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Zum 500. Jubiläum feiern die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die "Sixtinische Madonna" in der Sempergalerie

Zum 500. Jubiläum feiern die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die "Sixtinische Madonna" in der Sempergalerie

"Platz für den großen Raffael!" soll August III. gerufen und seinen Thron beiseite geschoben haben, als die lang erwartete "Sixtinische Madonna" nach einer schwierigen Reise über die Alpen am 1. März 1754 in Dresden eintraf.

Dies jedenfalls suggeriert die Gouache, die Adolf Menzel schuf, angeregt von der Eröffnung der Sempergalerie 1855. Immerhin: Mit dem Altargemälde Raffaels (1481-1520) aus der Klosterkirche San Sisto bei Piacenza, das der Monarch nach zähen zweijährigen Verhandlungen seiner Agenten für die noch nie gezahlte Summe von 25000 scudi romani erwarb, schloss sich für ihn eine Lücke, war er doch so wieder "auf Augenhöhe" mit anderen Herrscherhäusern, die schon einen "Raffael" hatten.

Die richtig große Begeisterung für das Gemälde setzte allerdings nicht sofort ein. Und erst in der Sempergalerie erhielt es einen wahrhaft exklusiven Platz - in einem extra Raum. Zunächst hatte es sich in der Galerie gar Correggios "Heiliger Nacht" unterordnen müssen. Dabei hatte doch schon Giorgio Vasari bezüglich der "Sixtinischen Madonna" als erster von einem "äußerst ausgefallenen und einzigartigen Werk" gesprochen.

Bis heute zieht das 1512/13 im Auftrag des Papstes Julius II. geschaffene Altarbild Menschen in seinen Bann. Einer der Gründe ist wohl die künstlerische Lösung Raffaels, vor dem Betrachter eine Vision auferstehen zu lassen: die auf Wolken schreitende, von Engeln umgebene Gottesmutter mit dem Jesuskind. Und die beiden allseits bekannten Engel an der "Grenze" zum Irdischen sind nicht weniger ein Grund dafür. Das Werk ist heute ein Mythos - vergleichbar Leonardo da Vincis "Mona Lisa". Wie zu dieser in den Louvre fährt man in die Galerie Alte Meister zur "Sixtinischen Madonna" - zumal "Ikonen" wie sie nicht reisen.

Einen kleinen Ortswechsel gibt es gegenwärtig aber doch: Zum Geburtstag ist sie in den Gobelinsaal gezogen - als Mittelpunkt der 250 Exponate zeigenden, von den DNN präsentierten Schau "Die Sixtinische Madonna - Raffaels Kultbild wird 500", die von Andreas Henning, Konservator für italienische Malerei der Gemäldegalerie Alte Meister, kuratiert wurde (erinnert sei an dieser Stelle an die - kleinere - Präsentation zu "Ankauf und Mythos" des Werks im Jahr 2005). Die Leerstelle im Renaissancesaal füllt zwischenzeitlich Katharina Gaensslers "Sixtina 2012", ein nach einer fotografischen Raumcollage in einer belgischen Manufaktur - wie zu Raffaels Zeiten - gefertigter, wandfüllender Gobelin. Die "Sixtinische Madonna" ihrerseits hat quasi als "Geschenk" einen neuen, zunächst etwas ungewohnt voluminösen Tabernakelrahmen nach oberitalienischem Vorbild - direkte Überlieferungen zur originalen Rahmung gibt es nicht - erhalten. Dieser ist selbst ein kostbares Zeugnis ausgefeilter Handwerkskunst, geschaffen von Werner Murrer (München), das den ursprünglichen Charakter als Altarbild unterstreicht. In der Ausstellung entsteht so - der Gobelinsaal zeigt sich als abstrahiertes "Kirchenschiff" - eine feierlich-festliche Atmosphäre. Verbunden mit dem neuen Rahmen ist der Austausch der Verglasung, der das Gemälde in neuer Helligkeit zeigt. In diesem "Outfit" wird sich die "Sixtinische Madonna" - abgesehen von den Monaten zwischen Ausstellungsende und Beginn der Sanierung der Sempergalerie - fortan präsentieren, wie Bernhard Maaz, Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister, gestern vor der Presse erläuterte.

