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"Wir erreichen den Fluss" in der Semperoper - Interview mit der Regisseurin Elisabeth Stöppler

"Wir erreichen den Fluss" in der Semperoper - Interview mit der Regisseurin Elisabeth Stöppler

Zum Auftakt der neuen Spielzeit, in der Hans Werner Henze auch als Kapellkompositeur der Staatskapelle Dresden fungiert, widmet die Sächsische Staatsoper dem Komponisten einen Programmschwerpunkt, der Opern, Konzerte und eine neue Choreografie umfasst.

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Elisabeth Stöppler

Eröffnet wird die Hommage mit einer Neuinszenierung seines noch immer hochaktuellen Antikriegsdramas "Wir erreichen den Fluss". 1976 uraufgeführt, wurde das Werk, das drei Orchester auf mehreren Spielebenen und über 50 solistische Darsteller erfordert, eine bewegende Stellungnahme gegen Krieg, Fremdherrschaft und Unterdrückung. Aron Koban sprach mit der Regisseurin Elisabeth Stöppler.

Frage: Vor zwei Jahren haben Sie mit "Gisela!" schon einmal eine Henze-Oper in Dresden inszeniert...

Elisabeth Stöppler: Zwischen beiden Werken besteht ein enormer Unterschied. "Gisela!" ist eher eine verträumte Petitesse von einem alten Komponisten, der von einer jungen Liebe in Italien träumt. "Wir erreichen den Fluss" dagegen ist Henzes politischstes Werk, der Höhepunkt seiner politischen Arbeit und seines Engagements als Künstler. Man spürt den Humanisten Henze in beiden Werken deutlich, die Komplexität und Henzes emotionales Engagement ist jedoch viel größer, die musikalische Gestalt vielschichtiger in "Wir erreichen den Fluss".

In der Oper wird ein erblindender General dargestellt, der im Laufe des Stücks eine Entwicklung, durchmacht, vom Kriegstreiber zum Gewaltverweigerer. Finden Sie diese Entwicklung, diese Figur plausibel?

Ja, total. Dieser General ist am Anfang in seiner Härte, in seiner professionellen Meinung darüber, wie Krieg zu funktionieren hat und wie er selbst funktioniert, eine einzige Fassade, die nur scheitern kann. Er bricht nach der Diagnose seiner Erblindung schnell ein, wird depressiv und hat Zweifel an dem, was er getan hat. Er hat nicht mehr die Kraft, aktiv zu werden, um die Utopie einer gewaltlosen Gesellschaft voranzutreiben. Er wird von seiner Schuld begraben und flüchtet sich in die Welt des Wahnsinns. Das finde ich sehr nachvollziehbar. Niemand wird so einfach vom Militäroberhaupt zum Pazifisten. Das wäre geradezu kitschig.

Hat Henze mit dem Stück eine konkrete Utopie gezeichnet?

Ich denke, er hat davon geträumt, dass sich die Welt ändert. Aber gleichzeitig lässt er alle "positiven" Figuren im Verlauf des Stücks sterben oder scheitern. Zum Schluss ist da nur noch das Kollektiv der Toten. Und es steht ein großer Aufruf da, der sich direkt ans Publikum richtet und sagt: Ihr seid eigentlich diejenigen, die jetzt gemeint sind, die jetzt den Fluss zu überqueren haben.

Worin liegt für Sie die Brisanz des Stücks heute?

Die Frage für uns war, was Kunst an Widerstand leisten und an humanitärem Gedankengut fördern kann. Wie kann Kunst Menschen stärken, aufzustehen und sich zu widersetzen, gegen Gewalt und Krieg? Es geht in unserer ganzen konzeptionellen Anlage darum, dass in einem Opernhaus Militär und Kunst zusammentreffen und miteinander ringen. Dabei geht sehr viel kaputt, aber letztlich setzt sich durch die Musik eine Hoffnung durch, dass man gerade an diesen Orten wie eben der Semperoper in Dresden so etwas feiern muss wie Humanität und Frieden.

Eine kritische Dimension von Kunst, Bühne, Oper zu akzentuieren ...?

Henze hat in dem Stück z.B. drei Orchestergruppen gebildet, rein aus Solisten bestehend. Es gibt kein Tutti, so wie es auf der Seite der Sänger keinen Chor, kein Kollektiv gibt. Es geht wirklich darum, dass der Einzelne verantwortlich ist, dass der Einzelne musiziert wie eine Stimme, die aufsteht und sich erhebt. Die Instrumentalisten spielen auch unterschiedliche Instrumente, ein Flötist z.B. spielt auch Mundharmonika, die Hornisten und Blechbläser spielen Schlaginstrumente, der Pianist muss mehrere ganz kindliche Orff-Instrumente bedienen, und so beinhaltet das Stück auch für die Musiker eine Herausforderung, über ihre eigene Profession hinaus zu schauen, etwas auszuprobieren, sich zu engagieren.

Wie sind Sie an diese Oper herangegangen?

Henze schreibt zum Stück, dass das Geschehen so nah wie möglich an den Zuschauer herangetragen werden soll. Diese Intention haben wir noch weitergetrieben: Wir verlagern die Aktion, die Spiel- und die Orchesterfläche teilweise in den Zuschauerraum der Semperoper. Die Bühne öffnet sich im Laufe des Stücks immer weiter, der Raum wird immer größer. Es wird auch im Parkett, im ersten Rang, in der Königsloge und quer durch den Zuschauerraum auf einem Steg agiert. Der Zuschauer ist sehr direkt angesprochen. Besonders Frau Hessler hat uns extrem motiviert, den im Opernalltag sehr schwierig umsetzbaren Prozess dieser Raum- und Zuschauernähe umzusetzen und aus der komplexen Schwierigkeit dieser Anlage eine Stärke zu machen.

Und was könnte der Zuschauer dann entdecken?

Zunächst wird er akustisch ein großes Erlebnis haben, weil das Stück trotz seines komplexen und komplizierten Formats sehr warm, sehr gläsern, direkt und nachvollziehbar klingt. Es ist unsere Hoffnung, dass der Raum sich quasi zusammenzieht, dieser sehr große Raum eine Intimität bekommt, sich das Ganze verdichtet und nah an das Publikum heranrückt. Das ästhetische Konzept des Stücks fordert bewusst ein, dass man sich "bewegt". Dass man in Bewegung gerät. Das ist ungeheuer motivierend für die Sänger-Darsteller, im Spiel sehr interessant und spannend nachvollziehbar.

Wir erreichen den Fluss/We come to the River an der Semperoper: Premiere: 13. September, weitere Aufführungen: 20., 25. 26. und 29. September jeweils 19 Uhr.

geboren 1977 in Hannover, Klavier-, Schauspiel- und Musiktheaterregiestudium (u.a. bei Götz Friedrich und Peter Konwitschny)

2001 bis 2003 Stipendiatin der Akademie Musiktheater Heute

freischaffende Regisseurin, Inszenierungen u.a. an der Hamburgischen Staatsoper, am Tiroler Landestheater Innsbruck, der Staatsoper Hannover sowie an der Oper Frankfurt

n der Spielzeit 2010/11 an der Sächsischen Staatsoper Dresden Inszenierung von Henzes "Gisela!", 2011/12 Verdis "Un ballo in maschera"; aktuell Henzes "Wir erreichen den Fluss"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.09.2012

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