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Zeitgenössische Porzellankunst in Meißen

Diva unter den Materialien Zeitgenössische Porzellankunst in Meißen

Der kluge Ehemann kauft seiner Frau nur das teuerste Porzellan, weil er dann sicher sein darf, dass sie es nicht nach ihm wirft. Viel zu teuer zum Werfen sind auch jene Objekte aus Porzellan, die nun auf Schloss Albrechtsburg in Meißen zu sehen sind.

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Nicht gerade eine Diva, aber zeitgenössische Kunst. Einer der Schweineköpfe von Maria Volokhova.

Quelle: Foto: Christian Ruf

Meissen. Der kluge Ehemann kauft seiner Frau nur das teuerste Porzellan, weil er dann sicher sein darf, dass sie es nicht nach ihm wirft. Das wissen sogar all jene, zu deren Los es gehörte, zumindest einmal aus dem Blechnapf fressen zu müssen. Viel zu teuer zum Werfen sind auch jene Objekte aus Porzellan, die nun auf Schloss Albrechtsburg in Meißen zu sehen sind. Allerdings handelt es sich nicht um Teller mit Zwiebelmuster oder Terrinen mit Drachenmuster, wie man sie sonst gemeinhin mit Meißen, das wie kein anderer Ort Europas als Synonym für Porzellan steht, in Verbindung bringt.

Die Porzellanbiennale möchte das Porzellan, die Diva unter den Materialien, als bildsamen Werkstoff stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Die Schau soll das Verständnis dafür fördern, dass Porzellan ein Ausdrucksmittel der Kunst, für Inhalte und Nachricht sein kann und ist. Maßgeblichen Anteil am Zustandekommen der Schau hatte neben dem Verein zur Förderung zeitgenössischer Porzellankunst der Verein Dresdner Porzellankunst dem nicht zuletzt die wissenschaftliche, historische und kunsthistorische Aufarbeitung der Geschichte des Dresdner Porzellans ein Anliegen ist.

Für die sich als Schaufenster für zeitgenössische Porzellankunst verstehende Schau wurden 25 Künstler aus dem In- und Ausland eingeladen, die mit dem keramischen Material Porzellan experimentieren und sich auf dem Gebiet der bildenden Kunst schöpferisch betätigen. Erklärtes Ziel ist es, offen zu sein für künstlerische Ausdrucksformen des Porzellans, ausgenommen seriell hergestellte Kunst.

Die Ausstellung ist laut Mitteilung „auch eine Hommage an den Künstler, der sich in einer immer schnelllebigeren Zeit einem langwierigeren und schwierigen kreativen Schaffensprozess widmet“. Die Biennale sei ein „Fest der Individualität in einer Zeit, die immer mehr auf Normierung und Optimierung fixiert“ sei, wie der Kunsthistoriker Christian Lechelt auf einer Tafel versichert, die am Eingang zur Schau steht. Er ist sich sicher: „Die Auseinandersetzung mit dem und den Unbekannten ist eine Frischzellenkur für Gemüt und Geist. Sie öffnet den Blick und bereichert.“

Fakt ist: Diese Biennale stellt der Tradition verbundene Gestaltungs- und Sehgewohnheiten auf den Kopf, manchmal humorvoll, manchmal drastisch. Immer wieder nimmt man mit Überraschen zur Kenntnis, wie kreativ die Künstler die Aufgabe umsetzten, neue Lösungen für eine zeitgemäße Porzellankunst zu finden. Ob manches auch Verschwendung von Rohmaterial ist, muss jeder mit sich selbst abmachen.

In der Ausstellung werden mindestens ein, maximal drei Arbeiten aus dem Œuvre eines Künstlers vorgestellt. Zu sehen sind rund 70 Arbeiten, darunter auch etwa Schalen, die derart dünnwandig sind, dass sich bei entsprechender Beleuchtung reizvolle Lichtspiele ergeben. Oder da wären die Porzellanfiguren von Hannes Uhlenhaut, der 1985 in Lauchhammer geboren wurde und u.a. an der Burg Giebichenstein in Halle studierte. Seine Figuren erinnern bewusst fast schon an Nippes, sind aber dann doch ins Groteske überhöht und mit Symbolen überladen. Uhlenhaut liebt das ironische Spiel mit Kontrapositionen, setzt dem zarten Material schon mal den Inbegriff der Aggression entgegen, wenn er Pflastersteine abformt, deren Verwendung neben dem Straßenbau sonst mit dem Einsatz auf Demonstrationen assoziiert wird.

