Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 18 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Wo Moderne und Tradition fruchtbar zusammentreffen - Zu Hause bei Sophia-Therese Schmidt-Kühl und Eckehardt Schmidt

Wo Moderne und Tradition fruchtbar zusammentreffen - Zu Hause bei Sophia-Therese Schmidt-Kühl und Eckehardt Schmidt

Unser Besuch führt in die Nordstraße, in eines der erhaltenen Dresdner  Villenviertel der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die repräsentative Architektur mit den dazugehörigen Gartenanlagen zeugt noch immer vom Lebensgefühl und vom Bürgerstolz dieser Zeit rasanter Entwicklungen.

Von Jördis Lademann

Das Preußische Viertel zwischen Äußerer Neustadt und Waldschlößchenviertel, das um 1860 entstand, ist heute wegen seiner ruhigen, doch zentralen Lage ein geschätztes Wohngebiet.

Hier fand Familie Schmidt ihr neues Domizil, nachdem die Galerieräume in der Zittauer Straße wegen Rückübertragungsansprüchen gekündigt wurden. Doch bevor diese Entscheidung fiel, galt es Vieles zu bedenken. Die traditionsreiche Kunsthandlung, 1924 von Heinrich Kühl (1886-1965) gegründet, war seit 1945 dort im Viertel beheimatet und gilt heute als die einzige Privatgalerie im Osten Deutschlands, die auch durch die Jahrzehnte der DDR und die Wirren der Wendezeit kontinuierlich weitergeführt wurde. Von 1965 bis 1994 lenkte Johannes Kühl (1922-1994) die Geschicke der Galerie weiterhin im 1. Obergeschoss des Hauses Zittauer Str. 12. Mit seinem plötzlichen Tod war das Familienunternehmen unvermittelt in die Hände von Tochter Sophia-Therese gekommen. Doch dieses Erbe bedeutete für sie nicht nur Vertrauen und Anerkennung durch den Vater, sondern vor allem Verantwortung und Verpflichtung einschließlich der Änderung ihres bisherigen Lebensplanes. Sie hatte sich eben als Restauratorin beruflich selbstständig gemacht, als sie sich entschloss, nicht nur die letzte noch von Johannes Kühl konzipierte Ausstellung zu eröffnen, sondern den Galeriebetrieb nahezu ohne Unterbrechung selbstständig weiterzuführen.

Wenig später ging auch ihr Mann den Schritt in die Selbstständigkeit. Nur so konnten die vielfältigen Aufgaben flexibel gelöst werden. Die Familie war jung, hatte zwei Kinder, ein drittes war unterwegs. Beide hatten Erfahrungen mit der Arbeit auf dem Bau und wussten, was Sanierung und Umverlegung von Wohnung und Geschäften bedeuten würden.

Heute können sie lächeln, wenn sie an den Kraftakt vor dreizehn Jahren denken. Wir sitzen - nach der Begrüßung im familiären Wohnbereich im Obergeschoss des Hauses - bald in der großzügigen Wohnküche. Sie ist, wie in vielen modernen Haushalten, das heimliche Herzstück des Hauses. Hier kommt Kaffeeduft auf, Mahlitzscher Landmilch steht auf dem Tisch, und von der Tochter gebackene Plätzchen liegen auf einem Blech. Der Pulsschlag des Familienlebens ist spürbar. Zwischen Wohnbereich und Küche gibt es keine Tür. Eckehardt Schmidt hat, wie an anderen Stellen des Hauses, mit Wanddurchbrüchen für Weite gesorgt, für Öffnung statt Abschottung. Die Räume kommunizieren miteinander, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Einladend steht mitten in der Küche ein großer rechteckiger Tisch mit gedrechselten Beinen - alt, solide, aber sauber aufgearbeitet. "Man kann ihn auf beiden Seiten zweifach ausziehen! Als Kind habe ich Tischtennis daran gespielt", erzählt die Hausherrin. Die unverzichtbare Funktionszeile mit Kühlschrank, Spüle, Herd fügt sich mit ihrer schlichten hölzernen Front passgenau an eine Seitenwand, teilweise verborgen hinter einem multifunktionalen, transportablen Raumteiler. Davor eine Biedermeieranrichte mit Adventsstrauß. Gleich fällt auch das Klavier ins Auge, das den Platz zwischen zwei hohen Fenstern einnimmt, schräg gegenüber ein schnörkelloser Kaminofen und ein Buffet aus hellem Birkenholz. Klar strukturiert, sparsam möbliert, liebevoll dekoriert - dieses Prinzip, das in der gut überschaubaren Küche gilt, zieht sich durch das ganze Haus.

