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Wolfgang Engel inszenierte Bulgakows "Der Meister und Margarita" im Dresdner Schauspielhaus

Wolfgang Engel inszenierte Bulgakows "Der Meister und Margarita" im Dresdner Schauspielhaus

Anders als im Roman beginnt die Geschichte auf der Bühne des Dresdner Schauspielhauses mit der ersten Begegnung zwischen dem Meister und Margarita und endet mit beider Tod.

Die Dramaturgie mit dem Prolog ist eine Referenz an den 2009 gestorbenen Dresdner Dichter Heinz Czechowski, dessen Bühnenfassung Ende der 80er Jahre in Leipzig aufgeführt wurde. Bereits 1985, zur Dresdner Zeit von Regisseur Wolfgang Engel, gab es im Schicht-Theater in Reick eine Inszenierung der Bearbeitung von Bernd Rump, der auch eigenen Lieder und Dialoge einbrachte, während die nunmehr zu besichtigende Fassung von Felicitas Zürcher bei fast ebenso verknappter Personage recht genau die Buchübersetzung von Thomas Reschke zitiert. Die straff geführte und über weite Strecken sehr sinnliche, am Ende mit Trampeln und Bravorufen gefeierte Inszenierung changiert zwischen dialogischem Spiel und epischer, kommentierender Erzählung, ohne dass dadurch die Spannung abfällt. Unversehens wenden sich die Darsteller auch ganz direkt an den Zuschauer.

Der Roman handelt von Wahrheiten, für die es keiner Begründung bedarf und von solchen, die der Menschheit seit langem zugänglich und vertraut sind, nach denen sie sich aber dennoch und trotz aller (vorgeblichen) Anstrengungen nicht zu richten vermag.

Die seinerzeit aktuelle Auseinandersetzung innerhalb des "realen Sozialismus", das Schwanken zwischen Hoffnung und Existenzangst, zwischen Rebellion und Anpassung in einem scheinbar übermächtigen und starren System wird zu einer historisch fundierten, aber doch gelegentlich fast zeitlos wirkenden Folie, zumal Engel folkloristische Zitate sparsam benutzt, ohne sie je bis ins naturalistisch Milieuhafte auszumalen. Dennoch kontrastiert die bunte Truppe des die große Stadt Moskau heimsuchenden Satans gehörig vor Olaf Altmanns monumental schlichtem, aus grauen verschiebbaren Wänden gefügten und sich ständig verwandelnden Bühnenraum. Es ist eine richtige schräge Straßenkapelle, die sich sogar an Schostakowitsch heranwagt, in der Messere Voland (Matthias Reichwald) das Klavier traktiert, die Hexe Gella (Picco von Groote) trommelt, aber vor allen Kater Behemoth (Stefko Hanushevsky) an der Trompete bzw. Tuba brilliert. Der Chef gibt sich beiläufig, nur leicht ironisch, seriös forschend, betreibt Understatement, seine Bande erhält wenig Gelegenheit, Ränke und Machtspiele auszuleben.

Beschränkt bleibt die Zahl ihrer üblen Zaubereien, mit denen sie ja schließlich die große Stadt in Rausch und Schrecken, etliche ihrer Bewohner in den Wahnsinn treiben wird. Das dient der Konzentration auf Höhepunkte bzw. das Wesentliche, und für den Lyriker Iwan Besdomny (Thomas Braungardt) reicht die Dosis allemal. Eben hat er noch forsch die Möglichkeit jeglicher Wunder bestritten, schon wird er Zeuge eines bis ins Detail angekündigten Todes, sieht den von einer Straßenbahn abgetrennten Kopf des Redakteurs Berlioz (misstrauisch und rechthaberisch: Thomas Eisen) rollen.

In der Folge scheitert er vor allem, weil er nicht für sich behalten kann, was nach offizieller Auffassung weder sein konnte noch durfte. Insofern wird Jeschua als Braungardts zweite Rolle zum plausiblen Pendant, denn auch der Wanderprediger will und kann nicht schweigen. Mit seiner Überzeugung und seiner Haltung wird er zur personifizierten Provokation jeglicher Macht, er erklärt sie für überflüssig.

