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Zeitzeuge: Victor Gregg sollte am 14. Februar 1945 in Dresden hingerichtet werden

Zeitzeuge: Victor Gregg sollte am 14. Februar 1945 in Dresden hingerichtet werden

"Darf ich vorstellen, alles Ex-Nazis", sagt Victor Gregg grinsend zu dem Nachbarn, der die Fremden aus Deutschland in der winzigen Stube diesen winzigen Hauses in Südengland sitzen sieht.

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"Alles... brannte... eine Menge von Dingen, von denen ich nie geglaubt habe, dass sie brennen können." Victor Gregg über die Bombardierung.

Quelle: H. Hannusch/Screenshot

Victor neigt zu anarchistischem Humor, lärmend und politisch unkorrekt. Erst später merkt man, dass unter all dem lustigen Lärm ein großer Schrecken steckt, den die Jahrzehnte einfach nicht begraben kriegen.

Victor Gregg ist jetzt 95 und seit 70 Jahren kommt er nicht damit klar, was auch Kurt Vonnegut bis zu dessen Tod nicht los ließ. Wie der amerikanische Schriftsteller war Victor Gregg am 13. Februar 1945 als Kriegsgefangener in Dresden. Er hat gesehen, was er nie sehen wollte. Und gleich am Anfang unseres Gesprächs sagt er: "Vielleicht hätte man mich lieber erschießen sollen. Dann wäre mir das danach erspart geblieben."

Gregg sollte tatsächlich erschossen werden. Er war zum Tode verurteilt worden, der 14. Februar hätte sein Hinrichtungstag sein sollen. "Wir waren Idioten", sagt er in seiner direkten Art über den Akt von Sabotage, für den er und sein Freund Harry zum Tode verurteilt worden waren.

Aber beginnen wir am Anfang. Obwohl man in diesem Fall nicht so genau sagen kann, was denn nun der richtige Anfang ist, den man wählen sollte. Vielleicht den Kriegsbeginn, denn darum geht es bei Greggs Geschichte: Was ist Krieg, wie weit darf er gehen und geht er nicht eigentlich immer zu weit?

Der Mann, der in einfachen Verhältnissen im Londoner Eastend aufwuchs (noch heute spricht er sehr ausgeprägtes Cockney), trat schon 1937 der Armee bei. Nach der Schlacht um Arnheim 1944 wurde er gefangen genommen und in Limburg eingekerkert. Er versuchte, zwei Mal zu fliehen. Es misslang. Der damals 21-Jährige kam schließlich in ein Arbeitslager nahe Dresden. Er arbeitete in einer Seifenfabrik in Niedersedlitz. Und da hatten er und sein Freund Harry die Idee, Zement in die Seifenlösung zu tun. Keine gute Verbindung. Die Maschinen kollabierten und später das Gebäude, weil durch die Aktion ein Brand ausgelöst worden war. Victor und Harry wurden verhaftet und bis zu ihrer Hinrichtung in ein Gebäude in der Mitte der Stadt gebracht, wie sich der alte Mann erinnert. Es könnte das damalige Polizeipräsidium gewesen sein. Da lagen sie mit anderen Gefangenen und warteten auf den Tod. Und als am 13. abends die Sirenen begannen zu schrillen, ahnten sie immer noch nicht, dass da ein ganz anderer Tod kommen würde.

Gregg erzählt von der Angst, in der Falle zu sitzen, als auch dieses Haus getroffen wurde. Menschen neben ihm starben, auch Harry, den Victor noch mit einem Mantel zudeckte, bevor er schließlich ins Freie fliehen konnte. Aber was war das schon in dieser Nacht, das Freie. "Das erste, was mich traf, war die Hitze", sagt Gregg. Und überall Feuer, rot glühende Trümmer - und Tote. "Alles stand in Flammen, alles, was brennen konnte, brannte, und eine Menge von Dingen, von denen ich nie geglaubt hatte, dass sie brennen können."

Mit anderen aus dem Gebäude Geflüchteten schlägt er sich bis zum Bahnhof durch. Und wie die meisten in jener Nacht trifft auch ihn der zweite Angriff unvorbereitet. Er berichtet von dem Feuersturm, den man nicht Wind nennen konnte. Er sei eher wie eine feste Wand gewesen. Er erzählt von Menschen, die durch die Luft flogen. Und von den Tagen danach. Als keiner fragte, woher wer kam und er gemeinsam mit Deutschen Keller aufbrach. In denen sie Tote fanden, die scheinbar friedlich gestorben waren, und andere nicht. Mit der zeitlichen Entfernung verschwimmen vielleicht ein paar Ortsdetails, aber die Bilder sind nach wie vor scharf. Wenn er zum Beispiel von "klebrigem Zeug auf dem Boden" spricht, das einmal Menschen waren.

Sicher, Ähnliches hat man schon von anderen Dresdner Zeitzeugen gehört. Aber mit Victor Gregg ist es anders. Es scheint, als sei in dieser Nacht vor 70 Jahren sein Weltbild ins Wanken geraten und ist es noch. Weil es nicht das war, wie er sagt, was Krieg sein darf. Und weil es Engländer waren. Er ist auch kritisiert worden in Großbritannien für seine Erinnerungen, die er Jahrzehnte später aufgeschrieben hat. Weil er darin den Bombenangriff auf Dresden ein Kriegsverbrechen nennt. Und auch, dass es ihm gleich ist, wer so etwas tut, ob es die eigenen Leuten sind oder die anderen, es bliebe ein Verbrechen. "Für mich ist das ein krimineller Akt, egal, wer ihn ausführt", sagt er auch uns gegenüber. Und: "Wovon ich Zeuge wurde, war eines der schlimmsten Beispiele dafür, wozu der Mensch fähig ist. Ich habe keine Worte dafür."

Und irgendwie hat er sie dann doch, er spricht von Niedertracht und Bösartigkeit und geht damit weiter, als angesichts der damaligen historischen Gegebenheit vielleicht angebracht wäre. Aber eine solche sachliche Abwägung kann vielleicht der nicht tun, der auf eine Weise wie seine dabei war. Am sechsten Tag nach dem Bombenangriff floh er aus der Stadt, in der er ja immer noch ein zum Tode verurteilter Saboteur war. Er nahm den kürzeren Weg, floh ostwärts, bis er auf die Rote Armee traf.

Er ist davongekommen und irgendwie auch nicht. "Wenn man sich vor Augen führt, was in dieser Nacht passiert ist, wird das eigene Leben bedeutungslos", sagt er. Aber verbittert ist er nicht, wütend ja und kampfbereit immer. "Es gibt heutzutage nicht viele Leute, die wissen, wie das ist. Und ich glaube, dass es wichtig, dass sie wissen, wie das ist. Damit sie verhindern können, dass so etwas wieder passiert. Das ist zwar ein Wunschtraum, aber erstrebenswert." Und seine Augen, die am Anfang unseres Treffens vor allem schelmisch waren, haben jetzt etwas fast Flehendes.

Victor Gregg: "Rifleman: A Front-Line Life", Bloomsbury Publishing (das Buch ist bislang nur im englischsprachigen Original erhältlich)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.02.2015

Heidrun Hannusch

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