Auch etliche Künstler von der Meißner Künstlergruppe „Weißer Elefant“ präsentieren ihre Werke. Da wäre etwa Olaf Fieber, geboren 1966 in Meißen. Er erlernte den Beruf eines Bossierers in der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen und betreibt seit 2006 ein eigenes Atelier. Sein Markenzeichen sind verblüffende Einfälle, den Werken ist dann schon mal ein subtiler Humor eigen. Die menschliche Figur ist das zentrale Thema der Künstlerin Silvia Klöde, geboren 1956 in Kleinmachnow. Sie absolvierte nach der Ausbildung zur Porzellangestalterin ein Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Sowohl die Arbeit „Muschelfrau mit Butt“ als auch die drei Frauenköpfe der Arbeit „Urteil des Paris“ sind echte Hingucker, besonders die rotlippige Schönheit mit dem „Iro“(-kesenhaarschnitt).

Raumgreifend ist die Installation „100 Blüten“, mit der der Verein Dresdner Porzellankunst ein Zeichen setzen will für „die Möglichkeit gemeinsamen Handelns im Sinne von Optimismus und Toleranz“. Strapaziert wird der Gedanke, dass die Balance des gesellschaftlichen Zusammenlebens genauso zerbrechlich sei wie Porzellan. Wie auch immer: Für die Installation, die als Wanderausstellung konzipiert ist, entwickelte der Porzellanplastiker Olaf Stoy eine Vielzahl an Blüten in zwei Größen. Von Stoy stammt auch die Büste „Birdman ,Meisen’“, bei der der Kopf eines Mannes über und über von Meisen bedeckt ist. Wer den Hitchcock Film „The Birds“, zu deutsch „Die Vögel“, nicht mag, sollte hier ebenso schnell vorübergehen wie Veganer an den beiden Schweineköpfen, die Maria Volokhova nach der Natur gegossen hat. Die weißen Köpfe sind nicht zu knapp rot gesprenkelt. Es ist ähnlich appetitlich wie die aufgemalten Ameisen, die sich über den Inhalt einer Zuckerdose hermachen.

Sarah Pschorn, geboren 1989 in Dresden, versteht ihre Arbeit, wie zu lesen ist, „als ein Plädoyer für das Süßliche, das Sentimentale, für das Spiel zwischen Heiterkeit und Schwermut, für das Verlieren in der Form – aber auch für die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit“. Es entstünden, so der selbstsichere Tenor, „somit Rückschlüsse auf unsere aktuelle Epoche“, Fragen nach Zeitgeist würden laut. Die in Leipzig lebende Claudia Biehne wiederum lässt Gebilde entstehen, die man auf den ersten Blick zu kennen glaubt: organische Fundstücke, zu Tage beförderte Gesteine oder Relikte aus vergangenen Zeiten. Gewünscht ist aber, dass sich dieser Eindruck rasch verflüchtigt und sich der Betrachter mit Fragen an die eigene Vorstellungskraft konfrontiert sieht.

Alle zwei Jahre soll die Leistungsschau nun stattfinden. Wobei in diesem Jahr die Künstler noch eingeladen wurden, sich für die nächste Biennale aber bewerben sollen. Dann gibt es auch einen Preis für den, der am innovativsten mit dem Werkstoff umgeht. Zu gewinnen ist eine Statuette in Form eines sogenannten Massestranges. Verziert mit dem Porträt Johann Friedrich Böttgers und seiner Unterschrift „Johann“.

bis 18. September täglich 10 bis 18 Uhr

www.porzellanbiennale.wix.com/meissen / www.schloesserland-sachsen.de

Von Christian Ruf

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