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Wieland Förster stellte seine Autobiografie "Seerosenteich" vor

Wieland Förster stellte seine Autobiografie "Seerosenteich" vor

Am Ende des Abends, ehe er das Podium verlässt, richtet sich Wieland Förster noch einmal an seinen zwei Gehstöcken auf und bedankt sich bei seinem Publikum, jenen etwa 150 Zuhörern, von denen einige im Saal des Blockhauses auf Fußboden und Fensterbrettern sitzen.

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"Es ist ja immer ein Wagnis, einem solch späten Außenseiter wie mir zuzuhören", sagt der 82-Jährige. Im Alter ist der bildende Künstler, der immer auch geschrieben hat, zu seiner Kindheit zurückgekehrt. "Seerosenteich", seine Autobiografie, die an diesem Abend Buchpremiere hat, führt uns in die Jahre 1930 bis 1946.

Sie gehört zu jenen Büchern, die man, einmal angefangen, nicht wieder aus der Hand legen möchte. Von der ersten Seite an ziehen einen diese Sätze in ihren Bann. Schon weil diese wunderbare Sprache so viel Leben entfaltet im ruhigen, doch steten Fluss des Erzählens. Und welche Bilder findet er: Da riecht die Elbe "wie eine schwitzende Frau in der Waschküche", da ordnet er die Haare seiner Freundin wie eine "orientalische Kalligraphie".

Der Autor überhäuft uns nicht mit einem Sammelsurium von Fakten und Anekdötchen, sondern wählt sorgsam einige Begebenheiten aus, die zu markanten Wendepunkten seines Lebens geworden sind. Die aber gewinnen dann mit Detailfülle Kontur.

Der Schauspieler Friedrich Wilhelm Junge hat sich an diesem Abend eine der dramatischsten unter ihnen ausgesucht und sie großartig gestaltet: Der Versuch eines Agitators und Geheimdienstlers, den Erzähler mit gezückter Pistole zum Verrat zu zwingen. Förster erweist sich als meisterhafter Plastiker des Wortes. Der auch die Kunst des Verschweigens, der beredten Andeutung beherrscht. Eine jede Begebenheit erzählt nicht nur über ihn, sondern zugleich über jene Zeit.

So erfahren wir, wie die Mutter die fünf Kinder durchbringen muss, der Vater ist gestorben, als der Erzähler fünf war. Ihre Angst, die Kinder einem männlichen Vormund überlassen zu müssen, die Demütigung auf den Ämtern - hier wird sie erlebbar. Diese Lebenssituation macht ihn früh zum Außenseiter.

Eine Rolle, die er bald bewusst annimmt. Weil er am Ende stärker sein will als jener Lehrer, der den Linkshänder mit "heilsamer Gewalt" zum Schreiben mit der "guten" rechten Hand prügelt. Wir lernen einen Jungen kennen, der überlange Haare trägt, das wirkliche Abenteuer in der Freiheit, Unabhängigkeit, Wildheit entdeckt. Das macht ihn immun gegen die Verführungen politischer Massenbewegungen. "Ich mied auch später - ein Glück! - jeden kollektiven Gleichschritt, von dem keiner wusste, wohin er führen würde." Obgleich er im kleinbürgerlichen Milieu des Stadtrands, in Laubegast, aufwächst, unpolitisch dazu. Da gibt es so eine großartige Szene, die ganz ohne Worte auskommt: 9. November 1938, die Mutter fährt mit ihm in die Innenstadt, zeigt ihm stumm die brennende Synagoge. "Sie hat mir nie gesagt, was ein Jude ist", erzählt Wieland Förster im Gespräch. "Sie wollte es mir nur zeigen. Ich sollte es speichern." Es hat wohl etwas mit Anstand und Würde zu tun, die diese ihres Ernährers beraubte Familie trotz Geldknappheit bewahrt.

Wie wohlkomponiert das Buch ist, zeigt, dass sich der Autor den Höhepunkt für das letzte Kapitel aufspart: Der erste Bombenangriff auf Dresden im Oktober 1944. Hier wird die Wirklichkeit zum Alptraum. Jenes Bild des "Seerosenteiches", in dem das Staunen über das vermeintlich Schöne ins Grauen kippt, eine unglaubliche Synthese von "Wunder und Tod", gehört zu jenen, die man innerlich abzuwehren versucht, aber nie wird vergessen können.

Wieland Förster: Seerosenteich. Sandstein Verlag. 128 S., 18,00 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.04.2012

Tomas Gärtner

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