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Woods of Birnam feierten ihr erstes Album im Kleinen Haus

Woods of Birnam feierten ihr erstes Album im Kleinen Haus

Spätestens wenn Christian Friedel in der "Hamlet"-Inszenierung von der vorgebauten "Rockbühne" hinabsteigt und über die Stuhlreihen des Parketts hechtet, ist der Pop wieder einmal in die moralische Anstalt Theater eingebrochen.

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Er ist der Frontmann von Woods of Birnam: der Hamlet-gestählte Christian Friedel.

Quelle: Dietrich Flechtner

Friedel ist Hamlet, ist Frontmann einer Band, er darf das. Er muss keine Rücksicht auf Anzüge und gute Blusen nehmen, die von seinen Schuhen unsittlich berührt werden könnten. Außerdem hat er gerade seinen Vater verloren. Schmerzmittel Musik - hymnischer Pop, Punk-Anleihen und Rezitier-Rock lassen etwas faulen im Staate Dänemark. Christian Friedel resümiert: "Es sollte erst so sein, dass Hamlet eine halbe Stunde lang überhaupt nicht auf der Bühne ist und sich alle Leute fragen: Was soll das hier? Jetzt ist es eben ein Konzert, in dem sich die Leute fragen: Was soll das hier?" Der offensive Einsatz von Liveklängen schon am Beginn des Dreistunden-Abends kommt so an wie er verschreckt, was natürlich auch an Erwartungen liegt, die "das" Publikum an Shakespeare und insbesondere "Hamlet" hat. Oder eben daran, dass es aufgrund fehlender Erwartungen sehr viele junge Menschen ins Schauspielhaus zieht. Eine gute Tendenz.

"Der Einbruch des Pop in die moralische Anstalt" war eine Podiumsdiskussion im Kleinen Haus übertitelt, die - durchaus ungewöhnlich, aber den Umständen der CD-Produktion geschuldet - gemeinsam vom Staatsschauspiel und dem Magazin "Theater der Zeit" aus Anlass der "Hamlet"-EP veranstaltet wurde. Die fünf Stücke sind zugleich die zweite Ton-Meldung von Woods of Birnam. Die wiederum sind auch die Hamlet-Band, nicht d i e Hamlet-Band, denn es gab sie schon zuvor und wird sie weiterhin geben.

Personelle Besetzung, Erfolg des Theaterstücks und Ereignis schlechthin führten zu einem vollen Haus und zu einer offensiven Durchmischung im Publikum. Der Abend fiel nicht einmal auseinander. Was einerseits daran lag, dass das Gespräch angenehm zurückhaltend war, wenig schwätzerisch und nicht intellektuell vertrocknet. Andererseits verschwanden in der Umbaupause die vorderen Stuhlreihen, was mit wenig Mühe eine recht noble Konzert- und Tanzsituation schuf. Mit Respekt und Toleranz der Besucher hatte es natürlich auch zu tun.

Theater-Redakteurin Dorte Lena Eilers leitete souverän und unaufgeregt die kleine Runde mit Peter Thiessen, Frontmann der Hamburger Band Kante, Spex-Schreiberin Jacqueline Krause-Blouin und Christian "Hamlet" Friedel. Da das Gespräch während des Filmfests Dresden stattfand, hätte es durchaus auch "Der Einbruch des Films in die moralische Anstalt" heißen können, denn beide Stilmittel haben das Theater in den letzten Jahren teilweise invasiv geprägt. Popmusik als emotionaler Verstärker, als inszenierte Attitüde nützt der Bühne nichts, Pop als geschickt verwendetes Element hingegen sehr. Gerade arbeiten CocoRosie mit Robert Wilson "Peter Pan" am Berliner Ensemble, Lars Eidinger bringt in der Schaubühne The Echo Vamper in seine "Romeo und Julia" ein, Sascha Ring (Apparat) komponierte und interpretiert im Centraltheater die komplette Musik für "Krieg und Frieden". Peter Thiessens Kante haben jetzt ganze sechs Jahre lang mit Vehemenz an Theatern in Wien, Berlin, München und Dresden gearbeitet. Nun suchen sie, wie sie verkünden, nach einem neuen Kante-Sound.

Zu "Spuren der Verirrten", "Doktor Faustus", "The Black Rider", "Candide oder der Optimismus", "Der gute Mensch von Sezuan" und "Antigone" spielten Kante live, für "Wilhelm Meisters Lehrjahre" trafen sie 2010 in Dresden dabei erstmals auf Christian Friedel. Der legte schon damals in Gesprächen den Finger auf seine Liebe zur Musik. "Hamlet" ist für ihn ein vorläufiger Höhepunkt: "Die fünf Songs haben mir den Zugang zur Figur erleichtert. Denn Musik dockt schnell an. Es ging nicht darum, dass es wie Woods of Birnam klingt, es sollte wie Hamlet klingen." Deshalb ein komplettes plus ein seziertes Shakespeare-Sonett ("Daylight" und "Rememberance"), deshalb Originaltext ("The Mouse Trap") und zwei eigene Stücke. Friedel: "Eine Rockband als solche hat Kraft, die wir uns als Schauspieler erst erarbeiten müssen." Peter Thiessen ergänzt: "Wenn ich ins Theater gehe, und eine Band steht live auf der Bühne, habe ich sofort Lust zu tanzen. Das wäre zwar doof, aber zumindest, dass ich mir die Situation denken kann, finde ich spannend. Wenn ich mich in einem Konzert bücke und einen Schluck Bier trinke, hat das keine weitere Bedeutung. Im Theater aber bekommt tendenziell jede Bewegung eine symbolische Aufladung. Das ist nur begrenzt kontrollierbar und deshalb spannend."

Jacqueline Krause-Blouin lehnt sich weit heraus, wenn sie sagt: "Der perfekte Songwriter wäre für mich ein Schauspieler, denn der hat automatisch den Hang zum Inhalt, zur Dramaturgie und zur Performance." Genau das wird wohl auch für Christian Friedel die Herausforderung der kommenden Jahre werden. Mehr Zeit jedenfalls will er sich für das persönliche und kollektive Songschreiben ab Sommer 2013 nehmen, wenn er nur noch als Gast fürs Staatsschauspiel tätig sein wird. Woods of Birnam arbeiten bald an ihrem CD-Debüt. Das Release-Konzert des Vorreiters im Kleinen Haus war, logischerweise, in Teilen ganz "Hamlet". Trotzdem zeigte sich eine Band auf dem Weg - schon mit neuem Material und aufbereitetem alten. Das mit der Punk-Attitüde werden Christian Friedel, Ludwig Bauer, Uwe Pasora, Philipp Makolis und Christian Grochau schnell lassen, angstfrei werfen sie sich eher der großen Geste an die Brust, einem Pop, der Volumen atmet und Wucht und in dem Friedel in einem hörbar eingespielten "Polarkreis" aufgeht: "Nur Musiker zu sein, das Aufgeladene der Theatersituation zu vergessen, ist für mich Neuland." Er muss Hamlet loswerden können. Vielleicht gelingt Woods of Birnam eine ähnliche Offenbarung wie den dänischen I Got You On Tape, die mühelos ihren Stadion-Pop auf Clubmaße eindampfen können, ohne Wirkung zu verlieren. Denn so luxuriös wie am Freitagabend mit perfektem Licht, vorteilhaftem Ton und Frühlingsbäumchen auf der Bühne wird es im Alltag nicht zugehen können.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.04.2013

Andreas Körner

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