Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Wunderbundt mit ehrlichem Rio-Reiser-Programm

Wunderbundt mit ehrlichem Rio-Reiser-Programm

Rio Reiser wäre heute 62 geworden, Wunderbundt feiern Gründonnerstag ihren 25. Geburtstag. Und so gab es schon am Samstag bei der gemeinsamen Verwandten Ju eine Familienfeier zwischen ehrenvoll-trauriger Erinnerung an den Dahingeschiedenen und dem Zelebrieren dessen, was man - mehr oder weniger gemeinsam - all die ganzen Jahre gehabt hat.

"Rio ist einfach unsere Wurzel", heißt es auf der Wunderbundt-Homepage, und Isolde Lommatzsch - Pianistin und Gründungsmitglied der Band - betont, dass sie seit ihren Anfängen als Musikerin immer irgendwo Rio Reiser-Titel eingebaut habe, ihre Schüler Stücke von ihm habe singen lassen, er stets so sehr ein Teil ihrer eigenen Arbeit gewesen sei, dass das ihm gewidmete Programm irgendwann logisch kommen musste.

Ein Programm, das liebevolle Cover-Versionen und eigene Songs verbindet. Wobei man das mit der Wurzel und der tiefen Verbundenheit so und so sehen kann. Für diejenigen, die nicht jedes Reiser- und Ton, Steine, Scherben-Stück kennen, ist es nahezu unmöglich, auseinanderzuhalten, was ein Cover und was ein originäres Wunderbundt-Stück ist. Und irgendwie fragt man sich da schon, warum es eine Band so sehr darauf anlegt, wie jemand anderes klingen, auch im eigenen Schaffen. Sowohl, was die Musik angeht als auch die durchweg sehr poetischen Texte.

Andererseits ist der Rio-Reiser-Abend von Jan Plewka noch in so nachhaltig schlechter Erinnerung, dass man unendlich froh über diese Combo ist, die mit den Stücken offenbar wirklich etwas verbindet. Und die seit etlichen Jahren mit ihrem handwerklich sauberen, ehrlichen Programm durch kleinere Clubs tingelt und nicht besser zahlende Gäste in samtenen Sesseln bespaßt.

Die in kleiner Besetzung mit ruhigen Stücken als eigene Vorband auftritt - und einem damit durchaus eine Gänsehaut beschert! - und dann noch zwei rockige Band-Sets anschließt. Respekt gebührt da vor allem Sänger Jens Lommatzsch, der in diesen drei Konzertparts am meisten gefordert ist. Seine Stimme ähnelt vor allem bei den ruhigen Stücken tatsächlich sehr Reisers - und zwar nicht als billige Schauspieler-Nachäfferei - und wenn er bei den lauten, rotzigeren Scherben-Stücken nicht so ganz überzeugen kann, mag das auch an der bereits absolvierten Anstrengung liegen.

Isolde Lommatzsch allerdings, seine Frau, sollte sich wohl doch auf ihr Piano beschränken. Ihre Gesangsparts fallen allzu dünn aus. Dagegen wunderbar: Robert Troschnitz an der knallenden, schmutzigen E-Gitarre, unterfüttert von Hans Wulf am Bass. Das ist der Geist der Scherben, da fühlt man sich tatsächlich zurückversetzt in die späten 70er, frühen 80er Jahre - und zwar ohne das unangenehme Jucken, dass diese Gefühle ausgenutzt werden.

Der größte Unterschied in der Instrumentierung liegt im Einsatz einer Bläsertruppe, bestehend aus Maria Guse am Saxofon, Christian Reinsch an der Trompete und Christioph Willenberg an der Posaune; und während die drei beim angezogenen Tempo von "Halt dich an deiner Liebe fest" nicht schön, aber geil und laut klingen, so wirkt die Fanfare bei "Keine Macht für Niemand" durchaus passend.

Die Verbindung zur Gegenwart, sie ist stets präsent. Natürlich wird der Opener "Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir?" programmatisch eingesetzt, aber erst seit einigen Monaten denkt wohl jeder bei dem Song von den "Millionen Unbekannten" ("Wovon träumst du") an den Slogan der Occupy-Bewegung: "We are the 99 percent."

Und ganz neu im Programm das Stück über Rotkäppchen und den bösen Wolf. Sie hätten "Tagesschau" gesehen, so Jens Lommatzsch, und sich nicht damit abfinden wollen: "Die Wahrheit ist, egal wie es auch scheint: Ich war das nicht", lautet das bittere Resümee über einen gänzlich überflüssigen Politiker. Der Song, soviel ist sicher, hätte auch Rio Reiser gefallen. Beate Baum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.01.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr