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Yadé Kara las in der Villa Augustin in Dresden

Türkische Autorin Yadé Kara las in der Villa Augustin in Dresden

Yadé Kara zeigt eine Gelassenheit, die sich aus Erfahrung speist. Die Schriftstellerin, 1965 im türkischen Cayirli geboren, ist in Westberlin aufgewachsen. Dort spielt ihr erster Roman, „Selam Berlin“ (2003), ihr zweiter „Café Cyprus“ (2008) führt uns nach London.

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Yadé Kara gewann für ihren Roman „Selam Berlin“ 2004 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis der Robert Bosch Stiftung. Am Dienstag las sie in der Villa Augustin aus ihren Romanen.

Quelle: Yves Noir / Robert Bosch Stiftung

Dresden. Yadé Kara zeigt eine Gelassenheit, die sich aus Erfahrung speist. Die Schriftstellerin, 1965 im türkischen Cayirli geboren, ist in Westberlin aufgewachsen. Dort spielt ihr erster Roman, „Selam Berlin“ (2003), ihr zweiter „Café Cyprus“ (2008) führt uns nach London. Das quirlige Konglomerat unterschiedlicher Kulturen in der Großstadt ist ihr Thema. Doch zwangsläufig geht es an diesem Abend in der Villa Augustin im Gespräch mit Moderator Michael G. Fritz nicht allein um Literatur, kommen am Ende aus dem Publikum Fragen nach der politischen Situation in ihrem Herkunftsland.

„Das war der dritte Putsch in meiner Lebenszeit“, erzählt sie. Dass Journalisten ins Gefängnis gesteckt, freigelassen, wieder inhaftiert werden, das kenne sie von früher. „Dass nun allerdings Gefangene gefoltert und dann der internationalen Presse gezeigt werden – das hat mich erschüttert. Das ist eine neue Dimension.“

Inzwischen sei eine Generation herangewachsen, die Militärdiktatur nicht mehr kenne. „Die werden eine diktatorische Regierung nicht akzeptieren.“ Sie setzt ihre Hoffnung auf die Jüngeren. „Die Ende der Siebziger geborene Generation hat einen anderen Zugang zu Internationalität.“ Es könne vielleicht eine Weile dauern. „Doch Diktatoren kommen und gehen. Sie bleiben nicht ewig.“ Auch einer wie Erdogan könne wieder abgewählt werden. „Es ist gut, wenn man solche Situationen besonnen und ruhig beobachtet.“

Auch das Meer türkischer Fahnen bei der Pro-Erdogan-Demonstration in Köln hat sie nicht in übermäßige Aufregung versetzt. So etwas habe es auch vor zehn Jahren schon gegeben. Da werde in der Berichterstattung kräftig aufgebauscht. „30 000 – von mir aus, sollen sie auf die Straße gehen. Das sagt aber noch nichts über die anderen Millionen, die das nicht tun.“ Mehr als zweieinhalb Millionen Türkeistämmige leben nach Angaben der Bundesregierung in Deutschland.

Sie haben ihre eigene Sicht. Und die macht Yadé Karas Bücher so faszinierend. In Westberlin lässt sie den 19-jährigen, in Kreuzberg geborenen Hasan Kazan den Mauerfall erleben. Sie zeigt, wie hin- und hergerissen seine Eltern sind: Einerseits glauben sie an den Westen. „Er bedeutete Fortschritt, Technik und Arbeit für sie.“ Doch kaum kommen ihre Kinder mit westlichen Werten, Moral und Erziehung in Berührung, fürchten Vater und Mutter, aus den Söhnen könnten „Kiffer“, „Hippies“ und „Homos“ werden. In „Café Cyprus“ lässt sie ihre Hauptgestalt Anfang der Neunziger mit 23 Jahren nach London auswandern. Dort lernt Hasan in einer Sprachenschule, verdient Geld in mehreren Jobs, verliebt sich in die Modedesign-Studentin Hannah.

Für das Lebensgefühl dieser jungen Einwanderer in der Metropole findet die Autorin eine Erzählweise, die einen fesselt. Sehr bunt, in aussagestarken Details schildert sie Existenzen, die vor Unternehmungslust und Neugier schier bersten. Eine gute Prise Humor fehlt ebenso wenig. Die Szene, als Hasans Mutter zu Besuch aus Istanbul kommt, im British Museum einen Koran in einer Glasvitrine entdeckt und ihre Empörung über die englischen „Diebe“ sich explosionsartig entlädt, ist herrlich.

Sie zeigt, wie sie gewichtige Probleme kultureller Unterschiede in höchst vergnüglicher Weise darzustellen versteht. Vor allem die aufgedrehte Sprache des Ich-Erzählers Hasan, ihr treibender Rhythmus vermittelt viel von der erhöhten Pulsfrequenz, auch Härte des Großstadtlebens. Multikulturalität entpuppt sich da als schöne Behauptung, im Alltag lauert allenthalben Fremdenfeindlichkeit. Gleichwohl zeigt uns Yadé Kara die jungen Londoner Migranten als Lebensform der Zukunft, mit all ihrer Energie, ihrem Enthusiasmus. Das kulturelle Gemisch macht sie wacher, wie es an einer Stelle heißt. Ihre verschiedenen Perspektiven sprengen enge Grenzen. Sie gehen ihren Weg und ziehen Europa mit sich – wie ein kleines Kind, das bisweilen auch sehr bockig sein kann.

Yadé Kara: Selam Berlin. 384 S., 12 Euro

Café Cyprus. 384 S., 10,90 Euro

Von Tomas Gärtner

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