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Zeit der Mörder: das Burgtheater-Gastspiel "Die letzten Zeugen" beim Dresdner Bürgerbühnen-Festival

Zeit der Mörder: das Burgtheater-Gastspiel "Die letzten Zeugen" beim Dresdner Bürgerbühnen-Festival

Vieles ist schwer zu schlucken. So auch die Geschwindigkeit, in der aus halbwegs guten Nachbarn Todfeinde wurde, weil die einen den anderen nichts weniger wünschten als genau das: den Tod.

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Die Schlagzeile "Dame mit der scharfen Gosch'n" gefällt ihr: die Wiener Zeitzeugin Vilma Neuwirth.

Quelle: Reinhard Werner

Solche Wandlungen gab es über Nacht, genauer über die vom 11. zum 12. März 1938, dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich der Nazis. Ihr Nachbar habe plötzlich eine nagelneue SA-Uniform getragen, habe ihre Eltern im Treppenhaus bedrängt und beleidigt, erzählt die Wienerin Vilma Neuwirth. Wie viele andere gierte der Nachbar nach der Wohnung und den Habseligkeiten seiner Mitbewohner. Dass sie vogelfrei geworden waren, kam dem über Nacht bis zur SA-Mütze mit Perfidie vollgefüllten Neu-Nazi mehr als zupass. Was nun folgte, war die Zeit der Mörder.

Wiener Geschichten in Dresdens Schauspielhaus? Ja und nein. Es geht um Wien und das, was den Juden dort nach 1938 widerfuhr, aber auch um jüdische Schicksale in Salzburg oder Vilnius, das damals Wilna hieß. Was dieses Drama auf österreichischer und europäischer Bühne beinhaltete, spiegelt sich in den Erinnerungen einiger der letzten Überlebenden jener Jahre. Das Wiener Burgtheater hat mit acht von ihnen das Projekt "Die letzten Zeugen" ins Leben gerufen, über die Entstehung starben zwei Beteiligte: Ceija Stojka und Martin Katz. Die anderen - Lucia Heilman, Vilma Neuwirth, Suzanne-Lucienne Rabinovici, Marko Feingold, Rudolf Gelbard, Ari Rath, alle hochbetagt - waren zum Eröffnungsabend des ersten Bürgerbühnen-Festivals in Dresden zu erleben. Der Schlussapplaus, vom Publikum stehend dargebracht, hatte etwas ungeheuer Ernsthaftes. Keine Überschwänglichkeit, logischerweise auch keine Bravos.

Bis dahin lauschten die Besucher den aufgeschriebenen Erlebnispassagen, die immer wieder im Wechsel von vier Burgtheater-Schauspielern vorgetragen wurden: Mavie Hörbiger, Dörte Lysewski, Peter Knaack, Daniel Sträßer. Es waren Berichte aus dem Herzen der Finsternis, wo wenige halfen und viele pervertierten. Die sechs Zeitzeugen saßen währenddessen im Bühnenhintergrund, vor ihnen ein durchsichtiger Gazevorhang. Per Video wurden ihre Gesichter in Großaufnahme auf diesen Vorhang projiziert, während im Vordergrund auf einem zweiten Vorhang vergrößerte Fotos erschienen, die das Erzählte illustrierten. Die Anwesenheit der sechs bezeugte den Wahrheitsgehalt dessen, was berichtet wurde. So hatte es der Dramaturg Andreas Erdmann eingangs umrissen.

Die Details dieser Erinnerungen waren grausam, machten den Abgrund deutlich, der sich in Menschen auftut, wenn sie ihren allerschlimmsten Neigungen nachgeben können, ohne dafür Strafe fürchten zu müssen - im Gegenteil. Was auf der Bühne erzählt wurde, sorgte beim Publikum - das zeigte später das Licht im Foyer - für so manches verweinte Auge. Mancher ertrug es auch einfach nicht mehr und verließ schwer getroffen den Rang. Es war ein Beben der Unmittelbarkeit, das von der Bühne ausging. Spätestens jetzt wunderte es nicht mehr, dass "Die letzten Zeugen" zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden war, von wo es sozusagen direkt nach Dresden weiter reiste.

Der Umgang mit den Juden in Wien 1938 war bei diesem Dokumentarprojekt nur der Auftakt. Was allen Erzählungen innewohnt, ist die Verwunderung darüber, wie viele Menschen sich damals im Handumdrehen als offen antisemitisch, als begeisterte Judenhasser bekannten und ebenso handelten. Für Doron Rabinovici, der zusammen mit dem früheren Burgtheater-Intendanten Matthias Hartmann das Zeugen-Projekt initiierte, liegt der Grund darin, dass in Österreich der "Hauptgegner von Anfang an der Jude war", in Deutschland die Nazis dagegen nach ihrer Machtübernahme erst einmal mit ihren politischen Gegnern abrechneten.

Von Wien aus jedenfalls nehmen diese Geschichten ihren Ausgangspunkt, ihre Wege führen oft an Orte, die nur in einem einzigen Kontext bekannt wurden: Auschwitz, Theresienstadt, Buchenwald, Dachau. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Als der Krieg vorbei war und die wenigen Überlebenden zurückkehrten, ernteten sie fragende Blicke und Sätze wie: "Haben wir euch nicht alle vergast?" - "Seit 1945 hat sich in Salzburg nichts verändert, nur dass die Naziabzeichen nicht mehr getragen werden", sagte der 100-jährige Marko Feingold im abschließenden Publikumsgespräch. Ein kleiner Einblick in die Welt des real existierenden Austrofaschismus.

"Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und zu Geistesschwäche verurteilt ist. - Wir haben nichts zu berichten, als das wir erbärmlich sind." Das sagte Thomas Bernhard, als er 1968 den Österreichi-schen Förderungspreis für Literatur erhielt. Es war eine seiner Dankesreden, die im Skandal endete. Für den Theaterautor, der sein Leben lang mit seinen Landsleuten hart ins Gericht ging, war das eine einfache Feststellung, auch wenn er die Aufregung, die aus solchen Sätzen erwuchs, natürlich einkalkulierte.

Wer "Die letzten Zeugen" vor dem Hintergrund dieser Bernhardschen Bestandsaufnahme aber noch einmal Revue passieren lässt, dem tut sich ein anderer Abgrund auf: der einer immer noch ziemlich fehlenden Aufarbeitung in der Alpenrepublik, die nach wie vor einer Art kollektiver Unschuldsthese anhängt. Oder wie es Rabinovici ausdrückte: "Deutschland schaut voller Pessimismus in die Zukunft, Österreich schaut voller Optimismus in die Vergangenheit."

Dass sich nach den gut zwei Stunden Dokumentartheater viele Gespräche um die heutige Situation in Europa drehten, wo rechtsgerichtete Parteien Aufwind wie lange nicht verspüren, ist da kein Wunder mehr. Der Satz, man habe aus der Vergangenheit gelernt, ist schnell gesagt. Dann müsste jedoch stärker aufgemuckt werden, um die jüngsten Entwicklungen in Europa nicht einfach unkommentiert hinzunehmen, ob sie nun Jobbik oder Front National heißen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.05.2014

Torsten Klaus

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