Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 16 ° wolkig

Navigation:
Google+
Zum 85. Geburtstag der Dresdner Malerin Ursula Rzodeczko

Zum 85. Geburtstag der Dresdner Malerin Ursula Rzodeczko

Am morgigen Sonntag wird sie 85 Jahre, trotzdem strahlt Ursula Rzodeczko mit jugendlich wirkendem Gesicht, als sie über ihr Künstlerleben spricht. Es gibt noch Reibungen, die sie jung erhalten.

Voriger Artikel
Die Dresdner Restauratorin Anke Scharrahs ist als Expertin für historische Wohnkultur in Damaskus weltweit gefragt
Nächster Artikel
Deutsche Meisterschaften im Poetry Slam finden dieses Jahr in Dresden statt

Ursula Rzodeczko neben dem Porträt ihrer Schwester Edith.

Quelle: Heinz Weißflog

Manchmal geht sie zu Vernissagen, wie jüngst, als sie Bilder von Georges Braque im Original sah, was allerdings eine Enttäuschung für sie war. Das geübte Auge der Malerin bemerkte plötzlich die Distanz zu dem einst Bewunderten, empfand sich freier und dynamischer im Farbauftrag als er. Ein durchaus berechtigter Vergleich.

Zur Verabschiedung in den Ruhestand vor 25 Jahren waren viele gekommen: Gerhard Kettner, in dessen Meisterklasse sie zehn Jahre gearbeitet hatte, Horst Leiffer, Siegfried Klotz, Hubertus Giebe, Elke Hopfe, Horst Schuster. Durch ihre Lehre gingen Generationen von Künstlern. Und an alle erinnert sie sich noch. Ursula Rzodezcko war beliebt. Und als Malerin und Lehrerin anerkannt. Viele Studenten sprechen noch heute mit Hochachtung von ihr, wie Sabine Gumnitz, Andreas Hegewald und Hubertus Giebe. Sie loben ihre menschliche Einfühlung, die Toleranz im Unterricht, ihr stilles, unauffälliges Wesen, frei von Karriere-Ehrgeiz.

Mitten im Vielvölkerschmelztiegel, 1929 in Groß-Peterwitz geboren, erlebte sie eine bescheidene, aber schöne Kindheit mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Edith. Beider Begabung für die Malerei stellte sich schon in der Breslauer Schulzeit heraus. Neben der Staffelei mit dem Porträt der geliebten Schwester, an dem sie seit deren frühen Tod 1984 arbeitet (bis heute entstehen immer wieder neue Fassungen), steht ein kleines Tafelbild, auf dem das großväterliche Lehmhaus zu sehen ist, an das sie sich gern erinnert: großzügig gebaute Flächen, Kuben und stark farbig-vereinfachte Häuserfronten. "Der Vater war ein fröhlicher Mensch mit traurigen Augen, die Mutter dagegen eher still", sagt sie über die Eltern. Als 15-Jährige wurde sie zur Arbeit in die Lackiererei eines Rüstungsbetriebes verpflichtet, die sie fürs Leben krank machte. Mit dem Treck flüchtete die Familie im Januar 1945 aus Schlesien ins Sudetenland, von dort nach Sachsen-Anhalt, wo sie als Land- und Fabrikarbeiterin für sich und die Familie sorgen musste.

Die Schwestern Edith und Ursula machten das Abitur in Halle/Saale und gingen danach an die Vorstudienab- teilung der Martin-Luther-Universität. Beide studierten Kunsterziehung bei Professor Conrad Felixmüller. Ein entscheidender Schritt, wie sich herausstellen sollte. "Felixmüller war ein nobler Mensch mit sicherem Urteilsvermögen. Die beste Erziehung ist die, die man nicht spürt", sagt die Malerin über den Lehrer. Diese Erkenntnis wendete sie später mit feinem Gespür auf ihre eigene Arbeit mit den Studenten an. Die Schwestern schrieben sich 1951 für ein Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden ein. Mitstudenten waren unter anderen Gerhard Richter und Claus Weidensdorfer. Das Diplom legte sie 1956 bei Professor Rudolf Bergander im Fach Tafelmalerei ab. Das war die Zeit der Formalismusdebatte.

Früh gewann sie aus ihrer analytischen Arbeit mit den Studenten ein hohes Maß an künstlerischer Kenntnis und Meisterschaft. Durch ihre Arbeit in der Meisterklasse von Gerhard Kettner weitete sich ihr Blick. Ursula Rzodeczkos Stärke ist die Farbe. Das besondere Verhältnis zu ihr führte sie anfangs zu einem eher flächigen Stil, bei dem sie von einem Farbfleck ausgehend, von außen nach innen arbeitete. Später modellierte sie mit der Farbe einen räumlichen Eindruck, trug sie mal dünner, mal dicker auf. Das Weiß der freigelassenen Gründe der Leinwand verleiht dem Bild Lockerheit und duftige Frische. Die durchgehende Kontur wird aufgegeben, durch die angrenzenden Farbflecken teppichartig zusammengefasst. Die Farbe selbst tendiert zu starken Kontrasten und lebt vom Überschwang. Vom Stillleben aus entwickelte sie Porträt, Akt, Kinderbildnis und Interieur. Matisse und Braque wurden für sie von Bedeutung, später Münter. Eine starke Nähe zu Paula Modersohn Becker äußert sich besonders in der malerischen Haltung, mit wenigem viel zu erreichen.

Vielleicht ist die sächsische Malerin eine geistige Nachfahrin der Malerlegende. Ihre Malerei ähnelt aber auch der von Jawlenski, berührt sich mit dem Expressionismus, der Brücke- Malerei, besonders aber mit den Malkultur des "Blauen Reiters". Ein früh entwickeltes, intuitives Farbempfinden hat sie zu einem psychologischen Herangehen geführt. Mit sicherem Ge- spür werden die Farben für sie vor allem für das Porträt wichtig, sagen sie doch etwas über das Naturell des Modells aus. Ihre Lieblingsfarben neben Rot sind kräftige Blaus und Grüns, Violett und in jüngster Zeit Nuancen von Gelb.

Das äußert sich auch in den Stillleben: Hier baut die Malerin das Bild zu lebendigen, kraftvollen Blumenstücken, die sie schlicht im Atelier arrangiert. Gerhard Kettner schrieb einmal über sie: "Sie färbt nie Form, sondern formt aus Farbe. Ihr Weg ist gerade, ausgeglichen, folgerichtig in sich und lässt sich selbst für weniger geübte Augen gut ablesen. Der intensiveren Farbe folgt logisch die vereinfachte Form. Ihr feines Gefühl bewahrt sie dabei vor Dekorativem". Erstaunlich ist, dass die Schwere der erlebten Jahre sowie das Diktat des Stalinismus ihr Schöpfertum unberührt ließen.

1989 erhielt Ursula Rzodeczko von der Stadt Dresden den Martin-Andersen-Nexö-Kunstpreis. Oft wird das Werk der stillen Malerin unterschätzt. Als wichtige Lehrpersönlichkeit und Künstlerin ist sie leider nicht mit Werken in der gegenwärtigen Jubiläumausstellung der Hochschule der Bildenden Künste Dresden ausgewiesen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.03.2014

Heinz Weißflog

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr