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Zur Identität finden: Ein Vierteljahrhundert Neuer Sächsischer Kunstverein

Zur Identität finden: Ein Vierteljahrhundert Neuer Sächsischer Kunstverein

Eine Ausstellung mit Arbeiten von mehr 100 Künstlern hat heutzutage in Dresden schon einen gewissen Seltenheitswert. Und auch das Thema "Heimat" sollte in diesen Tagen hellhörig machen auf Grund seiner im Konkreten wie Abstrakten so kontroversen Deutungsmöglichkeiten - und Gefährdungen.

Die Rede ist hier freilich nicht von der Ostrale, sondern von einer kleinen Galerie am gar nicht so weit davon entfernten Schützenplatz, wo die diesjährige Mitgliederausstellung des Neuen Sächsischen Kunstvereins (NSKV) stattfindet, die zugleich ein Jubiläum würdigen sollte, wie es sie derzeit zwar inflationär häufig zu begehen, aber dennoch nicht zu unterschätzen gilt: Seit einem Vierteljahrhundert besteht nun der Verein, dessen Initiatoren und Begründer sich bereits Anfang 1990 zusammengefunden hatten, um die Idee und Wirkungstradition des 1828 gegründeten, nach 1945 administrativ geschlossenen Sächsischen Kunstvereins wieder aufzunehmen und genreübergreifend zu erweitern.

Es waren durchweg prominente Vertreter des Dresdner Kulturlebens wie Werner Schmidt, Max Uhlig, Johannes Heisig, Fiete Junge, Arila Siegert, Ludwig Güttler, Peter Rösel, Thomas Hartmann, Gunther Emmerlich, Udo Zimmermann. Erster Vereinsvorsitzender wurde der Galerist und Maler Johannes Kühl.

Die Pläne waren hochfliegend, der Anfangsschub auch aus der Stadtverwaltung und dem jungen Kunstministerium beträchtlich. Erklärtes Ziel war der Einzug in das erst wieder herzustellende Ausstellungsgebäude an der Brühlschen Terrasse, in dessen Ruine auch das erste von sechs Kunstfesten stattfand, mit denen der Verein als unverzichtbarer Träger und Förderer der sächsischen Kulturszene Zeichen setzen wollte.

Auch der jährlich im Frühsommer gemeinsam mit dem Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik an der Schevenstraße ausgerichtete "Park der Sinne" lockte tausende Besucher zu einem Veranstaltungs-Kaleidoskop aus Musik, Tanz, Theater, Literatur und bildender Kunst, das "nebenbei" auch unvergessliche Begegnungen und Gespräche ermöglichte. Sogar eine eigene Kunstzeitschrift gab der Verein heraus, benannt nach der schwebenden Figur auf der "Zitronenpresse", die Fama. Große Ausstellungsprojekte konnten unter anderem im Residenzschloss und im Japanischen Palais verwirklicht werden.

Doch bekanntlich wurden die Weichen in der Kulturpolitik auf städtischer wie auf Landesebene bald anders gestellt. Die anfangs reichlich fließenden Fördermittel versiegten mehr und mehr, aber als noch schwerwiegender erwies sich letztlich der "Geburtsfehler" des Vereins: Im Unterschied zu einer rechtlich durchaus möglichen, aber wohl gar nicht ins Auge gefassten Wiederbelebung des alten Vereins hatte die Neugründung keinen Anspruch auf die Rechtsnachfolge und folglich auch nicht auf das Hausrecht in der Ausstellungshalle des Lipsiusbaus, die heute allein von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresdner genutzt wird.

Seit dies offensichtlich wurde, zogen sich die meisten Protagonisten, mittlerweile auch aus anderen wie Altersgründen zurück. Als die heutige zweite Vorsitzende Karin Weber 1999 als kunstwissenschaftliche Beraterin engagiert wurde, hatte der Verein gerade ein Domizil in einem Bankgebäude an der St. Petersburger Straße bezogen. Am Ende der Dresdner Museumsmeile, mit Blick auf geplante Ausstellungen im Residenzschloss und im Japanischen Palais, auf den Lipsiusbau, wo man in wenigen Jahren die Eröffnungsschau gestalten wollte, gab man sich noch immer optimistisch.

