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Wolfgang Engels Inszenierung von Karl Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit“ im Schauspielhaus endet mit einer Unterforderung

Wolfgang Engels Inszenierung von Karl Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit“ im Schauspielhaus endet mit einer Unterforderung

Das Theaterfinale war fragwürdig.Fünf Akte lang, für jedes Kriegsjahr eins, hetzt Autor Karl Kraus in rund 220 Szenen hin zu einem Ende von Wagner-Ausmaßen. Der vom Krieg an sich selbst besoffenen Menschheit lässt er durch eine „Stimme von oben“ (einen Marsianer) das Schlussurteil sprechen, die natürlich göttliche Ausmaße hat.

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Auch das Licht tendiert irgendwann ins Blutrote: Sebastian Wendelin, Martin Reik, Ina Piontek, Hannelore Koch (v.l.).

Quelle: David BaltzerStaatsschauspiel PR

Das Theaterfinale war fragwürdig.

Fünf Akte lang, für jedes Kriegsjahr eins, hetzt Autor Karl Kraus in rund 220 Szenen hin zu einem Ende von Wagner-Ausmaßen. Der vom Krieg an sich selbst besoffenen Menschheit lässt er durch eine „Stimme von oben“ (einen Marsianer) das Schlussurteil sprechen, die natürlich göttliche Ausmaße hat. Das funktionierte damals, nach Ende des Ersten Weltkrieges. Wie fern sich dieser Schlussakkord dagegen von heutiger Rezipientenposition anfühlt, war am Sonnabend im Schauspielhaus zu erleben, wo Regisseur Wolfgang Engel jenen Epilog ausspielen ließ, ganz in Weiß gewandet, dabei selbst die pathetischen Kraus-Verse rezitierend – ein einziger erhobener Zeigefinger. Warum das heute auf diesem Weg nicht mehr funktioniert? Es unterfordert das Publikum.

Zuvor sind gut dreieinhalb Stunden Theater vergangen. In denen der ganze Kraus’sche Furor oft angemessen tobte, der schon in den ersten Zeilen seines Werks wissen ließ: „Die Mitwelt, die geduldet hat, daß die Dinge geschehen, die hier aufgeschrieben sind, stelle das Recht, zu lachen, hinter die Pflicht, zu weinen.“ Kraus’ großartige Montage, mit reichlich Zitaten versetzt, die ihm die Zeitungen damals im Übermaß zuspielten, hat Engel auf eine 90-Seiten-Fassung reduziert, wie er im DNN-Interview kurz vor der Premiere sagte. Dramaturgisch gesehen macht er aus diesem szenarischen Zettelkasten das Beste, indem er das Collageartige belässt.

Wo Johann Kresnik Ende der neunziger Jahre aus Kraus eine Bildgewalt extrahierte, die er dazu noch in einem ehemaligen U-Boot-Bunker bei Bremen spielen ließ, setzt Engel heute auf das Wort. Die Klammer für Dialoge, Personage, Spielszenen gewährt das Bühnenbild (Esther Bialas). Neun Schauspieler tummeln sich in einer Bunkersituation, in einer Art Turnhalle, die einem Evakuierungsraum im Fall moderner Naturkatastrophen ähnelt. Die Katastrophe, vor deren Schablone hier agiert wird, bleibt aber natürlich (sic!) von Menschen gemacht.

Es ist bei Kraus schon ein Aufräumen mit dem Heldentod, mit dessen patriotischer Überhöhung. Aus Gründen historischer Hygiene wird heute der Begriff Heldentod in unseren Breiten nicht mehr verwendet. Absurderweise ist seine pathetische Überhöhung aber geblieben. Was auch einiges über die Geschwindigkeit aussagt, mit der der Fortschritt der Aufklärung durch die Gesellschaft und durch ein Jahrhundert schleicht. Arm das Land, das Helden braucht. Ein Satz, an dem sich nichts geändert hat.

Es sei zu fürchten, heißt es bei Kraus, dass „das Schlechte hinter vorgeschobenen Idealen fett wird – und am Opfer wächst“. So ist der Stand der Dinge immer noch vielerorts. „Sich der Verbrechen rühmen, die man anderen vorwirft“, ist anderswo zu hören. Wer da meint, Kraus sei überholt worden von der Zeit, irrt. Die Parallelen ins Heute muss aber jeder für sich herstellen, Engel bleibt auf der Bühne gänzlich bei dem Geschehen des Ersten Weltkrieges.

