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Zum 80. Geburtstag des Dresdner Tänzers und Choreografen Manfred Schnelle

Zum 80. Geburtstag des Dresdner Tänzers und Choreografen Manfred Schnelle

"Es gibt Menschen, die haben eine so angenehme und anregende Wesensart, dass allein schon ihre Nähe erwärmend ist. Man empfindet Vertrauen, spürt Wahrhaftigkeit, Intensität.

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Manfred Schnelle bei einer Aufführung in der St.-Afra-Kirche auf dem Meißner Burgberg.

Quelle: Oliver Killig

Egal wo und wann man ihnen begegnet - es tut der Seele gut." So schrieb Gabriele Gorgas vor zehn Jahren in dieser Zeitung zum 70. Geburtstag des Dresdner Tänzers und Choreografen Manfred Schnelle. Heute wird er 80 Jahre jung. Und er ist aktiv. Im Dresdner Ballettstudio Espiral kann man bei ihm Kurse für historischen Tanz belegen.

Die Beschäftigung mit dem höfischen Barock- und Renaissance-Tanz bedeutet für Manfred Schnelle aber keine pure Rekonstruktion: "Historischer Tanz vermittelt mit seinem spezifischen Schritt-Vokabular und seinen stilistischen Besonderheiten nicht nur museale Kenntnis, sondern er ist vor allem Träger einer Geisteshaltung, die in gegenwärtiger Stunde als Zeugnis von Kultur und Kunst zu menschlicher Würde mahnt."

Und wer Manfred Schnelle als Tänzer erlebt hat, etwa wenn er vornehmlich in Kirchen die Traditionen des Ausdruckstanzes lebendig werden lässt, spürt, dass sein Tanz in der Korrespondenz zur Besonderheit der Architektur und Tradition sakraler Räume "ein ganz eigenes, tiefes Gefühl für die Wirklichkeit" widerspiegelt.

Von besonderer Intensität sind seine Interpretationen der Präludien aus Johann Sebastian Bachs Sammlung "Das Wohltemperierte Klavier", jene Choreografien der Tänzerin und Pädagogin Marianne Vogelsang, einer der bedeutendsten Vertreterinnen des Deutschen Ausdruckstanzes, die sie ihrem Schüler 1973, kurz vor ihrem Tod, gewissermaßen als Vermächtnis übertrug.

Anlässlich ihres 100. Geburtstages erinnerte sich Manfred Schnelle, dass ihm erst später bewusst wurde, was es bedeutete, warum Marianne Vogelsang es wollte, "dass die letzte Bewegung eines Tanzes immer den Anfang des nächsten bildet." Die Tänzerin war zu dieser Zeit bereits schwer erkrankt, was Manfred Schnelle nicht wusste. "Dass sie ihr eigenes Sterben choreografierte, konnte ich ja nicht ahnen" heißt es weiter im Interview mit Hartmut Regitz für die Zeitschrift "Tanz" im Oktober 2012.

Was der in Halle geborene, an der Berliner Fachschule für Tanz (heute Staatliche Ballettschule Berlin), vor allem bei Marianne Vogelsang, gelernt und verinnerlicht hat, bestimmt fortan seinen solitären Weg als Tänzer, Choreograf und Pädagoge.

Im Ballett der Staatsoper Dresden konnte er davon wenig einbringen. "Im Kampf gegen den sogenannten Formalismus wurden die Neuerungen des modernen Tanzes, zumal der Ausdruckstanz, verdrängt, die sich dem Projekt des sozialistischen Realismus schwer anpassen ließen.", heißt es zum Thema "Körperpolitik" in "Denkströme", dem Journal der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, Heft 14 (2015). Hier kommt auch Manfred Schnelle zu Wort und sagt dass er den Unterricht bei Marianne Vogelsang als etwas "Kostbares", als "Kunstwerk", empfunden habe.

Aber sie verlor ihre Anstellung als Abteilungsleiterin für Neuen Künstlerischen Tanz. "Ihre Art des Unterrichtens war auf eine eher unsystematische Förderung der Kreativität ihrer Schüler ausgerichtet und auf die Erziehung hin zu selbständig handelnden Künstlerpersönlichkeiten.", wie es weiter im Journal "Denkströme" heißt.