Doch in Wahrheit befand sich der zu dieser Zeit von dem unvergessenen TU-Kanzler Alfred Post geführte Verein längst in den Mühen der Ebene, was Karin Weber unter anderem veranlasste, sich mit den Veranstaltungsangeboten mehr auf junge Leute zu orientieren. Außerdem stellte sie den Kontakt zu Kultureinrichtungen in Dresdens Partnerschaft Wroclaw her, was sich neben einem regelmäßigen Erfahrungs- und Ideenaustausch bis heute in gemeinsamen Projekten nie-derschlägt. So war im Vorjahr eine Ausstellung mit Fotografien und Objekten zum Werk des polnisch-jüdischen Schriftstellers Bruno Schul in Dresden zu Gast, und im kommenden Herbst werden an der Oder die "Haltungen" 15 zeitgenössischer sächsischer Fotografen vorgestellt.

Als Karin Weber schließlich - neben der Führung ihrer eigenen Galerie - auch die Leitung der Geschäftsstelle übernahm, stand ein weiterer Umzug an, nämlich ins Europäische Zentrum der Künste Hellerau. Mit der Ausstellung "Einen Ort herstellen" sollte dort für einen sinnfälligen und nachhaltigen Einstand gesorgt sein. Doch die Präsenz des NSKV blieb bzw. wurde zur Rand- erscheinung, geographisch wie inhaltlich.

In der Folge gab es 2013 eine Empfehlung der Mitgliederversammlung, die Kooperationsvereinbarung mit Hellerau aufzuheben und sich wieder zentral anzusiedeln. Mit dem Entgegenkommen des Umweltzentrums Dresden und dem "Kunstraum Dresden" im noch nicht ganz fertiggestellten Gebäudes am Schützenplatz wuchs die Hoffnung, hier in der Nähe des Kulturkraftwerks Mitte und der Musikhochschule einen "identitätsstiftenden Ort" zu finden, wie es im Geschäftsbericht für 2014 heißt.

Aus dem Kunstverein mit dem Anspruch einer moderierenden Funktion auch auf politischer Ebene ist ein Künstlerverein unter anderen geworden, der sich dessen ungeachtet weiter verdienstvoll in der Kunstvermittlung engagiert, unter anderem durch Atelierbesuche und Reise-Angebote, aber auch durch Lesungen und regelmäßige Konzerte, für die Günter Baby Sommer und Jan Heinke zuständig sind. Für ein eigenes Profil sorgt neben der multimedialen Ausrichtung die besondere Aufmerksamkeit bzw. Leidenschaft für die Fotografie, die im besonderen Karin Weber mit dem 1. Vereinsvorsitzenden, dem Biologieprofessor und Fotografen Roland Nagel, verbindet.

Dass der Verein ohne sein für angestammt gehaltenes Haus nie recht heimisch wurde und heute - bei aller Wertschätzung des Umweltzentrums - gewissermaßen im Asyl lebt, findet allerdings kaum Resonanz in den Arbeiten, die noch bis 22. August im Kunstraum zu sehen sind. Es haben sich auch bei weitem nicht alle der fast 200 bildenden Künstler (von den heute etwa 500 Vereinsmitgliedern) beteiligt, was es der Ausstellungsgestalterin Weber unmöglich machte, die Hürde der Enge zu überspringen und die Wände demonstrativ vollzuhängen.

Und so wirken die vielen kleinen, z.Teil auch plastischen, aber zumeist auf Papier verfertigten Arbeiten nicht so sehr im Einzelnen, aber in der Fülle eher etwas provinziell, wenn da ganz vorzugsweise dem Untertitel "eine Hommage an Sachsen und Dresden" gehuldigt oder das Thema ganz ignoriert wird. Wohl im Unterschied zu der für den Herbst angekündigten Lesereihe, die "Annäherung an ein deutsches Thema verspricht" (siehe Kasten rechts).

Lediglich einige Künstler wie Jürgen Schieferdecker und Hubertus Giebe haben das schon einmal mit provokantem Impuls getan. Der eine, indem er mit einer Collage auf die Abweisung heimatlos Gewordener verweist, der andere, indem er mit einer Farblithographie "Dresden im Herbst" stutzen macht, die allerdings bereits im Jahr 1989 entstanden ist.

Heimat, eine Hommage an Dresden und Sachsen bis 22. August im Kunstraum Dresden Schützenplatz 1 geöffnet Di bis Fr 14 bis 18, Sa 10 bis 14 Uhr und nach Vereinbarung

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.08.2015

Tomas Petzold

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