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"X Gebote" - norton.commander mit jüngstem Werk in Hellerau - Interview vor Premiere

"X Gebote" - norton.commander mit jüngstem Werk in Hellerau - Interview vor Premiere

Vom morgigen Donnerstag bis Samstag gibt es im Europäischen Zentrum der Künste erneut ein Gastspiel von Harriet und Peter Meinung und ihrer norton.commander.productions.

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Die Szenerie kommt bekannt vor, aber sie zeigt auch, dass norton.commander etwas anders aufs Christliche blicken.

Quelle: PR

Gearbeitet wird im bewährten Team, aber diesmal werden die unterschiedlichen Medien vor allem in der Abfolge dreier unterschiedlich angelegter Teile "aufeinanderprallen". Thema der auf drei Abende innerhalb von drei Jahren konzipierten Arbeit sind die Zehn Gebote des Alten Testaments. Tomas Petzold stellte den Meinings Fragen zu der Produktion, die am vergangenen Wochenende in Frankfurt/Main ihre Premiere erlebte.

Frage: Ihre erklärte Absicht ist es, die Zehn Gebote zu befragen aus der Sicht einer "säkularen Gesellschaft, in der traditionelle Vorstellungen von Seele, Unsterblichkeit und Religion nicht mehr haltbar sind". Was aber ist Gott oder die Abwesenheit von Gott aus der Sicht dieser Gesellschaft?

Harriet und Peter Meining: Wir haben uns der Schwere des Themas sehr spielerisch angenähert, dass es dem Zuschauer in erster Linie Spaß machen soll, über seine "Geworfenheit" hinwegzukommen. Man ist niemand. Das ist leichter, als man glaubt.

Am Anfang steht die Behauptung: Religion ist etwas, das nicht mit Erkenntnis zu tun hat, sondern mit Glauben. Wenn man das jetzt philosophisch fasst, würde man sagen, der Mensch und seine Beziehung zu Gott und zu sich selbst - die hat sich in unserem Kulturkreis stark verändert. Der Philosoph Thomas Metzinger hat das in etwa so beschrieben: Das alte Bild war, dass es etwas gibt, was von oben rein kommt, von Gott... dass wir eine göttliche Wurzel haben. Das neue Bild sagt, dass unser Körper, unsere seelischen Eigenschaften Produkt der Evolution sind. Ein Prozess, der von unten kam, der kein Ziel hatte und der zufällig verläuft. Das würde heißen, wir sind so etwas wie nicht gewollte Kinder des Universums. Es wird deutlich, dass es keinen festen Kern gibt, der außerhalb unserer physischen Fähigkeiten existiert.

Wie verhält sich Ihrer Meinung nach das Gottesbild der Kräfte, die für die "ökonomisch/klerikale Rettung der christlichen Welt eintreten", zur heutigen Realität?

Wir leben in Europa in einer Zeit, die dem Paradies schon mächtig nahe kommen sollte, so viel Reichtum, Freiheit auf einen Haufen... Auch unsere moralischen Fähigkeiten sind gewachsen, obwohl unsere Religiosität abgenommen hat. Nun stellt man sich die Frage, inwieweit unsere Moral, unser Humanismus ein Produkt ist, das proportional zu unserem Reichtum wächst. Weil der Kapitalismus ja auch eine Religion ist, die allein auf Glauben und Vertrauen beruht. Und ob es da einen Zusammenhang gibt. Also wer heute eigentlich gut in diesem System lebt, Geld nach Afrika spendet, Sport macht, die Kinder aufs private Gymnasium steckt und trotzdem zum Psychologen muss, weil er ausgebrannt, leer und ohne Kern ist... Der leidet unter dem Raum seiner Möglichkeiten... Von außen betrachtet eine absurde Situation.

Die Zehn Gebote als einen als Ganzes gegebenen Kodex zu behandeln heißt, sie als Botschaft zu begreifen. Als Botschaft von (einem) Außer- oder Überirdischen, zu dem oder zu denen offenbar die Verbindung abgerissen ist. Neben dem Problem der wiederholten Überschreibung des kulturellen Gedächtnisses haben wir es vor allem mit der dogmatischen Verwaltung einmal festgelegter Deutungen und Schlussfolgerungen zu tun, die am Ausgang der Antike aktuell waren und nur sehr zögernd aus der Sicht veränderter gesellschaftlicher Bedingungen und neuer Erkenntnisse hinterfragt werden. Könnte der nicht interessanter sein als ein schlichter "Rückzug" aus dem Paradies der Heilsversprechen in eine Welt, in der die Sinnlosigkeit das grundlegende Axiom?