Natürlich ist da der Konflikt, in dem Bulgakow lebte, der Grundwiderspruch des Systems, das die Macht abschaffen wollte, in Wahrheit aber zu ihrer paranoiden Verabsolutierung führte. Volands teuflisches Varieté jedoch, in dem die Zuschauer gierig nach von der Decke rieselnden Geldscheinen grapschen und sich in allzu flüchtige neue Kleider hüllen, es funktioniert auch hier, wo Nonsens den Glanz von ein paar netten Tricks erhöht, aber kaum Dämonie oder Übersinnlichkeit knistert. Natürlich nur im Prinzip, denn das literaturbewanderte Publikum bleibt gesittet, und angesichts der Außentemperaturen widerstanden offenbar auch potentielle Provokateure der Versuchung, nach Ende der Vorstellung nackt über den Postplatz zu laufen.

Aber es geht ja um deren Nachbarn, die ganz "normalen" Bürger, und genau so sind auch die Figuren angelegt, die hier in gruseliger Folgerichtigkeit zu Zimmernachbarn in der Irrenanstalt werden: Iwan Besdomny und der Meister, die sich beide mit der biblischen Passionsgeschichte auseinandergesetzt haben, der eine in der Absicht satirischer Bloßstellung, der andere mit allem Ernst und entgegen den "Zeichen der Zeit". Benjamin Höppner spielt den Romanautor als gar nicht faustischen, eher lapidar biederen Typ von etwas naiver Geradheit, leicht depressiv, zum Opportunisten untauglich. (Die autobiografischen Bezüge bei Bulgakow verzeichnet das Programmheft hinreichend genau.) Engel betont einen Anti-Faust, zumal es ja Margarita (Nele Rosetz) ist, die hier, wenngleich Gretchens "Mein Ruh ist hin..." im Munde führend, den Pakt mit dem Teufel schließt, der dem Paar den einzigen, wenngleich ins Übersinnliche führenden Ausweg aus der irdischen Misere weist. Sie ist eine eigensinnig starke, wenn auch bald etwas verhärmt wirkende Frau, der es dann nicht ganz leicht fällt, als aufregend schrille Hexe davonzufliegen.

Spätestens hier wird man gewahr, dass Engel den Geistern, die er da beschwor, nicht über den Weg traut; denn nur zu leicht schießt es sich heute mit ihnen über das Ziel einer Befreiung des Denkens hinaus. Sein Satan kommt beinahe zu seriös und menschlich daher, es braucht den lange und leidenschaftlich mit Margarita getanzten, von Thomas Hertel (Musik) noch gefährlich verfremdeten Walzer, um die unüberwindliche Schranke zwischen beiden zu zeigen.

Doch eine Botschaft bleibt Voland schuldig. Anders als bei Bulgakow scheint seine am Ende positive (Ersatz-)Rolle gebrochen, indem Reichwald die Figur zunehmend mit der des Pontius Pilatus verschmilzen lässt, was noch dazu den Prokurator von seinen Skrupeln befreit und das wichtige Grundmotiv der Feigheit als größtem Laster etwas verblassen lässt. Iwan Besdomnys Perspektive als des Meisters Schüler - nüchternes Fazit oder ironischer Unterton - ist gekappt.

Dabei trifft es durchaus Bulgakows Ton, dass sich die Inszenierung nicht zu vordergründig intellektuell oder philosophisch gibt, sondern auf nachvollziehbare Handlung, klare Struktur und populäre Unterhaltungswerte setzt. Mag sich das auch hier und da auf illustrierend frivole (Gella) oder bösartige (Dominik Schiefner als Asasello) Präsenz beschränken, Sascha Göpel als dummdreist eitler Conferérencier oder Stör im zweiten Frischegrad handelnden Kantinenwirt, der in jedweder Rolle hellhörig "funktionierende" Thomas Eisen und erst recht die irre komische Vera Irrgang mit ihren lebensnahen Parodien - als Redaktionssekretärin, Hausverwalterin, Oberschwester und Hausmädchen - bieten Anstoß genug, dass die Teufelsbande in Fahrt kommt. Schwer zu übertreffen Philipp Lux, der zwar seine Überlänge pantomimisch-parodistisch noch überhöht, aber dank durchdringender sprachlicher Stringenz nie Gefahr läuft, ins Lächerliche zu fallen, ein Feld, das wenigstens Kater Behemot gelegentlich betreten darf, so dass auch ein ganz naives Gaudium zu seinem Recht kommt.

Ob die Inszenierung die kühn prophezeiten 900 Vorstellungen (die, ebenfalls nach Aussage Korowjews, den Intendanten 900 mal 50 = 45 000 Euro kosten würden), bleibt abzuwarten, aber dass das Theater damit wieder ein bisschen reicher geworden ist, scheint sicher.

Nächste Aufführungen am heutigen Montag und am 21. Februar

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.02.2012

Tomas Petzold

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