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Zu viel gewollt, zu wenig gewonnen: Hans Werner Henzes "Wir erreichen den Fluss" hat Premiere an der Dresdner Semperoper

Zu viel gewollt, zu wenig gewonnen: Hans Werner Henzes "Wir erreichen den Fluss" hat Premiere an der Dresdner Semperoper

Der englische Dramatiker Edward Bond, geboren 1934, begibt sich mit seinen Stücken auf einen Weg zur revolutionären Gewalt. "Kunst hat sich immer mit der Barbarei ihrer eigenen Zeit beschäftigt", schreibt er 1975. Hans Werner Henze, 1926 geboren, hat sich immer politisch positioniert, verbal und musikalisch.

Die Handlungen für Musik "We come to the River", Text von Bond, Musik von Henze, wurden 1976 in London uraufgeführt, Regie führte der Komponist, sein Bruder Jürgen schuf das Bühnenbild.

Das war damals für die Autoren eine künstlerische Reaktion auf den Militärputsch in Chile mit Hilfe der CIA und den zu Ende gehenden Vietnamkrieg. Im gleichen Jahr wurde das Werk in Westberlin aufgeführt, der Komponist schuf eine Fassung in deutscher Sprache, und jetzt ist "Wir erreichen den Fluss" erstmalig im Rahmen einer groß angelegten Ehrung des nunmehr 86-jährigen Komponisten in der Dresdner Semperoper zu erleben.

Für die Regisseurin Elisabeth Stöppler, geboren 1977, ist es beunruhi- gend, dass in Deutschland Kriegsteilnahme wieder Teil des gesellschaftli- chen Diskurses sei und ein erschreckenderweise zunehmender Teil unserer Normalität. "Mir erscheint das Thema Krieg heute relevanter und brisanter denn je, gerade in Deutschland", sagt sie im Programmheft zu ihrer Inszenierung.

Alle sind gegen den Krieg. Das ist gut so.

Im Mittelpunkt der zeitlosen Handlungen mit Anspielungen auf Kriege und Kriegsverbrechen, Gewalt und Leiden der Zivilbevölkerung, Opportunismus und Widerstand, rund um den Erdball und zu allen Zeiten, steht ein General, der sich wandelt. Er muss erblinden, um zu sehen, er muss geblendet werden, um die Augen öffnen zu können, um zu erkennen, dass er die "Tränen der Mächtigen kannte, doch nicht die der Schwachen". Er muss sich fragen, warum er nicht bereit war zu sehen, "wie die Schwachen weinen". Aufhalten kann er die Spiralen der Gewalt nicht, am Ende wird er Opfer des Wahns, den er selbst entfacht hat.

Neben dieser dramaturgisch eher zu behauptenden als nachzuvollziehenden Entwicklung einer Symbolfigur gibt es eine Vielzahl assoziativer Geschehnisse, paralleler Handlungen und Situationen. Der im Titel genannte Fluss, auf dessen Insel, deren Ufer es zu erreichen gilt, vielleicht das Paradies auf Erden blüht, durchfließt als Metapher den mitunter lyrisch ausufernden oder aphoristisch belehrenden Text. Das Programmheft nennt 100 Personen, die von über 50 Sängerinnen und Sängern, darunter drei Kindern, dargestellt werden. Eine Gruppe der Komparserie ist in Aktion, ein ganzes Blasorchester marschiert auf.

Das Orchester agiert unter der Leitung von Erik Nielsen in drei Instrumentalgruppen, voneinander getrennt, einmal erhöht vor dem rechten Proszenium, dann im fast hoch gefahrenen Orchestergraben, dahinter, wieder erhöht, das Schlagwerk hat die Königsloge okkupiert.

Der Krieg okkupiert das Opernhaus, die Gewalt zerstört die Kunst, das kann nur in die Irre führen - und das Theater als Abbild der Welt ist ein Irrenhaus, der Kostümfundus wird ebenso brutal geplündert und verwüstet wie zuvor das Kriegsgebiet.

Das hat man alles schnell, zu schnell vielleicht, begriffen. Der optische Reiz szenischer Unübersichtlichkeit verflüchtigt sich bald. Auch Henzes musikalischer Anspruch, dem komplexen Geschehen ebensolche Klänge zu verleihen, Klänge aus Zeiten und Stilen zu mischen, knappe ariose Passagen mit Klangkaskaden in Überwältigungsmanier zu kontrastieren, verliert zu oft an Spannung oder Faszination, eigentlich bleibt der Irrsinn ziemlich brav.

Beim Versuch, im Bild eine überwältigende Raumwirkung zu erreichen, scheitert die Regisseurin zunächst an den aufwändigen Vorgaben der Bühnenbildnerinnen Rebecca Hingst und Annett Hunger. Ein Steg, quer durchs Parkett, links vor der Bühne eine hochgefahrene Spielfläche, agiert wird überall im Zuschauerraum. Ja und, möchte man fragen, wozu der Aufwand, wenn die Idee von der Besetzung des Opernhauses doch nicht funktionieren kann? Wer erschrickt denn, ehrlich, wirklich noch oder fürchtet sich gar vor Statisten mit Theaterwaffen und strengem Blick an den Türen? Wer ist geschockt bei ballernden Gewaltexzessen in dermaßen naiver, naturalistischer Manier, die ganz offensichtlich nach dem Chargenmuster laufen, wir tun jetzt mal so, als wären wir ganz, ganz böse? Die Kisten der Klischees sind weit geöffnet, und es verwundert überhaupt nicht, dass der immer schussbereite Megabrutalo für den zweiten Teil im Irrenhaus sofort einen Barockfummel für sich entdeckt.

Aufwand allein begründet noch keinen Anspruch. Fast versteckt und kaum wahrnehmbar unter der Wucht einer reichlich altmodisch wirkenden Opernmaschinerie gibt es einige berührende Momente zu entdecken, wenn doch, kaum merklich, zwischen Personen ein Hauch menschlicher Nähe zu spüren ist, wenn aus Stille und Konzentration Intensität entsteht, wenn die bedeutungsschwangere Megashow pausiert. Das ist selten, aber immerhin gibt es sie an diesem Abend, jene Zeichen der Hoffnung, dass es möglich sein könnte, solches Musiktheater als bedeutsames Zeitzeugnis zur Diskussion zu stellen, aber in zeitgemäßer Stringenz und entsprechender optischer Ästhetik, ohne Opernklamauk inszeniert. Die Dresdner Uraufführung 1985 der "Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke", von Siegfried Matthus, in der Inszenierung von Ruth Berghaus, in der wieder erstandenen Semperoper mit überzeugendem Bezug auf die Zerstörung des Theaters, Willi Deckers Sicht auf "Die Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann - sie setzten Dresdner Maßstäbe im Umgang mit solcher und ähnlicher Thematik.

Das Publikum, bei deutlich gelichteten Reihen nach der Pause, feiert Hans Werner Henze und das höchst engagierte Ensemble, vor allen den englischen Bariton Simon Neal in der Hauptpartie des Generals. Boris Michael Gruhl

weitere Aufführungen: 20., 25., 26., 29. September

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.09.2012

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