Früher war alles besser, heute ist alles sinnlos - das ist tatsächlich weit verbreitet, auch dieser melancholische Hang, immer alles schlecht zu reden. Wir kreisen um uns selbst und erstarren in apokalyptischer Bewahrerpose. Dabei gilt ein einfaches Gesetz: was verloren ist, ist verloren - oder wie es der italienische Dichter Salvatore Quasimodo sagt: "Allen Fortschritt verdanken wir den Unzufriedenen. Zufriedene lieben keine Veränderung." Das Problem ist, wir wissen, dass wir etwas tun müssen, dass die Probleme der ganzen Welt, Klima, Ressourcen, Wachstum etc. immens und dringlich sind, aber wir stehen uns als Mensch selbst im Weg. Das ist ein Dilemma. Vielleicht weil wir evolutionär nur auf einen Nahhorizont ausgerichtet sind, also auf eine kleine Gruppe von Menschen, die wir versorgen, für die wir Mitleid empfinden, mit denen wir kooperieren. Heute muss der Mensch aber viel größer denken, und das ist schwer. Und leider reagiert der Mensch auf die Probleme und die Möglichkeiten sehr unterschiedlich. Viele sagen, das ist mir alles zu kompliziert und flüchten sich zurück in einen religiösen Fundamentalismus, oder andere sagen, wenn eh alles den Bach runtergeht, dann gibt's jetzt eine ordentliche Sause - und zelebrieren einen vulgären Materialismus.

Die Gefahr von Religion und Dogma ist, dass sie Verantwortung wegdelegieren, nach oben in einen unbestimmten kosmischen Raum. Der Mensch muss aber seine Verantwortung selbst wahrnehmen.

Kann man das Thema allein aus der Sicht der "westlichen" Kultur betrachten und hat die unterschiedliche Fortschreibung der Überlieferungen zur monotheistischen Religion - speziell auch der Zehn Gebote - nicht zu einer absurd gefährlichen Auseinandersetzung - zwischen Christen, Juden und Muslimen - geführt? Absurd gefährlich auch deshalb, weil die Säkularisierung scheinbar die Position des Westens schwächt, auch indem sie die Feindbilder der Orthodoxen schärft?

Das stimmt. Aber wir betrachten es aus diesem Blickwinkel, weil wir hier in dieser Kultur zu Hause sind, über die Beweggründe anderer Kulturen können wir nur spekulieren. Teilweise hat unsere Arbeit erschreckende Aktualität gewonnen. So überraschte uns mitten in der Arbeit an unserm Text zum Gebot "Du sollst nicht töten", in dem wir in einer fiktionalen Überhöhung "Kreuzritter" als Retter des Abendlandes in einer Shopping Mall auftreten lassen, die schreckliche Meldung aus Oslo. Ein schießwütiger Mörder hatte sich zum Kreuzritter und wertkonservativen Rächer einer westlichen Leitidee und kulturellen Identität aufgeschwungen und dabei unsere zutiefst liberale, christliche Wertegemeinschaft ins Herz getroffen. Nicht die sofort verdächtigten radikalen Muslime, sondern ein blondes, nordisches, verwirrtes Wohlstandskind ...das sind erschreckende Bruchstellen.

Wie ordnet sich dieser erste Abend in den Gesamtkomplex ein, wie weit sind die beiden folgenden bereits konzipiert?

Der erste Abend hat drei ganz unterschiedliche Teile und beschäftigt sich mit drei Geboten. Wir rekonstruieren spielerisch das (verlorene) Paradies. Der zweite Teil ist ein sehr "exotisches Vatermordformat". Der liebe Gott schwebt in die Centrum Galerie ein und versucht, eine Gurkentruppe zu echten Christen auszubilden (ein Spielfilm, den wir in der Centrum Galerie gedreht haben, Dank an das Management!) Und im dritten Teil veralbern wir ein bisschen die westliche Patchwork - alles ist Peace - Religion. Da lädt Jesus zu einem sehr abwechslungsreichen Konzert ein. Der Abend ist die Eröffnung eines Themas, das uns Dank der Konzeptionsförderung noch zwei Jahre beschäftigen wird. Die anderen Teile sind vom konzeptuellen Überbau angedacht, jedoch lassen wir uns die Freiheit, in jedem Jahr auf aktuelle Ereignisse etc. neu einzugehen und Vorhandenes auch radikal wieder umzuschmeißen.

1. bis 3.12., jeweils 20 Uhr, Eintritt 15 Euro (ermäßigt 7 Euro)

www.hellerau.org

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.11.2011

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