Lufthoheit des Geistes bei Kraus

Der Regisseur lässt seine Darsteller in Dutzende Figuren schlüpfen (Kraus schuf im Text mehr als 500). Den Auftakt bildet texttreu das Attentat von Sarajevo und dessen mediale Verbreitung in den Straßen Wiens. Die kruden Bewohner von Kraus’ Zeilen bleiben trotz Kürzung als Extrakt bestens erhalten: der Generalstab, wo niemand fällt, „außer, wenn wir b’soffen sind“; Wilhelm II. als Karikatur seiner selbst, auf dem Pauschenpferd statt auf dem hohen Ross; die Predigten der Frontgeistlichen, die den Krieg als „Gottesgericht und Gottesurteil“ überhöhen; das immer wieder auftauchende Pärchen aus Nörgler (Ahmad Mesgarha), ein Kraus-Alter-Ego, und Optimist (Matthias Reichwald); die Kriegsberichterstatterin Alice Schalek (Christine Hoppe), übermannt vom Erlebnis der Frontnähe, mit einem Loblied auf Befehle und deren Erhabenheit auf den Lippen (später wird sie sich schnöde aufknüpfen); Frau Kommerzienrat Wahnschaffe (als Walküre: Hannelore Koch), die bedauert, dass der eigene Sohn noch nicht alt genug fürs Feld und somit (mindestens) den Heldentod ist; der Viktualienhändler Vinzenz Chramosta (Sebastian Wendelin), Steuerzahler, Kriegsanleihezeichner und Preistreiber. Kraus’ Kosmos besticht durch seine schiere Unerschöpflichkeit, und Engel bedient sich reichlich. Getragen wird alles ebenso musikalisch. Die Lieder, 20 weist das Programmheft aus, sind von Thomas Hertel arrangiert. Ihre Zusammenstellung mit dem Szenischen stärkt den Collagencharakter einerseits, bildet aber auch Brücken, die die Einzelteile verbinden, zu einem Panorama werden lassen.

Kraus’ Text gilt als stärkstes Lesedrama des 20. Jahrhunderts. Der Autor hieb nach allen Seiten: gegen Armee, Medien, Patriotismus, Nationalismus, falsche Ideale, die Verlogenheit in Kriegszeiten – und gegen unendlich viel mehr. Sein Antrieb war der Zorn, seine Waffe die von ihm gegründete Zeitschrift „Die Fackel“. Mit Blick auf den Krieg äußerte der Österreicher einst, er würde, hätte er nur einen Tag lang den Befehl, die Linien nach hinten verlegen lassen und dort jene bombardieren, die sich am Krieg delektieren, weil er ihnen Gewinn bringt. Kraus setzte auf die Lufthoheit des Geistes. Im Text der „Letzten Tage der Menschheit“ klagt der Optimist, zwei fleischlose Tage pro Woche ertragen zu müssen. Der Nörgler entgegnet: Sieben geistlose seien wesentlich schlimmer.

Finale hinterlässt Ratlosigkeit

Drei Stunden lang ist diese lose Szenenfolge im Theater eine Steigerung, deren Beschleunigung nach der Pause zulegt, getragen von neun hervorragenden Schauspielern, denen später sehr verdient die Ovationen des Publikums gelten. Die letzten dreißig Minuten aber hinterlassen eine gewisse Ratlosigkeit. Nachdem sich das Bühnenbild wie eine angestochene Blase öffnet und plötzlich Kunstwerke wie aus einem Depot in die Turnhalle geschoben werden (Was, Gurlitt auch noch?, dachte ich), die sich daraufhin zur Fronttheaterbühne wandelt, wird die Szene zu einem im Blut ersäuften Endzeit-Cabaret, final gekrönt von Wolfgang Engels eingangs erwähntem Auftritt. Als der Vorhang fällt, dominiert Erleichterung. In den Beifall mischen sich von Anfang an Buh-Rufe für den Regisseur, der die letzten Bühnen-Minuten des Stücks nicht vom Pathos eines Kraus befreit, sondern darin untergehen lässt.

Nun bleibt abzuwarten, was anderswo in diesem Jahr zum Gedenken an den Kriegsbeginn vor 100 Jahren für Kraus-Versionen auf die Bühne kommen, besonders in seiner Heimat. Das Volkstheater Wien plant eine Fassung, die Salzburger Festspiele wagen ihrerseits eine Kooperation mit dem Burgtheater. Kraus hatte schon 1933 an „Die dritte Walpurgisnacht“ gearbeitet, eine Bestandsaufnahme der gerade begonnen Nazi-Herrschaft. Drei Jahre später starb er, das Werk erschien erst 1952. Was wäre ihm aus der Feder geflossen, wenn er den nächsten Weltkrieg auch noch miterlebt hätte? Seine Zweifel an der Welt wären mit Sicherheit noch größer geworden. Angesichts von „Die letzten Tage der Menschheit“ kaum vorstellbar.

Torsten Klaus

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