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"Yes, we scan!" - Markus Beckedahls "Dresdner Rede" im Schauspielhaus Dresden

"Yes, we scan!" - Markus Beckedahls "Dresdner Rede" im Schauspielhaus Dresden

Zugegeben, die Überschrift ist geklaut. Ist doppelt geklaut, denn die Mehrheit der Zeitgenossen dürfte eine sehr selbstbewusste Behauptung aus den US-amerikanischen Wahlkämpfen für die Urheberschaft ausmachen.

Netzpiraten haben daraus das Eingeständnis des Bundesinnenministers fingiert, behördlichen Datenklau in großem Stil zu betreiben. Nur eine Phobie von Hypochondern?

In seiner gestrigen Dresdner Rede im Schauspielhaus schilderte Markus Beckedahl seine Sorgen um die Sicherheit im Internet. Die wesentlichen Eckpunkte zwischen Optimismus und Pessimismus, also naivem Vertrauen einerseits und übersteigerten Verschwörungsängsten andererseits hatte Martina Aschmies vom Staatsschauspiel Dresden mit ihrer prägnanten Einführung vorangestellt. Der politische Netzaktivist Beckedahl füllte dieses Feld, sofern es in knapp neunzig Minuten denn überhaupt auszuschreiten ist, in freier Rede höchst unterhaltsam mit Fakten. Der gebürtige Rheinländer (Jg. 1976), der heute in Berlin zu Hause ist und dort unter anderem die Seite netzpolitik.org betreibt, entlarvte sich zunächst als früher Urheberrechtsverletzer. Und führte in seinem Vortrag "Die digitale Gesellschaft - Netzpolitik, Bürgerrechte und die Machtfrage" sehr stringent aus, dass sich aufgrund heutiger Strukturen im Netz im Grunde jeder Nutzer solcher Verletzungen bezichtigen müsse. Wer das nicht selbst tut, bekommt unter Umständen Anwaltspost - Stichwort Unterlassungserklärung und Abmahnung. In Deutschland sollen mehr als fünf Prozent der Bevölkerung solch unliebsame und oft ziemlich teure Erfahrung gemacht haben.

Das seien aber beileibe nicht alles verkappte Betrüger, stellte Beckedahl klar und begründete öffentlich verbreitetes Fehlverhalten mit der Tatsache, dass zum Verständnis Allgemeiner Geschäftsbedingungen (AGB) meist ein gewöhnliches Jurastudium nicht ausreiche. Es müsse schon ein spezifiziertes sein.

Im lebendigen Spagat zwischen persönlicher Erfahrung und Allgemeingültigkeit machte der Redner deutlich, dass seine erste Urheberrechtsverletzung in frühen Schultagen nicht geahndet wurde, weil sie nicht digitalisiert worden ist. Heute seien insbesondere Schulbuchverlage geradezu trojanisch hinterher, ob Bildungsinhalte kopiert worden seien. Wie war das nochmal mit der Bildung für alle?

Einer der glücklichsten Jugendmomente für Markus Beckedahl sei mit Internet-Tauschbörsen verbunden. Tauschen sei schließlich nichts Neues, sondern menschheitlich gesehen eine soziale Grunderfahrung. Aber wie, wenn alles kostenfrei vertrieben wird und die Kreativen unter uns als eigentliche Wertschöpfer von Texten, Musik, Bildern und Videos mit ihren Hervorbringungen kein Einkommen erzielen? Es geht also um mehr als nur um Schwarz-Weiß-Denken, wie vor eher mau besetzten Reihen fidel veranschaulicht wurde. Just das Graue Album ("The Grey Album") von DJ Danger Mouse diente als willkommenes Beispiel. Der Musikproduzent mixte das "White Album" der Beatles mit dem "Black Album" von Jay Z. Ein kreativer Akt zivilen Ungehorsams.

Auch der Rechtsstreit zwischen Google und GEMA kenne nicht nur die Guten und die Bösen, meinte Beckedahl. Aber er müsse endlich entschieden werden, damit ein aktuelles Problem, dass nämlich YouTube-Clips weltweit zu sehen sind "außer in China und Deutschland", nicht von Dauer sei.

Beckedahl sprang von solchen Reizworten zu bizarren Vorgängen "digi-taler Rechteminimierung" und stellte die IT-Kompetenz deutscher Richter in Frage. Wer wird schon gewusst ha-ben, dass der Erwerb von E-Books beispielsweise nur befristete Nutzungsrechte beinhaltet, die keineswegs vererbbar sind? Da liebt man doch die gute alte Bibliothek daheim. Apropos: Wie sehr soziale Netzwerke den Blick ins Wohnzimmer freigeben, das dürfte auch in Zukunft ein Brennpunkt bleiben. Markus Beckedahl bekannte sich zu Freiheit im Netz, vor allem technologisch. Aber die globale Gesichtserkennung lehnte er aus begreiflichen Gründen - nicht nur wegen entlarvender Szenen etwa im Karnevalsrausch - doch lieber ab.

Das war kein Bangemachen, was der Experte da vorführte. Dresden hat schließlich mit Vorgängen wie Funkzellenabfragen, um Anti-Nazi-Demonstranten zu verfolgen, schlimme Erfahrungen. Bis zur Gesinnungsschnüffelei ist es da nur ein kleiner Schritt. Mit Schlagworten wie "Die Freiheit nehmen wir Dir" hatte der Redner das Auditorium ganz auf seiner Seite.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.02.2013

Michael Ernst

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