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Wolf Biermann, der ewig Ausgebürgerte, im Schauspielhaus Dresden

Wolf Biermann, der ewig Ausgebürgerte, im Schauspielhaus Dresden

Dienstagabend, kurz nach halb acht auf der Bühne des Schauspielhauses. Kommt Ikarus eingeflogen? Nein, man erinnert sich - dem Ikarus sind doch die Schwingen verbrannt, als er vor gut 35 Jahren eigentlich nur der IG Metall in Köln ein Ständchen bringen wollte.

Wolf Biermann aber, der ewig Ausgebürgerte, ist immer noch unterwegs und weiß ein Publikum zu begeistern, auch wenn dies nicht so zahlreich erschienen ist wie vor gut einem Jahr zur Lesung von Christa Wolf an gleicher Stelle. Vielleicht ist von den kleineren Schlammschlachten mit den Honeckers und Havemanns doch zu viel am Singvogel kleben geblieben, aber das schlägt ihm nicht auf die gute Laune.

Ein neues Fluggerät hat sich Ikarus gebastelt - "Fliegen mit fremden Federn" ist das mehr als 500 Seiten starke Kompendium betitelt, für das Biermann auf seiner aktuellen Tournee die Werbetrommel rührt, es enthält (fast) alle Nachdichtungen und Adaptionen, die der Liedermacher in 50 Jahren gesammelt hat. Anspruch auf Vollständigkeit gibt es nicht, zur Not hilft der Dichter aber am Signiertisch selbst mit Klebestift aus, um dem Buch allerneuestes Material anzufügen. Wo derart hingebungsvoll am vollständigen Œuvre gebastelt wird, dürfte auch das Bekenntnis zur eigenen Schludrigkeit eher Koketterie sein - die Anthologie sei immer wieder aufgeschoben worden, aber dann "hat's meine Frau in die Hand genommen."

Geliefert wird im Konzert ein Sammelsurium im engeren Wortsinn, wie Oberlehrer Wolf lächelnd mit erhobenem Zeigefinger doziert - der Ausdruck sei aus dem Norddeutschen abgeleitet, vom Verzehr sauer gekochter Reste, "und ich mag Saures!" Bitter wird es im Lauf des Abends allerdings nicht: Beim Blick in die Übersetzerwerkstatt gibt Wolf Biermann das gut gelaunte Schmunzelmonster, das den Göttern im Dichterolymp auf Augenhöhe begegnen darf. So wird u.a. das kommunistische Element bei Shakespeare herausgearbeitet ("Der war schon im Elisabethanischen Zeitalter klüger als die Genossen."), der frühe Bob Dylan von Biermann nach eigener Aussage wesentlich verbessert ("Darf man das? Klar, wenn man's kann!"), und obendrein anschaulich erklärt, warum der Musenkuss auch schweinische Verse ermöglicht. Die eigene Maßgabe, der kraftvollen Schweinigelei den Vorzug vor der schlüpfrigen Zote zu gewähren, wird dabei nicht immer erfüllt - eine Harry-Belafonte-Nachdichtung klingt nach der gutbürgerlichen Variante von Mike Krügers "Der Nippel".

Zuguterletzt gibt's den persönlichen Schulterschluss mit dem unübertroffenen Lumpen François Villon, von dem Biermann Verse und Anekdoten im Gepäck führt. An solchen Stellen wird deutlich, wieso das Programm gut in die Vorweihnachtszeit passt, denn Biermann schwingt nicht nur die Gitarre, sondern auch das Weihrauchfässchen in der Hand, zur großzügigen Selbstbesprenkelung. Trefflich unterhaltsam und selbstironisch ist er natürlich - und gefällt sich in seiner Rolle als lebendes Anschauungsobjekt der Zeitgeschichte. Im Drei-Minuten-Takt werden Sätze mit Verweis auf "mein Kölner Konzert" (gerade auf DVD erschienen) oder "als ich verboten war" eingeleitet - Ruhe jetzt, Opa Wolf erzählt vom Kalten Krieg! Doch wenn man die Augen schließt und ihm lauscht, wie er all die liederlichen Lieder-Legenden in eigener Übertragung deklamiert, die Nils Ferlins und Bulat Okudžavas, wie er einen spröden Akkord in seine dauerverstimmte Gitarre rotzt, wie er das Brecht-Universum bereist, in dem sich "Kittchen" auf "Flittchen" und "Pritschen" reimt, da erlebt man wirklich einen Könner bei der Arbeit. Vieles davon trägt den Anstrich der Nostalgie - die als Zugabe dargebotene Ballade vom preußischen Ikarus steht kurz vor ihrer Überführung in den Schunkelkosmos, und zum einstigen Protestlied "Soldat Soldat" gibt's lediglich die Bemerkung, der Titel klinge in tschechischer Übertragung nach Schwejk.

Vielleicht ist die allgemeine Versöhnlichkeit eine Lehre aus Jahrzehnten politischen Liederschaffens. Von Jean-Baptiste Clément, dem Barden der Pariser Kommune, habe ja auch keine Revoluzzer-Ballade überlebt. Das Lied von den Süßkirschen aber, so Biermann, das kenne heute noch jeder Franzose. Also mitsingen. "Mir bleibt ja auch nichts weiter Ulbricht", sagt er schulterzuckend. Und greift zur Gitarre. Wieland Schwanebeck

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.12.2011

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