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"Wutfried" Glatzeder plauderte in der Haupt- und Musikbibliothek Dresden aus dem Nähkästchen

"Wutfried" Glatzeder plauderte in der Haupt- und Musikbibliothek Dresden aus dem Nähkästchen

"Schweif nicht so viel ab. Dein IQ ist nicht so hoch. Du kommst nie wieder zurück!", hatte seine bessere Hälfte noch gesagt, bevor sich Winfried Glatzeder gen Dresden auf den Weg machte.

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Winfried Glatzeder geriet nicht nur im öden Dschungelcamp in Plauderlaune, auch bei seiner Lesung in der Dresdner Hauptbibliothek.

Quelle: RTL/Archiv

Aber wie das so ist im Leben eines Mannes. Er weiß, dass man die Frauen reden lässt und dann trotzdem wider bessere Einsicht sein Ding durchzieht.

Und so ist Winfried Glatzeder bei seiner Lesung in der Haupt- und Musikbibliothek wieder und wieder abgeschweift, hat da noch was aus Jugendzeiten aus dem Gedächtnis geholt (etwa wie er sich vom "leidenschaftlichen Bettnässer zum leidenschaftlichen Hypochonder" entwickelte), dort Einblicke in das Leben im Dschungelcamp gegeben. Seinen zahlreich erschienenen Fans war's entschieden recht, dass der seit der "Legende aus Paul und Paula" zumindest im Osten legendäre Schauspieler den Ratschlag seiner Frau in den Wind schlug. Glatzeder allerdings gab auch Tipps, verriet etwa alte Hausmittel gegen Erkältung. Die seien viel billiger, verkündet "Doktor" Glatzeder, der es offenbar gern billig hat. Jedenfalls lobt er mal Discounter wie Aldi und KiK, dann will er scheinbar zurück zu den "guten alten", einst auszukochenden Windeln der Vor-Pampers-Ära. Richtig befremdlich wird es, als Glatzeder sich überfordert von Rap-Musik und Gruppen wie Fettes Brot zeigt. Das erinnert fast schon an Walter Ulbrichts Gequengel über die "Yeah-Yeah-Yeah"-Musik.

Das Buch, aus dem Glatzeder las, wenn er mal nicht aus dem Nähkästen plauderte, war seine Autobiographie "Paul und ich", in der er mit bissigem Witz und ironischem Charme zunächst seine vegetarische Durststrecken aufweisende Nachkriegskindheit im Ostsektor Berlins schildert, als für West-Berliner eine Ost-Geliebte "ein billiges Vergnügen" war. Nicht zu knapp geht es natürlich auch um künstlerische Identitätsfindung und die Schwierigkeiten eines Schauspielerlebens zwischen Ost und West. Das Werk ist an sich älteren Datums (siehe DNN vom 24.4.2008), aber es kann ja nie schaden, zu wissen, wie das damals bei Paul und Paula anno 1972 war, diesem Film, der ein luftiger Moment in der muffigen DDR war. Und es führt durchaus auch vor Augen, dass Glatzeder seine Karriere eingestandenermaßen "immer Frauen zu verdanken" hat.

Wie Brigitte Mira mal darauf verfallen konnte, Glatzeder den "Charme eines Holzpferdes" zu bescheinigen, erschloss sich bei der Lesung definitiv nicht. Der Film- und Bühnenheld tat alles, um sympathisch rüberzukommen, auch wenn der Berliner, der ein gebürtiger Westpreuße ist, in einem Halbsatz einräumte, ein "schrecklich egozentrischer Mensch" zu sein. Vielleicht liegt hier die Erklärung dafür, warum Glatzeder, der von westlicher Seite gern zum "Belmondo des Ostens" erklärt wird, ins Dschungelcamp, dieser "Versuchsanordnung der NSA", gegangen ist.

Dort wurde Winfried zeitweise zum "Wutfried" (jedenfalls für das Revolverblatt Bild), auch weil ihn Model und Lagergenossin Larissa so fertigmachte. "Ich kann nichts dafür, dass ich Larissa geohrfeigt habe", beteuert Glatzeder, der einem anderen Versuchskaninchen namens Melanie "faszinierende Brüste" bescheinigt und seinen Fans beteuert: "Diäten können Sie vergessen, Sie müssen ins Dschungelcamp gehen." Der eine Aura lebensweiser Ironie versprühende Glatzeder hat jedenfalls infolge der kargen Reis- und Bohnenkost, die den Schauspieler natürlich an Woyzecks Erbsen-Diät-Tortur erinnert, elf Kilo verloren. Neugierig sei er gewesen, meint der sich über 120 Millionen Zuschauer sichtlich freuende Glatzeder, von dem man eigentlich annahm, dass er im Gegensatz zu manch anderen Ex-Ost-Stars in der bundesdeutschen Medienlandschaft angekommen sei. Jedenfalls sicherte er sich wegen seiner Prostata-Probleme im Regenwald Australiens einen Platz direkt an der Toilette. Ja, der jugendliche Held von einst hat Prostata. Er weiß, dass Jegliches, dass Steine sammeln wie Steine zerstreun, seine Zeit hat. "Die Begrenztheit des Lebens ist erbarmungslos." Aber freuen tut es ihn einstweilen schon, dass seit dem Abstecher ins Dschungelcamp auch die jungen Frauen sich wieder nach ihm umdrehen.

Winfried Glatzeder: Paul und ich. Aufbau-Verlag, 238 Seiten, 9,90 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.02.2014

Christian Ruf

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