. Flügelaltar, 1437. Eichenholz, Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden.

Quelle: Klut

Heute: Jan van Eycks Flügelaltar, 1437.

Nicht nur Raffaels großartige und großformatige "Sixtinische Madonna" gehört zu den Meisterwerken der Dresdner Gemäldegalerie, sondern auch kleinformatige Kostbarkeiten dürfen mit Fug und Recht unter diesem Begriff firmieren. Jan van Eyck malte 1437 eines der frühesten Gemälde dieses Museums, wohl aber auch eins der edelsten und der privatesten. Es ist zudem ein Werk mit zwei meisterlichen Ansichtsseiten, wandelbar und dadurch doppelt überraschend.

Das "Triptychon mit Maria und dem Kind, der hl. Katharina und dem hl. Michael mit Stifter", wie der ausführliche Titel lautet, entstand als Wandelaltar und war einstmals - was heute unvorstellbar scheint - wohl sogar als Reisealtar für die private Andacht nutzbar. Im Mittelpunkt der Komposition steht die Darstellung der Maria in einem Kirchenraum, der sich als eine reich ausgestaltete Kapelle darbietet: Auf Sockeln mit vornehmem Blendwerk erheben sich verschiedenfarbige Granit- und Marmorsäulen, die von fein ausgearbeiteten Kapitellen bekrönt sind. Sie tragen die Wände des Obergadens, und über den Säulen selber erheben sich zehn kleine Sockel mit Statuetten, über denen Baldachine aufragen. Hinzu kommen kostbarste Teppiche, die sich als Baldachin und Hoheitszeichen hinter Maria entfalten, sowie die farbigen, in kostbarem Verlegemuster platzierten Fliesen des Fußbodens und der auch hierauf liegende Teppich. Zur reichen Ausstattung des Raumes gehören auch die farbigen Kirchenfenster, die sich in den Fensterbahnen über dem grünen textilen Baldachin erheben. Das ganze Formenrepertoire der vornehmsten und reichsten gotischen Baukunst entfaltet sich also hier in ihrer Mannigfaltigkeit und in der damals üblichen wechselseitigen Ergänzung von unterschiedlichsten Materialien und Farbigkeiten. Aber Baukunst, Skulptur und Kunsthandwerk sind nur auf dienende Art und Weise benutzt, denn im Mittelpunkt bleibt die überproportional große Figur der Madonna.

Das Jesuskind

Die mädchenhaft junge und ernst blickende Maria sitzt in ihrem roten, weit fallenden Gewand auf dem Thron. Auch er ist skulptural geschmückt, namentlich mit kleinen Pelikanen, die der christlichen Legende zufolge sich dadurch auszeichnen, dass sie ihre Jungen mit dem eigenen Blut nähren, womit der Opfertod Christi gemeint ist. Damit weist also die Ausstattung auf das Lebensschicksal und die Bestimmung des Jesuskindes voraus, der am Kreuz sterben und damit die Schuld der Menschheit auf sich nehmen wird. Maria trägt eine Krone, denn sie ist die Himmelskönigin, der die göttliche Auszeichnung zuteil wurde, durch die unbefleckte Empfängnis und also in Reinheit von der "Erbschuld" das Kind Gottes zu empfangen.

Das Jesuskind thront nackt und bloß, also in himmlischer Reinheit, in völligster Verletzlichkeit, aber auch sich dem Blick darbietend, auf dem Schoß der Mutter, die ihren liebevoll-ernsten Blick auf ihn geheftet hält. Sie ist somit Mittlerin zwischen der Göttlichen Bestimmung und der menschlichen Erscheinung. Jesus hält ein Schriftband, das seine Lebensbestimmung und sein Wunderwirken für die Menschen voraussagt: "Discite a me, qui mitis sum et humilis corde." Übersetzt lautet dieser Text "Folgt mit, denn ich bin milde und demütigen Herzens." In Luthers Bibeldeutsch setzt sich dieser Vers (Matthäus 11, 29) fort mit dem Hinweis, "so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen." Das Ruhefinden aber ist eines der letzten und höchsten Ziele aller Seelenkämpfe.

Auf dem rechten Flügel sieht man im Nebenschiff des Kirchenraumes eine blau gekleidete Heilige mit Rad und Schwert, den Hinweisen auf das Martyrium der Heiligen Katharina. Sie hält überdies ein Buch in der Hand, das also als Hinweis auf die Festigkeit im Glauben zu verstehen ist. Die Krone weist sie aus als eine Heilige von göttlicher Abkunft.