Inhaltlich dreht sich im Gobelinsaal alles um ihre Geschichte: Die Entwicklung von Komposition und Ikonografie wird nachvollziehbar an Leihgaben wie dem Karton zur "Madonna Mackintosh" von 1509/10 (British Museum London) oder dem Gemälde "Donna Velata" von 1512/13 (Galeria Palatina Florenz), wohl "Modell" der Sixtina, oder seiner "Garvagh Madonna" von 1509/10 (National Gallery London). Eine Begegnung gibt es auch mit Julius II. (Raffael und Werkstatt, 1511/12, Uffizien in Florenz). Aufgerollt wird weiter die Ankaufsgeschichte anhand zahlreicher, teils bislang nie ausgestellter Dokumente. Den Abschluss bildet hier die eingangs erwähnte Gouache Menzels.

In weiteren Kapiteln wird in den Seitenkabinetten der Weg des Raffael-Werkes zum Mythos thematisiert, der wesentlich an die Verbreitung von Kopien, mehr noch Reproduktionen, gebunden war. Auf den ersten Kupferstich der "Sixtinischen Madonna" 1783 folgten unzählige weitere. Zugleich reflektierten viele Künstler die Rezeption des Werks. Ein Beispiel ist Friedrich Burys 1808/09 entstandenes Gemälde "Kurfürstin Auguste die Sixtinische Madonna kopierend" (Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel).

Zahlreiche Interieursschilderungen zeigen, wie "die Madonna" in Biedermeier und Kaiserreich Verbreitung fand, darunter in den Arbeitszimmern Wilhelm III. und Wilhelm Grimms. Mit den neuen technischen Möglichkeiten des 19. Jahrhunderts gewinnt die Popularisierung, etwa in Taschenbüchern, Zeitschriften, auf Bilderbögen oder auf Porzellanerzeugnissen und Stickbildern, neue Dimensionen. Nicht vergessen sei das erste Foto der "Sixtinischen Madonna", aufgenommen vom Dresdner Hermann Krone. Ebenso die erste Reklame eines Chicagoer Fleischfabrikanten, angeregt von den Engeln.

Zudem wird die neue Qualität des Mythos durch die Legendenbildung im Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg thematisiert, beginnend mit der umsichtigen Auslagerung des Gemäldes, seinem Abtransport in die Sowjetunion 1945 sowie der propagierten "Rettung" durch sowjetische Truppen, auch über den Zeitpunkt der Rückführung der Werke der Dresdner Gemäldegalerie im Jahr 1955 in die DDR hinaus. Erinnert sei an den dazumal erfolgreichen Film "Fünf Tage, fünf Nächte" (1960). Und noch 1984/85 entstand das präsentierte Auftragswerk Michail Konetzkys "Die Rettung der Madonna" (Lettisches Nationalmuseum Riga).

Es würde etwas fehlen, ginge die Schau nicht auf die besondere "Karriere" der beiden Engel in Kunst und Kitsch ein, die manchmal das eigentliche zu überdecken droht. Um 1800 waren sie erstmals eigenständiges Bildmotiv. Ein aktuelles Sortiment unterschiedlichster Erzeugnisse mit ihrem Konterfei zum Schmunzeln und Kopfschütteln kann man, bevor man wieder zur "Sixtinischen Madonna" kommt, noch "bewundern". In einer Zeit, in der alles vermarktet zu werden droht, gehört auch dies in eine Jubiläumsschau zu ihrer Entstehungs-, Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte.

Sie ist wohl doch "unsterblich", wie der Schriftsteller Wassili Grossmann 1955 bemerkte.

Bis 26. August, täglich 10 bis 18 Uhr, Do und Sa bis 21 Uhr

Katalog 29,95 Euro (im Buchhandel 39,95 Euro)

Booklet 7,99 Euro

Begleitprogramm und weitere Informationen www.skd.museum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.05.2012

Lisa Werner-Art

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