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Widerspruch als Bauprinzip: Lesung und Gespräch mit Volker Braun in Dresden

Widerspruch als Bauprinzip: Lesung und Gespräch mit Volker Braun in Dresden

Zeit verdichten, gute Lyrik kann das. Volker Braun ist ein Meister darin. Reichlich fünfzig Jahre Geschichte können Platz finden in zwei Stunden Lesung und Gespräch.

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Volker Braun bei seiner Lesung in Dresden.

Quelle: Dietrich Flechtner

Gelegenheit zu diesem seltenen Erleb- nis hatten Zuhörer jetzt während der Aufzeichnung des MDR Figaro-Lese-Cafés in der Dresdner Haupt- bibliothek. Anlass ist Volker Brauns 75. Geburtstag am 7. Mai.

Seine Texte liefern uns Destillate individueller Erfahrung von Welt. Das verschafft ihnen Dauer. Gewichtiges hat er auf allen Gebieten geschaffen: Stücke, Romane, Erzählungen, Essays. Doch stets hören wir aus diesen konzentrierten, bildmächtigen Wendungen den Lyriker sprechen. Eine weise Entscheidung von Moderator Michael Hametner also, sich auf die Gedichte zu beschränken. Braun selbst betrachtet sie als "Kern der Arbeit" oder, mit Goethe, als "Hauptgeschäft".

Wie haltbar selbst etliche seiner frühen Texte aus den Fünfzigerjahren sind, hat er uns mit dieser akustischen Anthologie bewiesen, für die er selbst die Auswahl traf. Man muss sie hören in ihrem Rhythmus, den harten Brüchen, in der Wucht ihrer Worte und Bildfügungen.

Was Radiohörern verborgen bleibt: Wie seine rechte geöffnete Hand, knapp über dem Manuskript schwebend, sich im Takt der betonten Silben leicht hebt oder ein Zeilen- ende in den Raum wischt. Braun, der Vortragende, ist auch sein eigener Dirigent. Zusätzlich Farbe und Kraft verleiht dem Ganzen sein unauslöschliches Dresdner Idiom. Die hörbare Herkunft hat Bedeutung. Nicht als Lokalkolorit, sondern als Art, die Welt zu betrachten. "Mit Kindesbeinen ist man zweifelnd durch die Kindheitslandschaft gegangen", sagt er, nach genauesten Worten suchend. "Was uns verloren ging, war die klassische Gewissheit." Das habe auch die Form der Gedichte bestimmt. Ihre "wüste, verzweifelte Gestalt", vor allem aber den Widerspruch als Bauprinzip.

Seine Verse sind philosophisch, politisch, ohne je abstrakt zu wirken. Die unverwechselbaren Gedichttitel und Wendungen sind zu Sprachbildern für viele geworden.

Der ist früheste Erfahrung aus der Kinderzeit in Dresden-Rochwitz: "Ich wuchs auf in der schönsten Natur am Rand einer Trümmerstadt." Sein Vater wurde als Soldat noch in den letzten Kriegstagen getötet. "Schönheit und Schrecken - das war unsere ästhetische Erziehung." Dieses Prinzip macht seine Gedichte so wertvoll: Sie richten unseren Blick auf das Elend der Welt. Es sind Schreie der Empörung. Aber sie lassen einen nicht in heillose Verzweiflung kippen, weil stets auch ihr äußerster Gegenpol sichtbar wird: Momente von Schönheit. Arbeit hat er immer wieder beschrieben. Die hat er selbst geleistet mit der Schippe im Schlamm des Kohlentagebaus. Als großartige Tätigkeit, ja Rausch, aber auch als elende Schufterei im Dreck.

Seine Verse sind philosophisch, politisch, ohne je abstrakt zu wirken. Die unverwechselbaren Gedichttitel und Wendungen sind zu Sprachbildern für viele geworden. Solche, die wie er am politischen Anspruch gerechterer Zustände festhielten, ohne die wirklichen Verhältnisse aus dem Blick zu verlieren. Mit dieser Schreibhaltung ist er über die politische Umbruchzeit gekommen, ohne dass es ihm je die Sprache verschlagen hätte. Ein Gedicht, das wie kaum ein anderes Denken und Erfahrung vieler Ostdeutscher im Jahr 1989 in genialer Vollendung in ein altes Versschema von Walther von der Vogelweide ("Ich han min lehen") fasst, ist "Das Eigentum": "Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen", beginnt es.

Schon zu DDR-Zeiten ist Volker Braun nie auf den Staat aus gewesen, hat den Apparat als Verhängnis beschrieben. Er arbeitete an der Entwicklung einer "Gegensprache gegen die Politik", um auf das "eigentliche Leben" zu kommen. Das erweist sich als produktiv bis heute, wie die jüngeren Gedichte bewiesen, die er vortrug. Die kritische Bestandsaufnahme einer Überflussgesellschaft ohne Ziel ("Jetzt hast du alles, was du nicht brauchst"), die Flüchtlinge abwehrt, einer zerstörten Natur, einer Wirtschaftskrise ohne Aufbegehren.

Welches der Ort sei, von dem aus er schreibe, fragte ihn Michael Hametner. "Meine Erfahrung", antwortete Volker Braun. Dazu gehört die, dass Großmächte stürzen können. Und die einer geteilten Welt. "So war es seit eh und je. So ist es geblieben." Mithin bleibt Literatur "Öffnung in widersprüchliche Empfindung".

Tomas Gärtner

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.04.2014

Tomas Gärtner

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