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Wie Texte weiterleben - DNN-Rezensent Tomas Gärtner blickt zurück auf die Dresdner Saison

Wie Texte weiterleben - DNN-Rezensent Tomas Gärtner blickt zurück auf die Dresdner Saison

Was war, was wird? Was war herausragend, wo konnten Erwartungen dagegen nicht erfüllt werden? Auch im Kulturbereich wird mittlerweile oft und gern nach Höhepunkten und Enttäuschungen gesucht, die eine Saison, ein Jahr, eine Spielzeit geprägt haben.

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Katharina Thalbach (r) und deren Tochter Anna haben Brasch-Texte im Schauspielhaus gelesen.

Quelle: dietrich flechtner

Eine Aufgabe, der sich nun im Sommer in lockerer Folge auch Autoren der DNN-Kulturseiten stellen. Sie fassen ihre ganz persönlichen Favoriten und Impressionen zusammen, erzählen in komprimierter Form von ihren Eindrücken zwischen Bravos und Kopfschütteln. Es ist mehr ein Rück- als ein Ausblick, und er soll subjektiv und damit streitbar sein. Vielleicht ein Anlass, auch als Leser vor diesem Hintergrund sein ganz persönliches Resümee zu ziehen - oder sich bewusst mit dem Fazit unserer Autoren auseinanderzusetzen. Heute erinnert sich Tomas Gärtner.

Das herausragende Ereignis

Der große Dichter Thomas Brasch (1945-2001) mag gestorben sein, tot ist er nicht. Seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Katharina Thalbach, und deren Tochter Anna haben uns im Februar im Schauspielhaus gezeigt, wie lebendig ein Schriftsteller sein kann, auch wenn er nicht mehr da ist. Sie gaben das Äußerste an Einsatz von Stimme und Körper. Welche Leidenschaft und Energie. Wer diese beiden Frauen auf der Bühne erlebte, begreift mehr von Braschs Texten. Wie viel Kraft darin steckt, wie viel Zerrissenheit, wie viel abgrundtiefe Verzweiflung, wie viel Einsamkeit und Sehnsucht nach tiefer Beziehung, wie viel rücksichtsloser Kunstwille. Er hat Phantasie besessen, liebte das wilde Fabulieren, hatte zugleich den unbestechlich realistischen Blick für die politische Verluderung der großen Hoffnung auf eine gerechtere Welt. Man kann ihn ja weiterleben lassen: seine Texte lesen, die Gedichte zum Beispiel. Kann heulen und Tränen lachen.

Überraschendster Künstler

Zwei sind zu nennen, die eine künstlerische Beziehung ausprobierten, was sich am Ende als Bereicherung erwies: Nora Gomringer, die zu den wenigen Dichterinnen zählt, die herausragen aus der weiten literarisch-ästhetischen Tiefebene der Poetry-Slams. Und das "Wortart Ensemble", drei Frauen, zwei Männer, die a-cappella-Gesang in atemberaubenden Arrangements pflegen. Wofür sie sich zunächst in anspruchsvolle Texte vertiefen. Musik, die Dichtung interpretiert. Im Januar haben sie in der Schauburg gezeigt, dass weit mehr daraus entstehen kann als die Summe zweier Kunstformen. Da kamen künstlerische Energien ins Hin- und Herfließen. Natürlich halten Nora Gomringers Gedichtbände auch jedem genauer hinschauenden einsam-stillen Lesen stand. Aber um ihre emotionale Kraft zu entfalten, brauchen sie die Performance. Möglichst von ihr selbst, die ihre Gedichte wie eine mitreißende Soulsängerin rüberbringt, dass man Gänsehaut kriegt.

Enttäuschte Erwartungen

Der Stadtschreiber des Jahres 2012, Akos Doma, der sich etwas rar machte. Sicher, niemand stellt allzu große Forderungen an den Amtsinhaber. Wenn er in Ruhe an seiner Prosa feilen will - Akos Doma etwa an seinem entstehenden Roman "Plattensee, einfach" -, die Zeit sei ihm gegönnt. Dazu ist so eine Stelle da. Die ja auch ein Refugium ist, weil man der Sorge um Einkünfte für einige Monate ledig ist. Vielleicht reichen ein paar Lesungen ja auch schon. Aus dem einen oder der anderen jedoch lockt die Stadt manchmal etwas hervor. Produktive Ausnahme-Momente, wenn jemand in der fremden Umgebung Neues in sich selbst entdeckt und auch wir Tal- und Hangbewohner dadurch ein wenig klüger über uns selbst werden. Doch Glücksfälle sind Geschenke, auf die niemand Anspruch erheben kann. Besser: Nichts erwarten, dann gibt es keine Enttäuschungen.

Was fehlte in der Saison?

Ein Publikum, das neugierig ist auf literarische Entdeckungen. Das nicht nur auf Abende der sicheren Größen, der bekannten Namen setzt. Gut, man kann mal eine unangenehme Überraschung erleben, wenn man zu den Texten gar keinen Zugang findet. Enttäuscht werden aber kann man selten, weil die Veranstalter denjenigen, den sie uns da präsentieren, in der Regel selber als faszinierende Entdeckung kennengelernt haben. Da darf man sich ruhig mal drauf verlassen. Wo es den Literaturfreunden an Traute gebrach, haben Veranstalter um so größeren Mut bewiesen, was Neues zu starten. Die erste Literaturmesse "schriftgut" im November 2012 zum Beispiel. Alles ohne Netz und doppelten Boden - Respekt. Und sie sind ja für eine Premiere, bei der noch keiner so richtig weiß, was es wird, ganz gut angekommen. Oder das Lyrik-Stipendium "poet in residence", Privatinitiative im Kulturhaus Loschwitz mit Unterstützung eines echten Mäzens. Junge, frische Lyrik und eine bereichernde Begegnung mit Carl-Christian Elze.

Worauf ist die Vorfreude groß?

Man könnte sich's leicht machen und sich auf so ein literarisches Großereignis wie das 1. Dresdner Poesie- und Literaturfestival Anfang September freuen. Aber die großen Schauspieler und Hörbuch-Stimmen werden gewiss ihr Publikum finden. Wirklich gespannt sein dürfen wir auf eine Dresdner Autorin, um die es nach ihrem Buch "Die Venus im Fenster" 2009 still war: Eleonora Hummel. Im Herbst soll bei Steidl ein neuer Roman von ihr rauskommen: "In guten Händen, in einem schönen Land". Diese Autorin, 1970 in Kasachstan als Russlanddeutsche geboren, hat, als sie 1982 nach Dresden kam, einen Schatz mitgebracht: Die schmerzvollen Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern. Die Ankündigung weckt Erwartungen auf einen bewegenden Stoff: Eine Mutter im sowjetischen Arbeitslager und ihre Tochter. Beklemmende Schicksale, die dunkle Seite der sowjetischen Geschichte, die Gulags. Beziehungen, Freundschaften, verzweifeltes Ringen mit dem Sowjet-Apparat, Kampf um eine eigene, glücklichere Geschichte.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.08.2013

Tomas Gärtner

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