Eckehardt Schmidt legt Wert darauf, den Brückenschlag von der historischen Bausubstanz zur heutigen Funktion der Villa als zeitgemäßer Lebensraum sichtbar und erlebbar zu machen. "Wir leben in der Gegenwart", meint er. Das besondere, nicht zuletzt auch ideelle Erbe der legendären Kunstausstellung Kühl fasst er als Ansporn auf, sich dem "Weiterbauen" am Überkommenen mit Respekt aber auch aus zeitgenössischer Position und mit Selbstbewusstsein zu widmen. Darin sieht er die Fortsetzung ererbter Tradition. Charakteristische, stadtbildprägende Altbausubstanz, einschließlich energetischer Aspekte zu sanieren, zählt zu den wesentlichen Referenzpunkten der Firma eckehardt schmidt architekten. Gerade deshalb hinterfragt er die momentan nicht nur in Dresden zu beobachtende Tendenz historisierenden Bauens. Er sucht nach den Ursachen und überlegt, wie moderne Städte aussehen könnten, und woran es zeitgenössischer Architektur offenbar mangelt, da sich eine so starke formale Rückwärtsorientierung entwickeln konnte, während zugleich die funktionalen Standards des technischen Fortschritts als unverzichtbar angesehen werden. Es sind Fragen, über die Eckehardt Schmidt oft auch mit Kollegen im Verein Zeitgenossen diskutiert, einer Initiative für zeitgenössische Baukultur in der sächsischen Landeshauptstadt. Schmidt sieht die Architekten heute mehr denn je als Universalisten gefordert. Sie müssen alle Funktionalitäten, einschließlich zu erwartender Kosten, in ihre Planungen einzubeziehen und das Gleichgewicht zwischen Funktionalität, Wirtschaftlichkeit, sozialer und ökologischer Umwelteinbindung eines Bauwerks wie auch dessen Eigenschaft als individuelle gestalterische Leistung, zeitlich und räumlich beständig neu justieren.

Es war diese universelle Orientierung in unserer extrem spezialisierten Gesellschaft, die Eckehardt Schmidt am Architektenberuf reizte. Von Haus aus fühlte er sich durch seine Eltern, die beide Lehrer waren, durch privaten Kunst- und Musikunterricht vielseitig gefördert. Er erweiterte seine Interessen im Abendstudium an der Kunsthochschule. In den Ferien arbeitete er beispielsweise für das einstige Institut für Denkmalpflege an der Farbgestaltung des historischen Marktplatzes von Belgern. Er war bei den Anfängen der Entrümpelung des Stallhofes dabei und durfte sogar im damals zwischengenutzten Grünen Gewölbe beim Aufbau von Ausstellungen assistieren. In Erörterungen der Anthroposophie fand er zukunftsweisende Ansatzpunkte für eine ganzheitliche Lebensgestaltung. Bis heute ist er fasziniert von dem Gedanken, dass der Architekt im Idealfall vom Entwurf bis zur Schlüsselübergabe eines Projekts der entscheidende Ansprechpartner des Bauherren ist.

Das Architekturbüro befindet sich in der zweiten Etage des Hauses. Die Räume entstanden erst durch die Anhebung und den Ausbau des zuvor kaum sichtbaren, sehr flach geneigten Daches, ohne dabei den Charakter der Villa äußerlich wesentlich zu verändern. Gliederungselemente und Proportionen blieben weitgehend unbeeinträchtigt. Lediglich von dem nun zurückhaltend mit grauen Tondachziegeln gedeckten Dach ist jetzt mehr zu sehen. Es bildet einen ansprechenden oberen Gebäudeabschluss. Mit seiner sorgfältigen Wärmedämmung trägt es zu einer wesentlich verbesserten Energieeffizienz bei. Außerdem ergab sich die Möglichkeit für eine gartenseitige Terrasse mit Blick über die Stadt, in den Skulpturengarten und auf den ehemaligen Pferdestall, der mittlerweile als attraktives kleines Einfamilienhaus ebenfalls die gestalterische Handschrift von Eckehardt Schmidt trägt. Hier oben, erzählt Frau Schmidt-Kühl, genießt die Familie in der warmen Jahreszeit gern die gemeinsamen Mahlzeiten. Sie leistet sich den Luxus, für ihren Mann und die noch im Haus verbliebene Tochter selbst zu kochen. "Das ist für mich gelebte Kultur", meint sie, "eine Familienpause" während der meist langen Arbeitstage für die Galerie. Die Samstagnachmittage und die Sonntage gehören hingegen nach Möglichkeit der Familie.

Ihr Mann hat die Segelleidenschaft mit in die Ehe gebracht, und seit Jahren verbringen sie ihre schönsten Urlaube auf diese Weise. Sie verfolgen damit weder sportlichen Ehrgeiz noch Repräsentationsbedürfnis. Im Gegenteil: Sobald sie auf dem Wasser sind, empfinden sie ein Stück elementares Lebensgefühl. Abhängig von Wind, Wetter und Licht mit den Kräften der Natur von einem Punkt A nach B zu gelangen, ist ja etwas ganz anderes, als an Land. Es muss nicht immer eine Rügenumrundung oder die polnische Ostsee, es kann die Müritz, oder wie früher oft die Elbe sein - das Erlebnis, im Frühnebel die Vögel erwachen zu hören, im Abendrot die ziehenden Wolken zu beobachten, kann sie die Arbeit vergessen lassen. An einem Ufer anzukommen, sich den Stadtsilhouetten von Greifswald, Stralsund oder Wolgast zu nähern, erscheint ihnen jedes Mal wie eine spannende Entdeckungsfahrt. Wenn irgend möglich, kommen auch die Kinder mit: Johann, der in Halle-Giebichenstein Produktdesign studiert, Helen, die sich in Weimar an der Bauhausakademie der Freien Kunst zugewandt hat und natürlich Carolin, die in Dresden die Waldorfschule besucht. Wenn nach einer solch erholsamen Auszeit alle einmal wieder mit zu Hause in Dresden sind, wird der rote Küchentisch ausgefahren. Oder aber, wenn sich noch mehr Gäste angesagt haben, gibt es auch im Wohnzimmer einen runden Tisch, der ebenfalls "mehrfachst für viele Personen zu verlängern ist. Es gibt die Dachterrasse und natürlich unseren Garten. So sind wir für Besuch und größere Feierlichkeiten bei Wind und Wetter flexibel."

Sophia-Therese Schmidt-Kühl ist ih- rem Mann dankbar, dass er die Sanierung des Hauses, des Gartens und auch des kleinen Mietobjekts mit so viel Fingerspitzengefühl und Realitätssinn geleitet hat. Aber sie betont auch, dass sie damals, beim Umbau vor dreizehn Jahren, keinerlei Scheu gehabt hätte, selbst bei den praktischen Arbeiten mit zuzupacken. Schließlich hat sie in der DDR eine Lehre als Maler, Lackierer und Vergolder absolviert - in einer absoluten  Männerdomäne, wie ihr strenger Vater, davon unbeeindruckt, für sie entschieden hatte. Als "Spezialhandwerker für Farbe" arbeitete sie beim neu gegründeten VEB Denkmalpflege auf Baustellen wie Semperoper, Kügelgenhaus oder Schloss Eckberg, ehe sie an der Fachhochschule Potsdam die Restaurierung von Architekturfassungen studierte. Sie sah dies alles als eine harte, aber praktische  Lebensschule. Außerdem lernte sich das Paar auch auf einer Baustelle kennen: Sie, als einziger weiblicher Lehrling, unter einem Heizkörper liegend und streichend - er als Praktikant in Latzhose, der Steine schleppte und gelegentlich heizte-

Seit März 1999 präsentiert Sophia-Therese Schmidt-Kühl in den Galerieräumen der Nordstraße jährlich etwa sieben Personal- und Gruppenausstellungen auf über 200 m² Ausstellungsfläche: Malerei, Grafik und ausgewähltes Kunsthandwerk meist aus dem Dresdner Umfeld. Nach der Pause um den  Jahreswechsel, an dem die Familie wieder einmal unter dem Licht- und Schattenreigen der Flügel einer Erzgebirgspyramide gemeinsam musizierte, zeigt sie bis 28. Januar Stoffarbeiten und Grafik von Paul Hofmann. Junge Künstler, wie ihn, für sich und ihre Gäste zu entdecken, zu fördern, um hin und wieder sagen zu können, es ist wieder ein Bild verkauft! - das gehört zu den schönsten Momenten für eine Galeristin, wovon schließlich die ganze Familie zu Hause angesteckt wird.

Künstler, Politiker, Wissenschaftler, Sportler, Vertreter von Kirchen und Religionsgemeinschaften und weitere Persönlichkeiten öffnen den DNN wieder die Türen ihres Zuhauses. Zum zehnten Mal stellen wir interessante Menschen in einer zwölfteiligen Serie privat vor. Heute sind wir zu Gast bei Sophia-Therese Schmidt-Kühl und Eckehardt Schmidt. Sie führt in dritter Generation die älteste private Dresdner Galerie: die legendäre Kunstausstellung Kühl. Er betreibt ein Architekturbüro. Die beruflichen Arbeitsbereiche beider befinden sich seit einigen Jahren in einer charakteristischen Dresdner Villa auf der Nordstraße im Preußischen Viertel, in welcher die Familie auch wohnt. Moderne und Tradition treffen hier aufs Fruchtbarste zusammen und wirken kunstfördernd und stilbildend ins Dresdner Umland.

Sophia-Therese Schmidt-Kühl und Eckehardt Schmidt

Galeristin/Architekt

Dipl.-Ing. Eckehardt Schmidt, Architekt

1958 geboren in Dresden

1985 Abschluss Studium der Architektur an der Technischen Universität Dresden

1985-1996 Mitarbeit in verschiedenen Planungsbüros in Dresden

1991 Mitglied der Architektenkammer Sachsen

1996 selbstständig in Dresden 

Sophia-Therese Schmidt-Kühl Galeristin

1961 geboren in Dresden

1978 Lehre als Maler, Lackierer und Vergolder, parallel zu Schule und Lehre 5-jähriges Abendstudium für  Malerei und Grafik an der HfBK,    

1980 Spezialhandwerker für Farbe im VEB Denkmalpflege Dresden

1988 Abschluss Studium Restaurierung von Architekturfassungen an der Fachhochschule Potsdam

1988-1994 Arbeit als Restauratorin

1994 Übernahme der Galerie KUNSTAUSSTELLUNG KÜHL

1985, 1989, 1998 Geburt der Kinder

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.01.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr