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Zeit im Zelt: Internationale Schostakowitsch Tage Gohrisch boten Musik zum Zuhören und Nachdenken

Zeit im Zelt: Internationale Schostakowitsch Tage Gohrisch boten Musik zum Zuhören und Nachdenken

Das Thema der Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch ist vorgegeben durch die beiden Aufenthalte Dmitri Schostakowitschs in diesem Kurort 1960 und 1972. Wohltuend ergibt sich daraus, dass kein gestelztes Motto über das 2010 ins Leben gerufene Festival gestellt zu werden braucht.

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Die Cellistin Natalia Gutman zu Gast bei den Internationalen Schostakowitsch Tagen Gohrisch.

Quelle: Matthias Creutziger

Dennoch steht diese erstaunliche Initiative nicht im luftleeren Raum, sondern verknüpft geschickt Schostakowitschs Leben und Wirken mit Komponistenkollegen und Werkgeschichte.

Zum nun schon vierten Mal lockten die Veranstalter, der offenbar unermüdliche Verein Schostakowitsch in Gohrisch e.V., zum großartigen Musikfest in die Sächsische Schweiz, um einem internationalen Publikum Kleinodien aus dem vornehmlich kammermusikalischen Schaffen des 20. und 21. Jahrhunderts zu bieten. Die originelle Form dafür ist seit drei Jahren ein Konzertzelt, das sich wie ein Fremdkörper am Fuße des Gohrischs erhebt. Inzwischen ergießt sich das Festival aber quer durch den Ort, verbindet das einstige Gästehaus, in dessen Park Schostakowitsch 1960 sein 8. Streichquartett schuf, mit dem Musikzelt und findet auch unter freiem Himmel Gehör.

Denn als eine der Novitäten im diesjährigen Programm gab es ein Wandelkonzert durch halb Gohrisch. Ein Wagnis im Herbstsonnenschein. Wer hätte gedacht, dass hunderte Menschen zu A-cappella-Konzerten pilgern, in denen Schostakowitsch-Poeme erklingen? Man könnte auch fragen, was zieht Kunstliebhaber aufs Dorf, um in abends mitunter quälender Kälte moderner Musik zu lauschen? Es sind die Inhalte, denen Tobias Niederschlag, Künstlerischer Leiter der Internationalen Schostakowitsch Tage, gemeinsam mit seinen Mitstreitern eine überaus kluge Dramaturgie zu geben versteht. In Gohrisch gibt es keine Festspiele der Beliebigkeit, hier wird Musik zum Zuhören und Nachdenken geboten.

Ausgehend vom 8. Streichquartett, der einzigen Komposition, die Schostakowitsch außerhalb seines Heimatlandes schuf, wird besonders dieses Genre mit dem Anspruch gepflegt, jedes Jahr ein weiteres Quartett des 1975 verstorbenen Meisters aufzuführen. Er hatte der Welt analog zu Bachs "Wohltemperiertem Klavier" 24 Quartette versprochen, entstanden sind leider nur 15. Dieses letzte erklang im Eröffnungsabend, der allerdings eingeleitet wurde von einer Art Nachfolgewerk, dem mit "Jenseits einer Abwesenheit" zu übersetzenden Streichquartett "Au délà d'une absence" von Krzysztof Meyer. Der polnische Komponist, als Schostakowitsch-Freund und -Biograf dem Gohrischer Festival von Anfang an eng verbunden und aktuell mit einer Uraufführung dabei, hatte den geschätzten Kollegen 1974 ein letztes Mal besuchen können und aus erster Hand von Plänen zu einem 16. Quartett erfahren. Unter diesem Eindruck schuf er in den 1990er Jahren sein Opus 89, das vom Dresdner Streichquartett geradezu hingabevoll aufgeführt worden ist.

Die Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle, ebenfalls verdienstvolle Stammgäste in Gohrisch, krönten den eiskalten Abend mit einer bewegenden Aufführung des 15. Streichquartetts. Im Zentrum des Konzerts stand mit Benjamin Britten nicht nur ein weiterer Jubilar dieses Jahres (100. Geburtstag am 22. November), sondern ein Schostakowitsch über Landes- und Systemgrenzen sehr verbundener Freund. Solooboistin Céline Moinet brillierte so innig wie virtuos in Brittens "Phantasy" und den Solo-Metamorphosen.

Von sehr persönlichen Hintergründen der Beziehung zwischen Britten und Schostakowitsch wusste die britische Cellistin Elizabeth Wilson in einem Vortrag zu berichten, die als Rostropowitsch-Schülerin einen engen Zugang zu diesen Koryphäen hatte und mit Brittens 3. Cello-Suite auch musikalisch als Botschafterin wirkte. Das stringent durchdachte Festivalprogramm bekam so noch zusätzliche Spannung. Auch die deutsche Erstaufführung des von Tony Palmer zum 100. Geburtstag Brittens gezeigten Films "Nocturne" bescherte ein Porträt, das Zeitgeschichte und menschliche Haltungen mit herausragender Kunst verband.

Kein Wunder also, dass ein bestens präpariertes Publikum die Reihen füllte - das geniale Abschlusskonzert der Sächsischen Staatskapelle unter Michail Jurowski war schon lange vor Festivalbeginn ausverkauft, so viele wollten Jurowski als Zeitzeugen mit Schostakowitschs 14. Sinfonie erleben!

Sämtliche Konzerte wurden vom Publikum mit einem Aufnahmewillen begleitet, dass man, wäre das Wort nicht so pseudoreligiös missbraucht, von Andacht sprechen könnte. Ob der immer wieder gefeierte Pianist Igor Levit (diesmal u.a. mit der 2. Klaviersonate von Schostakowitsch) oder die Bratschistin Tatjana Masurenko, ob das geigende Geburtstagskind Yuki Manuela Janke oder der Cellist Friedwart Christian Dittmann, ob die Sänger Evelina Dobraceva und Maxim Mikhailov oder das Vocal Concert Dresden gemeinsam mit Kruzianern - sie alle waren erfüllt, diese gemeinsame Zeit im Zelt und auf den Straßen von Gohrisch mit konzentriertem Genuss und Gedenken zu füllen.

Ein persönlicher Favorit war Schostakowitschs Klavierquintett op. 57, eine gemeinsame Sternstunde jedoch die Begegnung mit der großen Cellistin Natalia Gutman, die ebenfalls den Geist humanistischen Musikschaffens ausstrahlte und für ihr Lebenswerk mit dem diesjährigen Internationalen Schostakowitsch Preis geehrt worden ist. Der sie begleitende Pianist Viacheslav Poprugin war gewiss die Entdeckung des Festivals, das von Gutman mit dem Ehrentitel "Fixpunkt der Musik" bedacht wurde.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.09.2013

Michael Ernst

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