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Wofür lebt der Mensch Das Trauerspiel um die Landesbühnen Sachsen im Rückblick

Wofür lebt der Mensch Das Trauerspiel um die Landesbühnen Sachsen im Rückblick

Für einen Autor, der ein wichtiges journalistisches Betätigungsfeld an der Schnittstelle zwischen Politik und Kunst gefunden hat, kann die Frage nach dem herausragenden Ereignis der ablaufenden Saison nur negativ konnotiert sein.

Das herausragende Ereignis

Das Trauerspiel um die Landesbühnen Sachsen, das am 1. August formal seinen Abschluss findet, drängt sich sofort in den Vordergrund. Nach dem Haushaltbeschluss von CDU und FDP Ende 2010 wird die Bühne bekanntlich privatisiert bzw. kommunalisiert, das Orchester "outgesourct". Die für den Freistaat erzielbaren Einsparungen von etwa 3 Millionen Euro - wenn sie denn so eintreten - stehen in keinem Verhältnis zum angerichteten Schaden, insbesondere die Konzerttätigkeit der Neuen Elbland Philharmonie betreffend. Gefragt sind dann die genialen Mangelverwalter wie der neue Landesbühnen-Intendant Manuel Schöbel, die aus dem Scherbenhaufen noch etwas Ansprechendes zu kitten vermögen.

Kein Einzelfall. Die vermeintliche Provinz trifft es mit existenzgefährdenden Kürzungen noch härter, eine Bezeichnung, die sich angesichts der Qualität von Bühnen und Orchestern in den Kulturräumen eigentlich verbietet. Steht man etwa in Görlitz vor dem herrlichen Theater, fragt man sich, wohin jener Bürgergeist entschwunden ist, aus dem heraus sie einst entstanden? Wofür lebt der Mensch? Um aus Geld immer mehr Geld zu machen und dann zu sterben oder um letztlich zu spielen, wie nicht nur Schiller meinte? Stattdessen grassiert der ökonomistische Ungeist der "Kulturinfarkt"-Autoren, die solche ineffizienten tradierten Kultureinrichtungen am liebsten schließen würden. Mein privat ganz erfolgreich bekämpfter Kulturpessimismus hat mit Blick auf die "große" und doch so kleingeistige Politik in den vergangenen beiden Jahren einen heftigen Schub erhalten. Das gilt auch für das entscheidende politische Personal. Generalisten wie ein Helmut Schmidt mit seinen Klavierkonzert-Einspielungen sterben aus.

Überraschendster Künstler

Dresden ist da in einer vergleichsweise privilegierten Situation. So entsprechen die Überraschungen eigentlich den erfüllten Erwartungen. Zuerst bei den mir am nächsten stehenden Bühnen der Stadt. An der dritten Saison des Wilfried-Schulz-Teams am Staatsschauspiel beeindruckten weniger die sensationellen Besucherzah- len als die anhaltende Vielfalt und Qualität der Aufführungen. Nur ein bisschen mehr Mut zum Risiko würde ich mir angesichts dieser soliden Akzeptanz durch das Publikum wünschen. Das zum zweiten Mal nach Dresden vergebene Festival "Politik im Freien Theater" brachte im weitesten und exotischen Sinn Welt-Niveau nach Dresden. Auch das TJG vernetzt sich zunehmend international. Freuen muss man sich unbedingt über das Dach auf der St.-Pauli-Ruine. Und wer lange genug mit Hellerau gebangt hat, muss sich über die endlich verstärkte Resonanz der Dresdner Talbewohner freuen.

Auch die beiden Vogler-Musikfestivals fallen unter die Kategorie "Erwartete Überraschungen". Mehr als Auftritte von geradezu außerirdischen Wunderkindern wie Jan Lisiecki am Flügel bedeuten mir bei den Musikfestspielen die direkten Vergleiche verschiedener Orchesterkulturen.

Enttäuschte Erwartungen

Zu den Erfreulichkeiten zählt auch die hinzugewonnene Literatur-Veranstaltungsetage in der Villa Augustin am Albertplatz. Aber da ist man schnell bei einem ambivalenten Thema. Zu den überflüssigsten Auseinandersetzungen im vergangenen Jahr zählte die um ein Literaturhaus nach dem Vorbild anderer Großstädte. Inzwischen nennt sich das bisherige Literaturbüro in der Villa kurzerhand so. Engagierte Autoren und Veranstalter sollten ihre Eitelkeiten ruhen lassen und die erbärmliche Literaturförderung in Dresden nicht noch weiter zersplittern.

Alle bemühten Einsichten um das real noch Mögliche können auch eine leise Enttäuschung nach der späten Kulturpalast-Umbauentscheidung nicht unterdrücken. Die so genannte Heitere Muse geht mich wenig an, aber der Kulturpalast wird künftig ein anderes Haus sein, und das Konzerthaus-Projekt ist endgültig passé. Wie auf so vielen anderen Gebieten auch erwies sich das Rathaus als unfähig, schon in den Neunzigern Ressourcen vernünftig zu planen und rechtzeitig Weichen zu stellen.

Worauf ist die Vorfreude groß?

Nicht auszuhalten, wenn der Stadtratsbeschluss vom April dieses Jahres zum Kulturkraftwerk auch alle weiteren Anfechtungen übersteht und wir bald erste Umbau-Aktivitäten sehen! An der bevorstehenden 100.

Jubiläums-Spielzeit des Staatsschauspiels kommt man emotional gar nicht vorbei. Und schon für den November haben einige buchfreundliche Marketing-Experten Dresdens erste Literaturmesse "Schriftgut" vorbereitet.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.07.2012

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