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Wieder überraschend: Derevo-Uraufführung "Kasperol paradox" in Hellerau

Wieder überraschend: Derevo-Uraufführung "Kasperol paradox" in Hellerau

20 Jahre Derevo in Dresden, 10 Jahre in Hellerau, wie offiziell immer wieder betont wird. Tatsächlich gab es nach der Jubiläumsvorstellung im Großen Saal des Festspielhauses sogar einen Empfang mit Sekt und kleinen Häppchen für alle - dabei hatte sich die Stadt lange recht schwer getan mit der Ansiedlung und Förderung der längst weltweit bekannten Gruppe aus St.

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Starke Bilder mit erinnerungswürdigen Charakteren: Szene aus der Derevo-Uraufführung "Kasperol paradox".

Quelle: Stephan Röhl

Petersburg, und es war vor allem der persönlichen Initiative und Hingabe einiger engagierter Dresdner Kulturarbeiter zu verdanken, dass dieses unvergleichlich fantasievolle Theater der Illusionen, Emotionen und Subversionen der Stadt erhalten blieb und schließlich eine sichere Basis fand. Doch nichts davon fand sich in den kurzen Gedenkansprachen, mit denen Dieter Jaenicke als Künstlerischer Leiter des Europäischen Zentrums und Kulturbürgermeister Ralf Lunau die Uraufführung der neuesten Derevo-Produktion einrahmten, die freilich einen ganz eigenen Kommentar zur Geschichte im Allgemeinen wie im sehr Besonderen abgibt.

Das Aufeinandertreffen von Anton Adassinsky und Pavel Semchenko als Protagonisten der Aufführung geht in vielfacher Hinsicht an die Wurzeln. Die Begründer der komplementären oder antipodischen Petersburger Theatergruppen Derevo und Akhe liefern in ihrer Performance eine Art ironische Paraphrase auf den zweiten Teil des "Faust". Der Titel "Kasperol paradox" erinnert freilich auch an einen allzu modischen Aperitiv, und tatsächlich liefert dieser bittersüße Saft eine Grund- und Hautfarbe, den sichtbaren roten Faden im Spiel, nicht nur den Ton für sichelspitze Kaspernasen, an denen eben keine traurigen Clowns hängen, sondern eher urige Bastler und gelegentlich Draufhauer.

Makhina Dhzuraeva (ein Hoch der anglistischen Transskription) als Vertreterin des Ewig-Weiblichen, eine Helena, eine Manto aus der Göttlichen Komödie, in Aperol und weißen Spitzenkleidchen, hat eine schöne buchstäbliche Entwicklungsszene, in deren Resultat ein ehinderter Faust mit toten Augen sehend gemacht wird. Als Objekt denkbarer Begierden bleibt sie ansonsten ziemlich abstrakt, aber die Tänzerin gibt der ansonsten eher sperrigen, polternden und knarzenden Mischung aus Meditation und chaotischem Experimentieren bzw. schöpferischem Chaos einen zusätzlichen Hauch von Eleganz und Leichtigkeit. So schwimmt sie, sehr verlassen und sehr poetisch, wie ein kerzentragender Engel durch die düstere Atmosphäre einer Unterwelt, in die eine plutoweit entfernte Sonne nur gelegentlich ihre Strahlenfächer entsendet. Atmosphäre entsteht wie immer bei Derevo aus wenig: äußerst differenziert eingesetztem Licht, etwas Nebel und schrägen bis irrwitzigen Verwandlungen, hier speziell aus dem farblichen Leitmotiv Kasperol-Aperol, der auch einmal im Zweisekundentakt, Ton in Ton versprühend, auf einen kahlen Schädel tropft. Aber das Unterirdische, Vulkanische, zugleich astronomische Fremde und Ferne kommt letztlich vor allem aus dem Soundtrack von Daniel Williams, der nicht aus etwa nur aus aneinandergereihten Sequenzen besteht, sondern, abgesehen von irrlichternden Ausflügen bis zu Jazz und Swing, getragen wird von einer aufs Äußerste gedehnten, aber durchgehenden Melodik in Orgelklangfarben, die an die frühen Pink Floyd denken lassen und durch moderne Basssounds wirkungsvoll gesteigert werden.

Alles dreht sich mit und um einen großen alten Suppentopf zwischen zwei Podest-Pyramiden, die nicht nur als Laboreinrichtung und Requisiten-Magazine dienen, sondern auch der Symbolisierung der Gegensätze zwischen Leicht und Schwer (auf der einen Seite ein Arsenal von Wattebäuschen in Plastikbechern, auf der anderen Pflastersteine), zwischen Schöpfung und Zerstörung, wobei das eine nur zu leicht in das andere umschlagen kann.

Semchenko, mit einem dicken Teigklumpen schwanger, schlitzt sich den Bauch auf, knetet mehlstiebend einen Homunkulus, greift zur Teigrolle, und schon rollt sein Widerpart als Eben- oder Gegenbild dessen über den Boden, was da erst noch in einem messingschimmernden Globus ausgebacken werden soll. Semchenko beschwört das Bild des Neuen, zeichnet es im Spiel mit Milch und - Aperol. Sein Widerpart Adassinsky ist hier (im Unterschied zu seiner Filmrolle) kein funkensprühender Mephisto, eher ein gefallener Luzifer. Oder der Alte Adam, beim besten Willen nicht mehr glattzubügeln, jedenfalls ein widerborstiger Störenfried, der im Streit unterliegt, aber doch einen dunkel glühenden Stern einfängt und damit die Unterwelt noch düsterer macht. Einer, der die wahre Natur des scheinbar naiven, freundlich-verspielten Schöpfers enthüllt oder verändert, ihn bis zum vierfach versuchten, vierfach scheiternden Selbstmordversuch treibt... Doch die Geschichte muss weitergehen und sie geht auch weiter, der scheinbar eliminierte Schöpfer kehrt wieder in einem süßlich ironischen Bild, in Gestalt eines Centauren, auf dem Rücken eine Sonne mit Korallenstrahlen (Aperol), und er bringt den Homunkulus zur Welt, eine Brotpuppe, nicht mehr und nicht weniger, die umgehend vom Publikum verspeist wird, während Adassinsky sich anschickt, das ganze Inventar auf einem Plattenwagen abzutransportieren. Am Ende verharrt er, mit einem Arm voll Pflastersteinen, in einem freundlich hellen, schmallippigen Lächeln.

Für alle, die zu den alljährlichen Derevo-Tagen am Jahresende die weihnachtliche Komponente bzw. Stimmung vermissten, gab es diesmal ein richtiges Krippenspiel als Prolog im Foyer, knapp, schräg, sehr präzise, durchaus liebevoll und im Hintersinn vom Folgenden zusätzlich erhellt. Tomas Petzold

iDerevo in Hellerau: heute und morgen mit "Schneeflocken II", am 26., 27. und 28.12. mit "Once" (jeweils 20 Uhr), 26. bis 28.12. außerdem ab 19 Uhr der Film "Midwhite", der eng verknüpft ist mit der "Kasperol"-Uraufführung

www.hellerau.org

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.12.2013

Tomas Petzold

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