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Zum Tode des Dresdner Malers und Grafikers Ernst Lewinger

In die Stille entrückt Zum Tode des Dresdner Malers und Grafikers Ernst Lewinger

Sein Wesen umgab ein Zauber. Zurückhaltung und eine wohltuende Schlichtheit zählten zu den besonderen Eigenschaften seines Menschseins und seiner Kunst. Am Freitag ist der Dresdner Maler/Grafiker und Buchillustrator Ernst Lewinger nach längerer Krankheit gestorben.

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Ernst Lewinger, 2014. Ein Porträt von Gabriele Seitz.

Quelle: Gabriele Seitz

Dresden. Sein Wesen umgab ein Zauber. Zurückhaltung und eine wohltuende Schlichtheit zählten zu den besonderen Eigenschaften seines Menschseins und seiner Kunst. Am Freitag ist der Dresdner Maler/Grafiker und Buchillustrator Ernst Lewinger nach längerer Krankheit gestorben - begleitet von treuen, hilflosen und betroffenen Freunden. Nach seiner letzten Ausstellung 2011 bei Gunter Ziller in der galerie am blauen wunder mit Pastellen und Aquarellen hatte die Galerie K Westenend Anfang 2015 eine Retrospektive mit einem kleinen Teil seiner Pastelle, Federzeichnungen und Entwürfen für Buchillustrationen ausgerichtet. Für März 2016 plant die Galerie anlässlich seines 85. Geburtstages eine daran anknüpfende Ausstellung.

Das Geheimnis von Ernst Lewingers Kunst war sein unbedingter Rückzug in die inneren Gefilde seines Selbst-Seins, eine Entrückung in die Stille, die sich am besten an vielen seiner Landschaften ablesen lässt: Die Eindrücke von Wanderungen in Böhmen und Sachsen sind in unzähligen Skizzen festgehalten und zusammengetragen, im Atelier zu lichten, leicht dunstigen Pastellen verdichtet, die ihren strengen topografischen Charakter verloren haben und wie pure Poesie anmuten. Licht, Impression und eine sachte, aber stringente Art, sich malerisch zu äußern, wirken in den Landschaften in leichter Idealisierung zusammen. Ein Hauch liegt über den Blättern, ein Nebel, der die Stimmung dämpft und den Focus auf das Wesentliche richtet. Hügel und Berge, Flussufer und Wald, aber auch hier und da einzelne mächtige, domartige Bäume sowie kunstvoll angelegte Parke mit einzelnen Skulpturen erzeugen eine besondere Stimmung, knüpfen an die Malerei der Romantik an, einer metaphysischen Ausdrucksweise, wie sie sich zum Beispiel an den Weltlandschaften von Caspar David Friedrich ("Wanderer über dem Nebelmeer") zeigt.

Eine stoische Ruhe erfüllt die auf Ausgleich zielende Kunst von Lewinger mit Konzentration auf das Atmosphärische der Stimmung, aber auch ein Anflug von arkadischer Inselzurückgezogenheit angesichts einer bedrückenden, auch ins Eigene greifenden Gegenwart von Kälte und Lieblosigkeit. Seine Landschaften sind deshalb innere Bilder, Projektionen, handwerklich gute Malerei, die nicht nur abbildet, sondern das eigene Gefühl einbringt, zusammengehalten von einer impressionistischen Musikalität, die an die schwermütigen Melodien Claude Debussys oder Maurice Ravels erinnert.

Ernst Lewinger wurde 1931 in Dresden in einer großbürgerlichen Familie geboren, die ihren Wohlstand in der Weltwirtschaftskrise verlor. Der Großvater war bis 1918 Oberregisseur am Königlich Sächsischen Hoftheater. Ernst Lewinger nahm 1947/48 Privatunterricht bei dem Maler und Fotografen Edmund Kesting. Von 1948 bis 1951 studierte er an der HfBK Dresden bei Professor Josef Hegenbarth, dem künstlerisch toleranten und menschlich integren Förderer, und Hans Theo Richter, dem exzellenten, aber strengen Zeichner. Von 1951 bis 1953 wechselte Lewinger mit einem Währungsstipendium an die Hochschule der Künste Berlin Charlottenburg, wo er mit Alexander Camaro und Hans Uhlmann zwei bedeutende Vertreter der nonfigurativen Nachkriegskunst als Lehrer hatte. In Kunstgeschichte unterrichtete ihn Will Grohmann. Nach einer Tätigkeit als Zeichenlehrer 1957/58 arbeitete er zeitweise im Kupferstich-Kabinett Dresden als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Inventarisierung der aus Russland zurückgekehrten grafischen Blätter, war aber danach wieder freischaffend.

Seit 1972 trat Ernst Lewinger als exzellenter Buchillustrator hervor und erhielt dafür Preise: Darunter sind Illustrationen zu Büchern von E.T.A. Hoffmann ("Der goldene Topf"), Eduard Möricke ("Mozart auf der Reise nach Prag", 1986), Ferdinand von Saar ("Ginevra und andere Erzählungen", 1985), Theodor Fontane ("Cecile", 1976), Hermann Hesse ("Merkwürdige Nachricht von einem anderen Stern", 1977, antiquarisch erhältlich), Friedrich Huch ("Träume - neue Träume", 1983), Mihai Eminescu "Engel und Dämon", 1972) und andere. Allein die Auswahl der Autoren belegt, dass Lewinger sich gerade für die skurrilen, eben metaphysischen Themen der Literatur interessierte, in denen das Rätselhaft-Träumerische seines Wesens Befriedigung und Anregung fand. Von 1972 bis 1986 erschienen vierzehn belletristische Bücher mit seinen Illustrationsfolgen in DDR-Verlagen. Die Liebe zur Buchillustration mag von Lewingers Lehrer Hegenbarth im Studium angefacht und wachgehalten worden sein.

Lewingers Zeichenwerk ist groß und bildet die Grundlage seines intensiven Schaffens. Seine feinstrichigen Federzeichnungen erscheinen in "verhäkelter Verwobenheit" (H.U. Lehmann). Lewinger hat sie zum Teil koloriert. Ein Hauch Romantik zelebriert geheimnisvolle Stimmungen. Oft hatten es ihm Oper und Theater angetan, die er rege und begeistert besuchte und deren Szenen und Interieurs er im Pastell und Aquarell festhielt. In ihnen herrscht ein minutiöser, leicht verfremdender Realismus.

In hohen barocken Räumen glimmt ein diffuses Licht, der Raum weitet sich zur Bühne, die Personen agieren in auffälligen, fast kafkaesken Posen, wie in seinen Bildern von einsamen Wanderern durch eine menschenleere Stadt. Die besonderer Disziplin in der Komposition, ihr feiner, durchgeistigter Charakter werden offenbar.

Ernst Lewinger gehört zu wichtigen Vertretern eines intimen, poesiebetonten Realismus der Dresdner Malkultur mit eigener Stimme und unverwechselbarer Ausstrahlung. Eine Werkschau postum und ein Ankauf wären wünschenswert, wozu sich vor allem die Städtische Galerie Dresden hier in die Pflicht nehmen lassen müsste.

von Heinz Weißflog

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