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Yehudi Menuhin bei der Dresdner Philharmonie

Begegnung mit einem Ausnahmekünstler Yehudi Menuhin bei der Dresdner Philharmonie

In diesen Tagen gedenkt die Musikwelt eines ganz Großen des 20. Jahrhunderts, des Geigers, Dirigenten, Weltbürgers und Humanisten Yehudi Menuhin. Anlass ist sein 100. Geburtstag am 22. April. In einem Beitrag der DNN spielte die Verbindung des Musikers zu Dresden eine Rolle, 1929 hatte der junge Yehudi – fünf Tage vor seinem 13. Geburtstag – das Publikum in der Semperoper in helle Begeisterung versetzt.

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Yehudi Menuhin

Quelle: dpa

Dresden. In diesen Tagen gedenkt die Musikwelt eines ganz Großen des 20. Jahrhunderts, des Geigers, Dirigenten, Weltbürgers und Humanisten Yehudi Menuhin. Anlass ist sein 100. Geburtstag am 22. April. In einem Beitrag der DNN spielte die Verbindung des Musikers zu Dresden eine Rolle, 1929 hatte der junge Yehudi – fünf Tage vor seinem 13. Geburtstag – das Publikum in der Semperoper in helle Begeisterung versetzt. Am Pult der Staatskapelle stand der damalige GMD Fritz Busch, der 1927 auch das Debüt des Wundergeigers in der New Yorker Carnegie Hall geleitet hatte. 1989, wenige Monate vor der politischen Wende, musizierten Staatskapelle und der inzwischen 72-jährige Menuhin – jetzt als Dirigent – noch einmal gemeinsam, es war sein letzter Auftritt mit diesem Orchester.

Aber Yehudi Menuhin kam weitere Male in die Musikstadt zurück: zur Dresdner Philharmonie. Dietmar Pester, Posaunist des Orchesters, erinnert sich für DNN an diese besonderen, unvergesslichen Begegnungen.

Die besonderen Verbindung zu Dresden nutzend, war es Intendant Olivier von Winterstein 1995 gelungen, den Ausnahmekünstler Yehudi Menuhin auch ans Pult der Dresdner Philharmonie zu holen. Der Anlass war treffend: Menuhin dirigierte zum 50. Jahrestag der Zerstörung Dresdens das Mozart-Requiem. Schon in den Proben zeichnete sich ab, dass diese Aufführung eine ganz besondere werden würde. Er begrüßte uns mit großer Freundlichkeit und beglückt davon, wieder in Dresden zu sein, nun in einem vereinten Deutschland. Seine Hoffnung nach dauerhaften Frieden sprach uns aus dem Herzen. Das Requiem im Kulturpalast gelang daraufhin mit großer Tiefe. Seine schlichte Art wirkte geradezu befreiend.

Im Januar 1997 dirigierte Menuhin ein Konzert mit Mozart, Ouvertüre zu „Don Giovanni“ und Violinkonzert Nr. 4, Solist war Ingolf Turban, und der „Schottischen“ von Mendelssohn Bartholdy. Im selben Jahr leitete er auch unser Weihnachtskonzert mit der „Zauberharfe“ von Schubert, Haydns Sinfonie Nr. 101, „Die Uhr“, und Brahms’ 3. Sinfonie. Die Haydn-Sinfonie beginnt sehr ruhig, ja beinahe zeitlos. Dann aber naht, worauf es bei Haydn so sehr ankommt: perfektes Timing und absolut deckungsgleiche Rhythmik. Ich erinnere mich an eine sehr gute Interpretation. Nach der Pause dann Brahms’ 3. Sinfonie. Yehudi Menuhin verstand es, uns die Musik mit sehr viel Wärme, schlank und fließend spielen zu lassen. Die Leichtigkeit, aber auch die Tiefe der Musik genießend. Er legte viel Wert auf den Klang, der berühren müsse.

Sein letztes Dirigat bei uns war dann im September 1998, kurz vor seinem Tode. Mozarts Ouvertüre zu „Figaros Hochzeit“ stand vor Max Bruchs berühmten Violinkonzert mit dem jungen Augustin Hedelich – wieder ein Beispiel dafür, wie Menuhin junge Interpreten förderte. Die 4. Sinfonie von Brahms habe ich als sehr emotional in Erinnerung. Menuhin gab der Musik eine große innere Ruhe, ohne es an Stringenz fehlen zu lassen. Dabei forderte er wieder einen großen, warmen Klang. Den Choral der Posaunen im 4. Satz ließ er uns herrlich ausspielen.

Die Konzerte mit Yehudi Menuhin, ganz besonders aber auch seine Probenarbeit habe ich sehr genossen. Bei allen technischen Defiziten seines Dirigates brachte er uns eine Grundhaltung nahe, die von tiefem Humanismus geprägt war. Jedes seiner Worte drückte große Verantwortung vor dem Werk und den Menschen aus. Er wollte eine dem Moment der Schlüssigkeit in der Musik dienende Interpretation.

Seine Suche nach der Wahrheit prägt mich bis heute. Der Bezug zum Jazz ist dabei eine schöne Parallele. Menuhin wusste, im Jazz werden Zusammenhänge deutlich, die sehr positiv auf die „klassische“ Orchesterarbeit rückwirken. Ein gutes Timing und lange, zusammenhängende Phrasen zu spielen schafft Spannungsbögen, die nicht vor dem Ziel stoppen und den Fluss gekünstelt unterbrechen. Das ermöglicht ein tiefes Erleben der Musik. Nach dem Vormittagskonzert erwartete mich meine Frau mit unserer kleinen Tochter im Bühneneingang des Kulturpalastes. Yehudi Menuhin kam kurz vor mir dort vorbei, begrüßte sie herzlich und beugte sich zu unserer Kleinen herunter und reichte ihr die Hand. Inzwischen angekommen, beobachtete ich diesen wunderbaren Moment der Güte und Wärme, der für sein ganzes Wesen stand.

Für den Sommer 1999 war ein Konzert der Dresdner Philharmonie unter seiner Leitung auf der ehemaligen Gefängnisinsel „Robben Island“ Südafrika geplant. Leider ist es dazu nicht mehr gekommen.

Lord Yehudi Menuhin starb am 12. März 1999 in Berlin.

Von Dietmar Pester

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