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Wie ein Däne Dresdens Musikfestspiele prägte

Kim Ry Andersen zum 70. Wie ein Däne Dresdens Musikfestspiele prägte

1994 kam mit Kim Ry Andersen ein Däne nach Dresden, der in den Folgejahren bis 2012 mit beeindruckender Kontinuität die Musikfestspiele als Verwaltungsdirektor und stellvertretender Intendant mitgestalten sollte. Am 15. Februar wird er 70, einer seiner Gratulanten ist Werner Barlmeyer, bis 2002 Kulturamtsleiter Dresden.

Kim Ry Andersen hatte in seiner Zeit als stellvertretender Intendant der Dresdner Musikfestspiele besondere Akzente gesetzt.

Quelle: Oliver Killig

Dresden. Die kleine Personalauswahlkommission, die Ende 1993 im Rathaus zusammensaß, musste auf den Bewerber, besser den Gast aus Halle ziemlich lange warten. Sie tat dies, noch ehe das Wort im Schwange war, ziemlich entspannt. Noch keine Handy-Nachfrage, keine GPS-Ortung, selbst vom Festnetz – zur Erinnerung – konnte nur OB Dr. Wagner in die Bundesländer einwählen, die plötzlich „alt“ hießen. Derweil man wartete – schon über eine Stunde – und über Blechlawinen auf der West-Ost-Autobahn und die einspurige Straßenverbindung zwischen Halle und Leipzig sinnierte, stimmte Michael Hampe, seit kurzem Intendant der Dresdner Musikfestspiele, noch einmal auf den Ankommenden ein: Däne, Jurist, Betriebswirt, nicht zu vergessen auch Musiker, berufliche Stationen im dänischen Kultusministerium, stellv. Intendant im königlichen Theater Kopenhagen, jetzt in derselben Funktion am Opernhaus Halle tätig. In ganz besonderer Weise qualifiziert! Er vergaß auch nicht hinzuzufügen, der Gast sei seit kurzem verheiratet ... Dr. Valerie Andersen, Operndirektorin in Halle, auch vom Fach, eine ganz glückliche Dreingabe.

„Noch einmal“, sagte Hampe, „ich brauche ihn ganz dringend!“

Er hatte recht. Die Musikfestspiele ruderten in aufgewühlten Gewässern. Die vorangegangene Intendanz hatte, plötzlich angekommen im „westlichen“ Kunstbetrieb und ausgestattet mit konvertibler Währung, ordentlich in die Tasten gegriffen. Das bescherte dem Publikum zwei wunderbare szenische Aufführungen von Rachmaninows Oper „Francesca da Rimini“ und von Tschaikowskis „Jolanthe“ in der Regie von Peter Ustinow. Also wie das Leben selbst: eine traurige und eine glücklich endende Liebesgeschichte. Freilich, so hoch wie Fiete Junge als Vergil im zweiten Kreis der Hölle auf der Oberbühne herumgeisterte, erwiesen sich am Ende die Verbindlichkeiten, zwei Millionen standen zu Buche, immerhin und zum Trost nur in DM. Der Finanzausschuss, obwohl damals noch daran gewöhnt, dass manches mangels Einübung über die Stränge schlug, zitierte tatsächliche oder vermeintliche Verantwortliche, so auch mich, zu sich und schoss nur nach mit der Beauflagung einer strengen, planenden und prüfenden Finanzwirtschaft. Das musste gelingen und deshalb das geduldige und gespannte Warten.

Nach diesem retardierenden Prolog tritt nun mit der angedeuteten Verspätung wegen Verkehrsstaus der Held auf: von angenehmem Äußeren und verbindlichem Wesen, hochgewachsen und gut gekleidet, mit unverwechselbarem dänischem Akzent, im übrigen ein hervorragendes Deutsch sprechend.

Dann das übliche Hin und Her bei Vorstellungsgesprächen. Auf die Frage, welche Führungserfahrung er habe, hätte er antworten können, er habe schon zwei Intendanten und einen Kultusminister geführt, und alle seien gut dabei gefahren. Das ist natürlich nur ein Bonmot – Andersen mit seiner strengen Loyalität und der Neigung zum Understatement hätte solche frechen Sprüche nie gemacht, aber die Sache hat einen Kern. In einem Festspielbetrieb nimmt der stellv. Intendant, schon weil er immer präsent ist, in ganz starkem Maße die Leitung von Personal und Organisationsbetrieb wahr, in vielem stärker und nachwirkender als der künstlerische Leiter. Also kam Kim Ry Andersen nach Dresden.

Aus Dresdner Sicht sollte man vier, genauer sechs Dänen kennen, darunter eine Dänin: Hamlet, Hans Christian Andersen, die Kurfürstin Anna und die Olsenbande. Da kam ein zweiter Andersen, und er wurde bekannt in dem, was man das öffentliche Leben nennt, durch eine im Gestus zurückhaltende, aber freundliche und aufmerksame Präsenz.

Das Profil, das ein Verwaltungsdirektor bei den Musikfestspielen ausfüllen muss, ist breit und anspruchsvoll. Erfahrungen in Planung und Abläufen bei Opern- und Konzertbetrieb sind wichtig. Und immer die leidigen Finanzen! Es mussten Verbindlichkeiten abgebaut, Einsparungen durchgeführt und die dafür notwendigen Instrumente beherrscht und angewandt werden...

Wir hatten miteinander zu arbeiten, wenn es um Budget, Leistungsvereinbarungen, Personal und Sponsoren ging. Was das künstlerische Programm betraf, so durfte es mich interessieren, aber ich durfte zu Recht nicht hineinreden. Am Anfang der neunziger Jahre ging das Finanzdezernat bei der Haushaltsaufstellung etwas seltsam vor. Für den ersten Entwurf durfte man noch aufschreiben, was immer man wollte, aber dann schnurrte alles unter einer Sparvorgabe wie nichts zusammen. Prof. Hampe gab sich bei solchen ernüchternden Zweitrunden erst einmal lakonisch. Der Träger legt fest, welches Format von Musikfestspielen er haben will, meinte er. Will sagen: Jeder bekommt die Musikfestspiele, die er verdient oder so ähnlich. Kim Ry Andersen sagte erst einmal nichts, meinte, er müsse überlegen, und am nächsten Tag hatte er einen Plan: So und so könne es gehen, und er werde den Intendanten wohl überzeugen können...

Valerie Andersen hat die Aufgabenfülle, die ihr Mann zu bewältigen hatte, in spontaner und herzlicher Weise zusammengefasst: „Er konnte aus einem Dreckloch eine moderne Ticketzentrale gestalten, er verband mit dem gemeinsamen Ticketverkauf alle Dresdner Musikinstitutionen, berief mit anderen die erste Dresdner Intendantenrunde, traf sich mit den Verwaltungsdirektoren zum fachlichen Austausch. Er verhandelte um die Aufführungsorte, vermittelte Aufträge an Komponisten, suchte Kooperationen mit anderen Städten, steuerte und kontrollierte die Gesamtorganisation. Neben der Abwicklung von bis zu 5000 Verträgen war er bei allen Proben und Aufführungen dabei. Er wusste Besucherzahlen und Preisstaffeln auswendig und bei Open Air Veranstaltungen auch, wann es regnen könnte.“

Dass er selber ausgebildeter Musiker ist, Operngesang als Bariton, Klavier und Violine, dass er über die Gabe des absoluten Gehörs verfügt um den Preis der Qual bei Missklängen, das hat er mir gegenüber in all den Jahren kaum angedeutet, eben: Zurückhaltung und Understatement. Nach seinem Eintritt in den Ruhestand traf ich ihn in der Straßenbahn. Er kam vom Heinrich-Schütz-Konservatorium, wo er seit kurzem Vorsitzender des Trägervereins war. Er sprach von „seinen“ 6000 Kindern, um die er sich gerade gekümmert habe. Das meinte er so, und es war Ausdruck herzlicher, väterlicher Zuneigung.

In einem allerdings kamen wir nicht zusammen: Er stopfte die Pfeife mit dänischem Tabak, ich mit englischem.

Heute wird er 70. Ich gratuliere sehr herzlich, wünsche Wohlergehen, Gesundheit, Heiterkeit und weiterhin den freundlich-aufmerksamen und kritischen Blick von Bühlau auf die Stadt und auf Welt und Zeiten.

Von Werner Barlmeyer

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