Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Google+
Wiglaf Droste sang und las im Kleinen Haus in Dresden

Wiglaf Droste sang und las im Kleinen Haus in Dresden

Orkan Xaver hat ihn nicht aufhalten können: Pünktlich um halb acht sitzt Wiglaf Droste am Donnerstag vor dem vollen Auditorium im Dresdner Kleinen Haus, um aus seinem Buch "Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv" zu lesen.

Voriger Artikel
Märchenhafte Premiere in Weinböhla
Nächster Artikel
AnNa R. gastierte mit Gleis 8 im Alten Schlachthof

Wiglaf Droste

Quelle: Axel Martens

Doch bevor das neueste Werk eine Rolle spielt, erzählt Droste von seiner Anreise aus Leipzig. Den Schnellzug haben sie gestrichen, aber der Regionalexpress ist für sturmresistent erklärt worden - als Glossist und Satiriker mit mehr als 20 Jahren Felderfahrung hat Droste damit sein Einstiegsthema für den Abend gefunden, denn mit einer zünftigen Deutsche-Bahn-Schelte, die jeder Glossen-Azubi normalerweise gleich im ersten Lehrjahr absolviert, lässt sich immer beim Publikum punkten.

In den folgenden zwei Stunden beweist der Autor, dass er auch in den Folgeseminaren (u.a. Kommunikationsknigge und Sprachkritik) nicht gefehlt hat. So unspektakulär und erwartbar der Themenparcours, so unterhaltsam gelingt die Ausführung, denn Droste führt nicht nur eine spitze Feder, sondern ist auch ein mit reichlich Mutterwitz gesegneter, passionierter Aufs-Maul-Schauer. Zu Wort kommen zeternde Chemnitzer Taxifahrer, sexuell unterforderte, alleinstehende Damen in Cafés oder Weinkenner, die ihre Expertise selbst bei blechverschraubten Bordeaux-Flaschen an den Mann bringen. Auch als A-cappella-Sänger überzeugt das mit dem Spardosenterzett auftretende Multitalent, wenn es einen wehmütigen Blues aus den Katakomben der Fischmehlfabrik darbietet, wo Schlemmerfilet à la Bordelaise zusammengeklebt wird.

Der Gestus bleibt stets respektvoll und elegant, wiewohl der Kolumnist in freier Wildbahn normalerweise in Diensten der Meinungspolizei unterwegs ist, die ihn ab und an aus dem Käfig lässt, um den politischen Zeitgeist zu reißen. Glücklicherweise gibt es jedoch auch die etwas aus der Art geschlagenen, verschrobenen Vertreter der Spezies, die den Job ihren stilistischen Fähigkeiten und ihrem Wortgespür verdanken. Max Goldt ist so einer, Axel Hacke an besseren Tagen auch. Und Wiglaf Droste ist einer, und was für einer! Kaum eine seiner Textminiaturen nimmt mehr als fünf Minuten Vorlesezeit in Anspruch, so dass der Abend einen Bogen von seinen regelmäßig auf MDR Figaro vorgetragenen Sprachsprechstunden, über schicksalhafte Begegnungen am nächtlichen Burger-King-Schalter ("Guten Appetit." - "Ihren Zynismus können Sie sich sparen!") bis hin zu übersehenen Textperlen des Alltags spannt. Zum Höhepunkt gerät Drostes Blick in das prominentenverseuchte Gästebuch eines Gothaer Edelhotels, das der Autor um fabelhaften Nonsens bereichert. Etwas derber gerät die Schelte der selbsterklärten Investigationsnudel Marietta Slomka, der Droste aus aktuellem Anlass einen seiner ältesten Verse ins Stammbuch diktiert: "Ist das Hirn zu kurz gekommen, / Wird sehr gern Moral genommen." Berührend dagegen sowohl sein Porträt des Jazz-Saxophonisten Ernst-Ludwig "Luten" Petrowsky, mit dem Droste gelegentlich auftritt, als auch die als Zugabe dargebotene Geschichte vom Bären, der in Jägerverkleidung den Försterball aufmischt. Sie stammt aus der Feder von Drostes Fixstern Peter Hacks, dessen Nachlasspflege wohl die sympathischste Mission des Wahl-Leipzigers ist.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.12.2013

Wieland Schwanebeck

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr