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"Zum Masterplan fehlt Intelligenz": Oliver Kalkofe blickt auf seine Mattscheibe und zurück aufs Fernsehjahr 2012

"Zum Masterplan fehlt Intelligenz": Oliver Kalkofe blickt auf seine Mattscheibe und zurück aufs Fernsehjahr 2012

Das Fernsehen ist "noch mal viel schlimmer geworden", stellt TV-Kritiker Oliver Kalkofe (47) fest. Der Satiriker ist auf Tele 5 wieder mit "Kalkofes Mattscheibe" auf Sendung, jeden Freitag ab 20 Uhr. Stefan Stosch sprach mit ihm.

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Oliver Kalkofe nimmt wieder Maß und geht hart mit dem deutschen Fernsehen ins Gericht.

Quelle: Frank Wilde

Frage: Wie sieht es aus mit dem Fernsehen des Jahres 2012?

Oliver Kalkofe: Es ist so traurig. Ich würde ja so gerne mal etwas Anderes sagen, weil ich das Fernsehen im Grunde meines Herzens wirklich liebe: Aber es ist tatsächlich noch mal viel schlimmer geworden - abgesehen davon, dass es heute einige der tollsten Serien aller Zeiten gibt. Aber die werden im Normalfall im Pay TV, nachts oder auf anderen schlimmen Sendeplätzen gezeigt.

Was ist das Schlimmste zur Zeit?

Es gibt eine Tendenz, die metastasenhaft um sich greift: dass es nicht mehr darum geht, Programm zu machen, sondern nur noch darum, Sendezeit zu füllen. Das geschieht zunehmend mit Doku-Soaps und Scripted Reality - kostet ja nichts. Es gibt keinen Autor, sondern nur noch einen Schimpansen, der ein paar Stichwörter notiert. Es gibt keine richtige Regie, keine Kostüme, keine Maske, kein Set und auch keine Schauspieler. Der Rest ist Nachbearbeitung. Das hat nichts mehr mit Fernsehen zu tun.

Was ist die Folge?

Für unsere Generation, die noch mit richtigem Fernsehen aufgewachsen ist, war es noch eine Fluchtmöglichkeit vor der langweiligen Wirklichkeit. Man sah "Enterprise", "Bonanza", Colt Seavers ... - und dachte: Das ist cool, das will ich auch mal erleben. Heute sieht man fern und denkt sich: Oh, mein Gott, diese Menschen möchte ich niemals kennenlernen. Was ich da sehe, ist ja noch viel schlimmer als all das, was ich erlebe. Heute flieht man nicht mehr zum, sondern vor dem Fernsehen.

Haben solche Formate vielleicht sogar eine gesellschaftliche Funktion? Weil den Leuten gezeigt wird, dass es Menschen gibt, denen es noch schlimmer geht?

Man könnte fast glauben, dahinter stecke ein Masterplan - doch dafür müsste man Intelligenz voraussetzen. Mir wäre das fast lieber: Wenn du weißt, wer der Feind ist, kannst du dich gegen ihn wehren. Bei einer planlosen Gruppe von Vollidioten geht das nicht.

Wie arbeitet es sich in einem solchen Umfeld?

Es ist nicht einfach: Man hat als Satiriker gar keine ernstzunehmenden Gegner mehr. Es gibt nur noch ein paar Moderatoren, die dann aber auch gleich alles machen: Pilawa oder Pflaume zum Beispiel. Die anderen sind alle gleich, austauschbare Gesichter wie Marco Schreyl und Stefan Gödde, die gut aussehen und beim Sprechen nicht hinfallen. Aber damit ist bereits das komplette charakterliche Spektrum beschrieben.

Gödde hat vergangenes Jahr den Überraschungserfolg "The Voice of Germany" moderiert und wurde nun durch Thore Schölemann ersetzt ...

Weil der Moderator inzwischen egal geworden ist. Da kann man auch eine Handpuppe nehmen oder einen sprechenden Hund. Und in einem Großteil der anderen Sendungen geht es gleich nur noch um namenlose Opfer. Man ist ja schon froh, wenn es so etwas wie die Geißens gibt ...