Manfred Schnelle ist es vor allem zu verdanken, dass er gegen erhebliche Widerstände der offiziellen Kulturpolitik der DDR, als Tänzer in den Kirchen und vor allem als Lehrer, als Choreograf nicht nur bewahrt, sondern vor allem weitergegeben hat und gibt, was es nach den Erfahrungen bei Marianne Vogelsang bedeutet, dass sich "Intuition und Raum entsprachen", und vor allem, wie man existenzielle Erfahrungen in der Bewegung thematisiert.

Arila Siegert tanzte 1985, in ihrem ersten Soloabend im Dresdner Kleinen Haus, später dann eigentlich weltweit, Bachs Präludien von Marianne Vogelsang. Danach befragt, reagiert sie sofort: "Manfred Schnelle habe ich immer als einen autarken, heiteren und leicht spöttischen Meister seines Fachs erlebt, bei der Einstudierung der Präludien von Marianne Vogelsang, für meinen ersten Dresdner Solotanzabend und auch als er in Dessau für unser Tanztheater einen Abend mit Renaissance- und Barocktänzen choreographierte. Er wirkt alterslos und ist wie eine Konstante in der sich wandelnden Tanzszene in Dresden."

Erfreut auch die Reaktion der Tänzerin und Choreografin Michaela Isabel Fünfhausen, die Ende der 90er Jahre den Zyklus im Hellerauer Festspielhaus getanzt hat: "Das Einstudieren der Vogelsang-Tänze mit Manfred war ein beeindruckendes Erlebnis für mich. Bei den Proben musste ich zu ihm und er zu mir finden. Ich habe viel von ihm gelernt, da er ein Vertreter der für mich faszinierenden ,Alten Schule' (mit hohen Ansprüchen) und zugleich ein ewig jung gebliebener ist. Nicht zuletzt habe ich tiefe Erfahrungen und Freude durch seine selbstverständliche Nüchternheit gehabt. Es ist toll, dass es ihn gibt, und ich freue mich auf eine eventuelle weitere Zusammenarbeit mit ihm."

Und Professor Ralf Stabel, einer der kenntnisreichsten Fachmänner der Traditionen und Entwicklungen deutscher Tanzgeschichte, würdigt anlässlich des 80. Geburtstages gern die Verdienste des Jubilars: "Manfred Schnelle hat, vermutlich durch seine Ausbildung bei Marianne Vogelsang in Berlin, frühzeitig erfahren, dass man mit dem Tanzen etwas gestaltet, das vom Menschen kündet, und nicht lediglich schöne Bewegungen zelebriert. Auch gegen das Vertanzen von Ideologien schien er durch diese frühe Prägung immunisiert zu sein. Die künstlerische Arbeit in der DDR führte ihn dann folgerichtig und zunehmend auch in andere Zeiten und an andere Orte als die etablierten Theater, in denen der sozialistische Traum choreografisch zu verwirklichen gewesen war. Manfred Schnelle tanzte in Kirchen und wandte sich der Vergangenheit, dem Dresdner Barocktanz, zu. Ein solches sich von der Gegenwart abwendendes Verhalten war für sensible Künstler in der DDR symptomatisch und ist heute, andere Persönlichkeiten betreffend, vielfach nachzulesen. Da sich Manfred Schnelle nun allerdings sein Leben lang mit dieser flüchtigsten alle Künste, dem Tanz, auseinandergesetzt hat, sind seine Werke und ihre Wirkungen beim Publikum heute nicht mehr oder kaum noch nachvollziehbar."

"Hätte er Bleibendes geschaffen", so Stabel weiter, "wäre er heute sicher ein - für den tänzerischen Ausdruck seiner menschlichen Haltung - vielfach und hoch geehrter Künstler. Aber vielleicht hat ein im besten Sinne des Wortes ausgezeichneter Künstler all dies auch gar nicht wirklich nötig. Aber verdient hätte er es!"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.08.2015

Boris Gruhl

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