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Wiederbelebung geistiger Werte: Der Dresdner Literaturhistoriker Günter Jäckel ist kurz vor dem Weihnachtsfest gestorben

Wiederbelebung geistiger Werte: Der Dresdner Literaturhistoriker Günter Jäckel ist kurz vor dem Weihnachtsfest gestorben

Dresden stand für Günter Jäckel im Mittelpunkt seiner Lebenserfahrung. Mit seinem Tod verliert die Stadt einen Kundigen ihrer Tradition, einen Bewahrer ihrer Werte und einen Bürger ihrer Zukunft.

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Günter Jäckel

Quelle: privat

Günter Jäckel hat viel über Dresden gewusst und sein Wissen in seinen Veröffentlichungen verfügbar gemacht. Dabei war er ständig bestrebt, das Vergangene mit dem Gegenwärtigen zu verbinden.

Der Literaturhistoriker ist in der geistigen Nachfolge des Dresdner Goethefreundes Carl Gustav Carus zum aktiven Beförderer goetheschen Geistes vor Ort geworden. Von 1973 an hat er 25 Jahre lang die Ortsvereinigung Dresden der Goethe-Gesellschaft geleitet. Und er hat nach der revolutionären Wende, die eine friedliche war, 1991 den Dresdner Geschichtsverein mit Gleichgesinnten wiederbegründet. Bis 1998 war er Vorsitzender dieses Vereins, dessen Existenz er durch die Frage legitimiert fand, "wie viel Geschichte als eine Form des kollektiven Gedächtnisses und als Appellfunktion für künftige Erwägungen die Stadt braucht". Die Wiederbelebung geistiger Werte galt Günter Jäckel als Zukunftsarbeit, weil nur aus der Beziehung des gegenwärtigen Lebens auf die Richtwerte der geschichtlichen Entwicklung zukunftsdienliches Handeln erwachsen kann.

Der am 8. September 1926 in Bahra, einem heutigen Ortsteil von Bad Gottleuba-Berggießhübel, geborene Günter Jäckel musste als 18-jähriger Soldat an der Westfront den Todeshauch des Krieges am eigenen Leibe verspüren. Das aus dem Verderben davongetragene Leben hat er als Geschenk empfunden, das ihn vor seinem Gewissen zum Dienst der Humanität verpflichtete.

In Leipzig studierte er Germanistik und Literaturgeschichte, u.a. bei Hermann August Korff, dem Verfasser des Werkes "Geist der Goethezeit". Er promovierte an der Leipziger Universität und habilitierte sich in Breslau. In Dresden nahm er dann die akademische Lehrtätigkeit auf, die zur Berufung auf eine Professur für neuere deutsche Literatur an der Technischen Universität Dresden führte. Aber unbeschadet seiner geistigen Verwurzelung im Dresdner Lebensraum war er von ständiger Reiselust erfüllt, aus unerschöpflichem Interesse an der Welt. Zur DDR-Zeit nahm er Gastdozenturen in Vietnam, Ägypten und Polen wahr, bis er aus politischer Missliebigkeit den Status des "Auslandskaders" einbüßte.

Neben seinem Lehramt entfaltete er eine rege Tätigkeit als Herausgeber, Publizist und Essayist. Er editierte einen Band "Frauenbriefe der Goethezeit" (1966) und eine Bauernkriegs-Anthologie (1970). Es folgte die zweibändige Anthologie über das klassisch-romantische Geistesleben in Dresden, Günter Jäckels größter Wurf: "Dresden zur Goethezeit" (1987) und "Dresden zwischen Wiener Kongress und Maiaufstand" (1989). Letzterer Band trug in der westdeutschen Ausgabe den Titel "Dresden vom Biedermeier bis zur Revolution 1848/49". Beiden Bänden gebührt der Rang von Standardwerken.

Als Herausgeber zeichnete Günter Jäckel 1995 für die Sonderausgabe der Dresdner Hefte mit dem "Dresdner Tagebuch 1945" von Victor Klemperer verantwortlich, die vom Aufbau-Verlag in erweiterter Buchform übernommen wurde. Und nicht unerwähnt soll die von ihm herausgebrachte Selbstbiographie des Dresdner Lehrers und Kinderbuchautors Gustav Nieritz, eines Zeitgenossen Ludwig Richters, 1997 im Hellerau-Verlag bleiben. Vor zwei Jahren krönte Günter Jäckel seine literarische Lebensarbeit mit einem 300-seitigen Diskurs über die Geistes-, Kultur- und Sozialgeschichte Dresdens unter dem Blickwinkel der Literaturgeschichte: "Der Parnass einer Residenz. Dresden und seine Poeten" (2009). Über die Fülle des Wissenswerten hinaus glückte dem Autor in diesem Buch eine erhellende Darstellung der geistigen Physiognomie der Stadt.

Kurz vor dem Weihnachtsfest ist Günter Jäckel gestorben. Er war, nach langem Leiden, auf seinen Tod vorbereitet, auf "das letzte große Abenteuer, das wir erleben", wie er mit Ernst Bloch sagte. Er hat dem Tod in souveräner Gefasstheit entgegen gesehen, in sokratischer Ironie, immer des Bleibenden eingedenk, dem wir durch die Tat unseren Tribut zollen sollen. Der Satz, mit dem Friedrich Schiller 1789 seine Jenaer Antrittsvorlesung schloss, sei Günter Jäckel zum Grabspruch gegeben: "Jedem Verdienst ist eine Bahn zur Unsterblichkeit aufgetan, zu der wahren Unsterblichkeit meine ich, wo die Tat lebt und weitereilt, wenn auch der Name ihres Urhebers hinter ihr zurückbleiben sollte."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.12.2011

Ingo Zimmermann

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