Die sind schon ein Lichtblick?

Ja, so weit ist es gekommen. Die sind wenigstens halbwegs authentisch. Man muss kein Mitleid mit ihnen haben, sondern kann zu ihnen stehen, wie man will - im Gegensatz zu den anderen, die im Fernsehen nur noch zum Auslachen vorgeführt werden. In einem dieser Scripted-Reality-Formate musste eine fette Frau spielen, dass sie fresssüchtig und auch noch geizig ist. Deswegen klettert sie über den Rücken ihrer ebenso dicken Tante in einen Müllcontainer und frisst mit den Händen eine weggeworfene Torte. Das ist komplett inszeniert, dazu auch noch furchtbar schlecht. Die Frau denkt, sie wäre jetzt Schauspielerin, wird aber nur lächerlich gemacht.

Früher ging es in Ihrer "Mattscheibe" eher gegen die handelnden Personen. Heute greifen Sie die Macher solcher Sendungen an. Warum?

Weil es heute kaum noch wiedererkennbare Personen und Profis gibt. Den Zuschauern muss gezeigt werden, was alles Fake ist, wie sie belogen und verarscht werden. Und wie böse und herzlos mit den Menschen vor der Kamera umgegangen wird. Dabei ist solch ein Denken auch fatal für die Sender: Kurzfristig ist es vielleicht erfolgreich, weil man so billig produziert, dass fast immer ein rechnerisches Plus bleibt. Da freuen sich dann die Aktionäre. Aber wenn man nur noch so produziert, verliert ein Sender am Ende komplett sein Gesicht und seine Bedeutung, wie jetzt zum Beispiel Sat1, die haben sich selbst ruiniert und kommen nicht mehr auf die Füße, weil der Sender sich unwichtig und bedeutungslos gemacht hat.

Sind die Nischensender eine Lösung?

Sie bieten zumindest die eine oder andere Lösung. Aber sie sind eben eine Nische. Fast alles, was interessant oder irgendwie anders ist, läuft dort, zum Beispiel auf ZDF neo. Warum aber sind die vom ZDF nicht mutiger und zeigen etwas davon im Hauptprogramm? Immer nur auf braves Heizdecken-Programm zu setzen, ist nicht die Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders.

Wie haben Sie es erlebt, als Tom Hanks über Markus Lanz' "Wetten, dass ...?" gelästert hat?

Ach, der hat doch nur einen Spaß gemacht. Jeder ausländische Gast leidet in einer solchen Sendung. Das ginge mir doch genauso, wenn ich in der größten dänischen Sendung wäre und ein Komiker nach dem anderen käme, der bescheuerte Klamotten trägt, und die Stimme im Ohr sagt mir: "Der ist hier total bekannt und irre witzig!" Und wenn ich dann noch eine Katzenmütze aufsetzen muss und um mich herum Sackhüpfen veranstaltet wird, da fühlt man sich doch wie auf einem anderen Planeten. Tom Hanks hat das einfach nur lustig auf den Punkt gebracht.

Wie sieht es aus mit Stefan Raab? Der hat sich am Polit-Talk versucht.

Bei ihm schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Seine Musik-Geschichten und Eventshows sind größtenteils super, auch "Schlag den Raab" ist eine großartige Idee - "TV total" finde ich aber stinklangweilig und eine Frech- heit gegenüber dem Zuschauer. Und auch die Polit-Show fand ich leider nicht gelungen. Raab hat offenbar den Drang zu zeigen, dass er alles kann. Aber irgendwann muss er auch einsehen, dass es Dinge gibt, die doch andere besser können. Ich persönlich vermisse Menschen wie Achim Mentzel und sogar Karl Moik. Sie haben die Welt bunter gemacht.

Florian Silbereisen ist kein Ersatz?

Der ist mir zu geleckt, eher eine Art Raab der Volksmusik. Der muss auch immer zeigen, was er alles kann und es allen recht machen. Die Mängelexemplare fehlen, die sind in ihrer Unvollkommenheit viel sympathischer.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.12.2012

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