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Zum 50. Todestag des Verlegers Jakob Hegner

Zum 50. Todestag des Verlegers Jakob Hegner

Seinen größten Tag erlebte der Verleger Jakob Hegner vermutlich am 5. Oktober 1913, als im Hellerauer Festspielhaus Paul Claudels "Verkündigung" uraufgeführt wurde und zahlreiche Vertreter der künstlerischen Intelligenz aus halb Europa in die Gartenstadt zog.

Hegner hatte das Stück selbst ins Deutsche übertragen, zunächst in seiner Zeitschrift "Neue Blätter" gedruckt, dann auch als Buch herausgegeben und nun die Uraufführung initiiert.

Der Weg zum Buch begann für den am 25. Februar 1882 in Wien als ältestes von neun Kindern eines aus Mährisch-Ostrau stammenden jüdischen Wäschefabrikanten geborenen Hegner schon früh. Nachdem er gemeinsam mit Stefan Zweig das Wasa-Gymnasium besucht und ohne Abschluss verlassen hatte, ging der 17-Jährige nach Leipzig, um kunst- und kulturgeschichtliche Vorlesungen zu hören. Es folgten eine Druckerlehre und verschiedene Tätigkeiten im Verlag Seemann in Leipzig und eine Mitarbeit bei René Schickele bei der literarischen Wochenzeitung "Das Neue Magazin". 1903 gründete er seinen ersten Verlag, den "Magazin-Verlag Jacques Hegner Berlin und Leipzig", der im Namen schon auf seine frankophonen Neigungen verwies, aber schon nach einem Jahr eingestellt werden musste. Mit seinem Freund, dem Prager Autor Paul Adler bereiste er danach Italien, lernte dabei unter anderem Theodor Däubler kennen, schrieb selbst Gedichte und Erzählungen, übersetze französische Autoren wie Claudel, Bernanos und Jammes und übernahm von Carl Einstein die Herausgabe der expressionistischen, literarisch-philosophischen Zeitschrift "Neue Blätter". Mit dieser Zeitschrift im Gepäck kam Hegner Anfang 1912 nach Hellerau und gründete im folgenden Jahr seinen eigenen Verlag, den "Hellerau Verlag. Hellerau bei Dresden", der später als "Verlag Jakob Hegner. Hellerau" firmierte und zum wichtigsten Verlag in der Gartenstadt wurde.

Kritik von Robert Musil

Zunächst in einem Pensionshaus der Bildungsanstalt wohnend, zog Hegner nach seiner Konversion zum Protestantismus und der Eheschließung mit Elisabeth Droese, der Tochter eines Dresdner Pfarrers, in das Haus Auf dem Sand 11, das fortan zum Sitz des Verlages und zum literarischen Zentrum Helleraus wurde. Der Verlag verfügte ab 1918 über eine eigene Druckerei, in Zusammenarbeit mit dem Buchbinder Peter A. Demeter, dem Drucker und Setzer Max Malte Müller und dem Kunsthandwerker Peter de Mendelssohn setzte er neue Maßstäbe in der Buchgestaltung und machte das "Hegner-Buch" zu einem der führenden Begriffe in der deutschen Verlagsszene. Hegner entdeckte alte Schrifttypen wieder und Mendelssohn entwarf für ihn die "Mendelssohn-Type" genannte "erste und vielleicht einzige Drucktype des Expressionismus", die 1922 beim Druck von Melchior Vischers Roman "Der Teemeister" erstmals zum Einsatz kam.

Die Zahl der bei Hegner erschienenen Bücher war groß, zu den deutschsprachigen belletristischen Autoren des Verlages gehörten Paul Adler, Theodor Däubler, Albert Paris Gütersloh, Friedrich Schnack, Reinhold Schneider, Friedrich Sieburg, Melchior Vischer und Bertold Viertel. Besondere Aufmerksamkeit widmete der Verlag französischen Autoren wie Georges Bernanos, Paul Claudel, Francis Jammes und Marcel Schwob, deren Bücher in Übersetzungen von Franz Blei, Friedrich Burschell, Felix Grafe, Jakob Hegner und Georg von der Vring erschienen. Auch Bücher des irischen Dichters William Butler Yeats gehörten zum Programm.

Bei Hegner erschienen aber auch Bücher des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber und des katholischen Kulturphilosophen Theodor Haecker, außerdem Zeitschriften, nach den "Neuen Blätter" (1912/13) die von Franz Blei herausgegebenen "Summa" (1917/18) und "Die Rettung" (1919), deren Redaktion sich allerdings in Wien befand.

Hegner druckte auch für andere Verlage (u.a. für Rowohlt und den Dresdner Wolfgang Jess Verlag), gab Sonderdrucke für die "Dresdner Bücherfreunde" heraus und stellte u.a. die "Avalun-Drucke" und die "Drucke der Marées-Gesellschaft" her. Eine der letzten Arbeiten in Hellerau dürfte der Anfang 1930 für Rowohlt hergestellte Satz für Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" gewesen sein, die beim Autor einige Kritik hervorrief.

1930 musste Hegner seine Arbeit in Hellerau wegen finanzieller Schwierigkeiten aufgeben. Seine Arbeit setzte er aber als Druckereidirektor in Leipzig fort. 1935 musste der eigene Verlag schließen, Hegner konvertierte zum Katholizismus und wurde aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen. 1936 gründete er in Wien einen neuen Verlag, den "Thomas-Verlag J.H.", emigrierte nach dessen Liquidation und zeitweiser Haft nach Großbritannien und setze seine Verlegertätigkeit nach dem Krieg in Köln und dem schweizerischen Olten unter seinem Namen fort. Die letzten Jahre verbrachte Hegner als Übersetzer im Tessin, am 24. September 1962 starb er in Lugano.

Jens Wonneberger

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.09.2012

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