Im linken Seitenflügel und also auch im linken Kirchenschiff befindet sich der Erzengel Michael mit seinem prächtig vielfarbigen Flügelpaar und einer Lanze, die ihm der Legende zufolge dazu diente, den - hier nicht gemalten - Drachen und also das Böse zu besiegen. Vor Michael kniet ein Mann in anbetender Haltung und in zeitgenössisch burgundischer Kleidung. Wenn man auch heute nicht weiß, wer dieser Stifter ist, so dürften sich die beiden Heiligen doch auf seine hochgestellte Person beziehen.

Van Eyck hat mit diesem Altar ein außerordentlich feines, detailliert und farblich kostbares Werk geschaffen, dessen Kostbarkeit ihm heute den außerordentlichen Rang verschafft. Zeitgleiche und spätere Schöpfungen etwa vom Meister von Flémalle oder Rogier van der Weyden setzten diese Tradition fort, auch wenn die Bildformate oft deutlich größer ausfielen. Auch die Bevorzugung gemalter Skulpturen im Bild findet sich bei ihnen häufig. Van Eyck benutzte dies nicht nur auf der Schauseite des aufgeklappten Altars, sondern auch auf den Flügelaußenseiten. Dort sieht man im zugeklappten Zustand links abermals einen Engel und rechts die Maria: Es sind der Verkündigungsengel und die Muttergottes, die die Botschaft erhält, dass sie die Auserwählte sei. Diese Botschaft ist dort in die bekannte Symbolik einer Taube - die den heiligen Geist versinnbildlicht - gefasst. Diese beiden Figuren und die Taube sind gemalt wie kleine Kalkstein- oder Elfenbeinskulpturen, stehen auf gemalten oktogonalen Sockeln mit feinem, reliefiertem Blendwerk und erhalten das Licht von links. Die Lichtrichtung entspricht auch der Verkündigungsrichtung vom Engel zur Maria sowie der Flugbahn der Taube: So wird die Göttlichkeit des gemalten Lichtes in eine hochkomplexe Bildregie eingebunden. Dieses in feinen Graugelb- und Weißtönen gehaltene Sujet wird von einem rot-schwarz gefleckten Rahmen eingefasst: Diese Materialität imitiert Schildpatt und also abermals ein kostbares Material.

Heilige Botschaft

Das Innen und Außen des Andachtsbildes verhalten sich also wie Verkün-digung zur Einlösung: Außen kündigt sich die Geburt Christi an, innen wird sie vergegenwärtigt. So erschließt sich die heilige Botschaft schrittweise in der weihevollen Handlung des Frommen, denn schon das Öffnen des Klappaltars wird zu einer Annäherung an Gott und ist Teil des Gebetes.

Ähnlich kleinformatige Altäre von van Eyck gibt es nicht nur in Dresden, sondern etwa auch in der Berliner Gemäldegalerie, wo die "Madonna in der Kirche" ein sogar noch kleineres Bildformat aufweist. Der enge Zusammenhang zur Buchmalerei mit ihren winzigen, mit spitzestem Pinsel ausgeführten Illustrationen liegt auf der Hand, denn auch die Andachtsbücher dienten der individuellen Versenkung in die Glaubensbotschaften - und auch sie waren nur einer wohlhabenden Oberschicht verfügbar.

Als das Werk in der Mitte des 18. Jahrhunderts im Inventar auftauchte, führte man es als eine Schöpfung Albrecht Dürers (1471-1528), obwohl dieser fast ein Jahrhundert nach dem Schöpfer des Altars, Jan van Eyck (um 1390-1441), lebte. Noch waren die historische Kunstgeschichtsforschung nicht begründet und ein Sinn für den Entwicklungsgang der Kunst nicht entwickelt, noch lebten Bezeichnungen von Bildern in Galerien von der Zuschreibung an möglichst berühmte Künstlernamen. Der Name Dürer aber bürgte nicht nur für Qualität, sondern auch für hohe Preise am Kunstmarkt. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts und insbesondere dank einer Restaurierung kam es zur Berichtigung der Zuschreibung. Abermals ein Jahrhundert später fanden sich im Zuge von abermaligen Restaurierungsarbeiten bei der Farbabnahme die Signatur und Datierung. In der Rahmenkehle steht: "Johannes De eyck me fecit et complevit Anno DM MCCCCXXXVII", also "Johannes von Eyck hat mich gemacht und vollendet im Jahre des Herrn 1437".

Doch neben dieser Datierung hat van Eyck in seiner winzigen Schrift noch ein höchstpersönliches Credo aufgetragen:"Alc ixh xan", unten mitten auf der Rahmenleiste. Das kann man als Bekenntnis dafür verstehen, dass er so gut und fein malen will, wie er nur irgend vermag. Es wäre dann also eine Selbstverpflichtung, das Beste zu geben zur Verherrlichung Gottes, es ist der Ausdruck seiner Absicht, ein künstlerisches Meisterwerk zu schaffen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.04.2012

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